Regionalkonferenz Stromnetz in Wöhrden, Schleswig-Holstein © Deutsche Umwelthilfe

Elisabeth Jacobsen hat sich vor eine riesige Schleswig-Holstein-Karte gehockt, die an einer Stellwand hängt. Ihr Zeigefinger gleitet umher, wo ist bloß ihr Wohnort Thalingburen? Endlich hat die 50-Jährige, die ihren echten Namen nicht nennen möchte, ihre kleine Ortschaft in Dithmarschen entdeckt.

Gleich daneben verlaufen zwei fette Linien auf der Karte. Kein gutes Zeichen, findet Jacobsen. Zwischen den Linien soll eine neue Stromleitung verlaufen, eine 380-kv-Leitung, die den Windstrom von der Küste nach Süddeutschland bringen soll. Bis zu 60 Meter können die Masten in den Himmel ragen. Und das gleich vor der Nase von Jacobsen, in Sichtweite des Hofes, der seit Generationen in Familienbesitz ist.

"Warum die Stromleitung nötig ist, verstehe ich nicht", sagt Jacobsen. "Die Atomkraftwerke gehen doch vom Netz, da müsste doch jetzt genug Platz in den bestehenden Leitungen sein."

Etwa 100 Bürger drängen sich an diesem Abend im Festsaal des Landgasthofs Oldenwöhrden. Wo sonst der Landfrauen-Verein feiert, hat sich diesmal Besuch aus der Landeshauptstadt Kiel angekündigt. Es geht um harten Stoff. Das Wirtschaftsministerium und die Stromnetzbetreiber im Land informieren über den geplanten Netzausbau. Drei Stunden lang wollen sie mit den Bürgern über Lastkapazitäten, Trassenführungen und Umspannwerke diskutieren. Und über die neue Westtrasse , die in der Region gebaut werden soll.

Das Besondere daran: Noch haben die Planungen für die Stromleitung nicht begonnen. Kein Antrag wurde gestellt, kein Beamter quält sich durch Katasterpläne. Es ist eine Art informelles Treffen und es dient nur einem Ziel: Die Bürger sollen so früh wie möglich an den Plänen beteiligt werden, um Konflikte mit ihnen und lange Klageverfahren zu vermeiden. In Deutschland betritt Schleswig-Holstein damit Neuland, bislang informiert kein Bundesland seine Bürger so früh und so ausführlich (siehe Kasten).

Denn gerade hier in Norddeutschland ist der Netzausbau dringend nötig, glaubt man den verantwortlichen Stromnetzbetreibern E.on, Tennet und der Schleswig-Holstein Netz AG. Im Sommer sinkt die Stromnachfrage  in der Region auf gerade einmal etwa 2.000 Megawatt. Das Angebot aber liegt weit darüber, im Jahr 2015 sollen Windräder, Solarparks und Biogasanlagen rund 9.000 Megawatt produzieren, das entspricht rechnerisch der Leistung von neun Atomkraftwerken.

Und dieser Strom muss abtransportiert werden, quer durch Deutschland, zu den großen Verbrauchsregionen. Allein 500 Kilometer Höchstspannungsnetz benötigt Schleswig-Holstein. "Die Energiewende und der Netzausbau können nur funktionieren, wenn wir Sie als Bürger so früh wie möglich einbeziehen und ihre Hinweise und Kritik beachten", ruft Markus Hirschfeld, zuständig im Wirtschaftsministerium für den Leitungsausbau, den Zuhörern im Landgasthof zu.