Der polnische Stromnetzbetreiber PSE Operator ist auf die deutsche Energiewende schlecht zu sprechen. Denn wenn es in Norddeutschland stürmt, kennt Windstrom keine Grenzen. Er fließt hinüber zu unseren Nachbarn ins Stromnetz – und sorgt dort für Verärgerung. "Es kommt zu unkontrollierten, gefährlichen Stromflüssen", sagt eine Sprecherin von PSE.

Deutscher Windstrom blockiere nicht nur die Kapazitäten an den Grenzübergängen zwischen Deutschland und Polen. Er sorge zudem für Überlastungen im polnischen Netz. "Das kann sogar zu regionalen Stromausfällen führen", warnt PSE. Das staatliche Unternehmen erwägt radikale Maßnahmen und plant, am Stromnetz-Übergang zwischen Polen und Deutschland einen sogenannten Phasenschieber zu installieren. Ziel sei es, ihn bis zum Jahr 2014 in Betrieb zu nehmen, so die Sprecherin.

Mit Hilfe des riesigen Geräts, das einem Transformator ähnelt, kann Polen die Stromflüsse aus Deutschland besser regulieren. Vereinfacht gesagt kann Polen so die Strommenge aus Deutschland nach Bedarf reduzieren. Ein Phasenschieber wirkt wie eine Türsperre. So will Polen sein Netz im strukturschwachen Nordwesten entlasten, wo es gerade einmal zwei Höchstspannungsleitungen gibt.

Das polnische Stromnetz droht zusammenzubrechen

Die Lage ist so ernst, dass PSE sogar bereit ist, einen zweistelligen Millionenbetrag zu investieren, um den deutschen Windstrom besser zu kontrollieren. Denn so viel würde der Phasenschieber kosten. Auf deutscher Seite sorgen die Pläne für Aufregung, der für den Norden und Osten Deutschlands zuständige Netzbetreiber 50Hertz hat wenig Interesse an einer polnischen Stromsperre.

Wenn Polen weniger Windstrom aus Deutschland abnimmt, sorgt dies für noch mehr Stress im deutschen Stromnetz. Das ist schon heute an manchen Tagen an der Belastungsgrenze. Immer öfter müssen Netzbetreiber wegen der schwankenden Einspeisung eingreifen: Sie fahren manche Kraftwerke herunter, dafür andere hoch. Das macht das Stromnetz anfälliger für Störungen.

Zwei Höchstspannungsleitungen verbinden bislang das polnische und deutsche Stromnetz . Absurd werden die polnischen Pläne, wenn man sich eine Vereinbarung der beiden Netzbetreiber aus dem Jahr 2010 anschaut. Eine der Leitungen soll demnach aufgerüstet werden, um den europäischen Strombinnenmarkt auszubauen.

Zwischen Vierraden bei Schwedt und dem polnischen Krajnik wollen 50Hertz und PSE eine Leitung von 220 auf 380 kV hochrüsten. Zuerst wird also die Tür für den Stromfluss weit geöffnet – und dann macht Polen sie mit dem Phasenschieber wieder ein Stückchen zu. 

 Norddeutscher Ökostrom fließt über Polen und Tschechien nach Bayern

Die Rangeleien an der Oder zeigen, vor welchen Herausforderungen Deutschland und Europa in der Energiepolitik stehen. Mit dem Atomausstieg handelte sich Deutschland bereits scharfe Kritik aus Paris und Warschau ein, Deutschlands Nachbarländer warnten im September vor Engpässen im europäischen Stromnetz.

Jetzt zeigen sich langsam die Folgen des rasanten Ökostromausbaus. Im ersten Halbjahr 2011 trugen die Erneuerbaren erstmals mehr als 20 Prozent zum Strommix in Deutschland bei. Das Problem: Wo der Ökostrom produziert wird, findet er keine Abnehmer. In den neuen Bundesländern sind etwa 42 Prozent der Windkraftleistung Deutschlands installiert. Doch nur 20 Prozent der Stromverbraucher sitzen hier.

