Im Athener Nobelvorort Vouliagmeni stehen die Villen an seichten Hängen. Oben in der Hierarchie der Reichen und Mächtigen angekommen ist nur, wer von seiner Terrasse aus auf das smaragdgrüne Wasser der Bucht und auf die weißen Yachten im Hafen blicken kann.

Das Idyll der Reichen wurde Anfang der Woche jäh gestört. Beamte einer neu gegründeten Sondereinheit der griechischen Polizei rückten ein. Die Finanzpolizei, die sich ausschließlich um Steuervergehen kümmert, nahm den 47 Jahre alten Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens Petzetakis fest, ein in Griechenland bekannter Hersteller für Kunststoffrohre. Er soll dem griechischen Staat mehr als zwei Millionen Euro Steuern schulden. Noch am selben Tag wurde er der zuständigen Staatsanwaltschaft Athen vorgeführt. Es ist der jüngste Fall in einer Serie von Festnahmen, die das Viertel der Reichen erschüttert hat.

Kurz zuvor hatte es bereits einen der Großaktionäre des griechischen Baukonzerns Atti-Kat, der vor allem Tunnel und Autobahnen baut, getroffen. Der 62-jährige Unternehmer soll bei der Umsatzsteuer betrogen und 7,9 Millionen Euro am Fiskus vorbeigeschleust haben. Wegen Steuervergehen abgeführt wurden in den vergangenen Tagen außerdem die Inhaber einer Friseur- und einer Modehauskette.

Viele Griechen erfüllen diese Nachrichten mit Genugtuung . Zu Beginn der Krise hatte der damals amtierende Ministerpräsident Giorgos Papandreou angekündigt, dass für alle Menschen in diesem Land eine Zeit der großen Entbehrungen anstehe. Doch bis vor Kurzem spürten vor allem die Gering- und Mittelverdiener die Auswirkungen der Sparmaßnahmen und der Wirtschaftskrise: höhere Steuern, Kürzungen bei Renten und Gehältern, steigende Preise in allen Bereichen des Lebens.

Liste mit 14.700 Steuersündern soll veröffentlicht werden

Viele Griechen fragten sich: Wann geht es endlich auch den Tausenden Steuerbetrügern an den Kragen? Wann werden die Milliardenvermögen griechischer Unternehmer in der Schweiz versteuert? Wann müssen die Eliten für ihre Verbrechen büßen? Was nun in Griechenland geschieht, deutet darauf hin, dass diese Fragen allmählich beantwortet werden.

Es sind äußert drastische Methoden, mit denen die Regierung zu Werke schreitet. Am Montag setzte der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos ein Ultimatum . Es richtet sich an die Steuersünder des Landes: "Bis Donnerstag den 24. November werden alle Personen aufgerufen, die dem Staat mehr als 150.000 Euro schulden, sich bei den Steuerbehörden zu melden und ihre Schulden zu regeln", gab der Minister bekannt. "Nur so werden sie verhindern, dass ihr Name veröffentlicht wird."

Die schwarze Liste mit insgesamt 14.700 Namen, darunter 6.500 Privatpersonen, soll notfalls an die Medien in Griechenland gehen. Aber das ist nicht alles: Wer sich nicht freiwillig meldet, gegen den kann die neu gegründete Staatsanwaltschaft für Finanzangelegenheiten ein Gerichtsverfahren einleiten. Würde jeder dieser 14.700 Steuersünder mindestens 150.000 Euro an den Fiskus überweisen, kämen mehr als zwei Milliarden Euro zusammen.

Der beachtliche Eifer und die ersten Anzeichen für Erfolg im Kampf gegen Steuersünder sind aber nicht allein auf Minister Venizelos zurückzuführen. Seit Anfang September erhalten die griechische Steuerfahndung und die Finanzverwaltung technische Hilfe aus Deutschland. Der EU-Beamte Horst Reichenbach ist Vorsitzender einer Task Force für Griechenland , die von der EU-Kommission unter anderem dazu einberufen wurde, eine effektivere Finanzverwaltung in Griechenland aufzubauen.

Steuerabkommen mit der Schweiz nach deutschem Vorbild

Am Donnerstag legte Reichenbach in Brüssel den ersten umfassenden Bericht über seine Arbeit in Griechenland vor. Darin heißt es: "Einige Erfolge wurden erzielt. Bei der Eintreibung von Schulden beispielsweise haben eine Hand voll Mitarbeiter in den ersten sechs Monaten des Jahres 112 Millionen Euro eingenommen, indem sie neu eingeführte Methoden anwendeten."

Die Summe klingt hoch, ist jedoch im Vergleich zu allen ausstehenden Steuerschulden der Griechen mickrig: Die Arbeitsgruppe schätzt, dass die Griechen dem Staat insgesamt 60 Milliarden Euro schulden. Die Hälfte dieses Geldes sei Gegenstand laufender Verfahren, "von denen manche bereits länger als ein Jahrzehnt laufen", schreiben die EU-Beamten. Zum Vergleich: Die gesamte Staatsverschuldung Griechenlands liegt bei 372 Milliarden Euro.

Umso verständlicher erscheint, warum Finanzminister Venizelos den Steuersündern das Ultimatum gesetzt hat. Es soll nicht nur ein Gerichtsverfahren drohen, sondern auch die öffentliche Bloßstellung. Vielleicht ist diese Art der staatlichen Erpressung ein probates Mittel, um die Steuersünder doch zügig zur Zahlung zu zwingen.

"Wir wollen den Deutschen"

Nach deutschem Vorbild will sich die Regierung in Athen noch eine weitere Geldquelle erschließen. Seit einigen Monaten laufen die Verhandlungen zu einem Steuerabkommen zwischen Griechenland und der Schweiz, wie es kürzlich auch die Bundesregierung abgeschlossen hat . Noch bis Ende dieses Jahres soll es unterzeichnet werden. Auch hier haben die Betroffenen die Möglichkeit, sich den Fahndern zu stellen und ihre Vermögen versteuern zu lassen. Doch es soll noch einen zweiten Weg geben.

Wer seine Anonymität vor den griechischen Behörden wahren will, der soll auf die Zinsen seines Vermögens pauschal zehn Prozent Steuer über seine Schweizer Bank an den griechischen Staat überweisen. Die Einzelheiten des Abkommens sind aber noch nicht veröffentlicht. Möglich ist, dass dieser Satz deutlich höher liegt. Die Staatsanwaltschaft behält sich außerdem rechtliche Schritte vor. Schätzungen zufolge soll das Vermögen reicher Griechen in der Schweiz bei zwischen 100 bis 200 Milliarden Euro liegen.

Als Reichenbach und seine Task Force im September in Griechenland antraten, beschimpften vor allem nationalistische Medien den Deutschen als Gauleiter von Kanzlerin Angela Merkel. Diese Haltung scheint sich allmählich gewandelt zu haben. "Wir wollen den Deutschen", betitelte die griechische Tageszeitung To Vima kürzlich einen Kommentar. "Von wem können wir mehr erhoffen, dass aufgeräumt wird mit der Steuerflucht", fragt der Autor. "Von einem beliebigen Europäer oder dem griechischen Bürokraten und Politiker?"