Der Strom muss von der Küste zu Verbrauchszentren im Süden Deutschlands transportiert werden. Doch welchen Weg nimmt er? "Strom sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstands", sagt Wolfgang Neldner. Der 55-Jährige war bis zum Frühjahr technischer Geschäftsführer bei 50Hertz.

Nur drei Höchstspannungstrassen verbinden West- und Ostdeutschland

Er verantwortete die sogenannte elektrische Wiedervereinigung Deutschlands, kennt sich bestens aus im deutschen Stromnetz. Drei große Trassen verbinden seit 1995 Ost- und Westdeutschland. Das sei viel zu wenig, um die Energiewende zu stemmen. "Also weicht der Strom nach Polen aus, das ist ein rein physikalisches Phänomen", sagt Neldner. 

Und so kommt es zu sogenannten Ringflüssen. Windstrom aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg fließt nach Polen und Tschechien. Und landet nach dem Ausflug ins Ausland im bayerischen Stromnetz, weil dort die großen Nachfrager sitzen. Für Polen und Tschechien bedeutet das Netzengpässe. Denn jede Kilowattstunde deutscher Windstrom im polnischen Netz ist für sie unplanbar und mindert die Kapazität für polnischen Kohlestrom.

Im Bundeswirtschaftsministerium kennt man dieses Problem. In einer Stellungnahme betont das Ministerium, wie dringend der innerdeutsche Netzausbau sei. Im Sommer verabschiedete der Bundestag das Netzausbaubeschleunigungsgesetz (Nabeg). Doch richtig voran geht es nicht, wie kürzlich der Brandbrief des Stromnetzbetreibers Tennet an die Bundesregierung zeigte.

 Auch Dänemark beschwert sich über das schwache deutsche Stromnetz

Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (dena), verfolgt die Pläne Polens mit Skepsis. Das Wichtigste sei, den innerdeutschen Netzausbau voranzutreiben, damit der Einsatz von Phasenschiebern nicht nötig werde, sagt er und warnt – wie auch die Bundesnetzagentur – vor einem unkontrollierten Einsatz dieser Sperren in Europa. "Wir müssen uns noch viel stärker auf europäischer Ebene koordinieren." 

In Brüssel ist dafür vor allem Entsoe-E zuständig, ein Verbund europäischer Stromnetzbetreiber. Hier gibt man sicher eher zurückhaltend, was die polnischen Pläne angeht. Unter bestimmten Umständen könnten sie eine nötige und kosteneffiziente Lösung sein, heißt es. Um einen Stromnetzausbau käme man in Europa aber nicht herum: Insgesamt seien mehr als 42.000 Kilometer neue und verstärkte Stromleitungen nötig, wolle man die Ziele der europäischen Energiepolitik erreichen.

Auch die Dänen sind genervt

Auch in Dänemark sorgt deutscher Windstrom für Probleme – allerdings aus einem anderen Grund. Dänemark verfolgt ebenfalls einen rasanten Ausbau der Windenergie. Schon jetzt macht Windstrom knapp ein Viertel des Strommixes aus. Für ihren Ökostrom suchen auch die Dänen Absatzmärkte. Der Stromnetzbetreiber Energinet würde ihn gerne an stürmigen Tagen über die Grenze nach Deutschland schicken.

Aber das deutsche Netz im Norden ist bereits prall gefüllt mit Windstrom. Energinet beklagt sich darüber, dass der Stromnetzbetreiber auf deutscher Seite bei Sturm die Kapazitäten an den Grenzübergängen mindere. Der zuständige Netzbetreiber Tennet verweist in einer Stellungnahme auf die aktuelle Gesetzeslage: "Tennet handelt ausschließlich gemäß dem Primat der sicheren Stromversorgung und damit nach gesetzlichen Verpflichtungen."

Dänemark hält nicht viel von diesen nationalen Alleingängen. "Das reduziert die Effizienz des gemeinsamen Marktes und erhöht den Druck im dänischen Netz", sagt Klaus Thostrup, Leiter der Vertriebsabteilung von Energinet. Wie die polnischen Kollegen mahnt auch er: "Es ist wichtig, dass Deutschland endlich seine internen Stromnetzprobleme löst."