Stromnetz : Wenn die Energiewende auf den Bürger trifft

Im Streit um neue Strommasten will Schleswig-Holstein die Bürger möglichst früh beteiligen. Eine Konferenz in Dithmarschen zeigt: Die Bauern wollen Cash.
Regionalkonferenz Stromnetz in Wöhrden, Schleswig-Holstein © Deutsche Umwelthilfe

Elisabeth Jacobsen hat sich vor eine riesige Schleswig-Holstein-Karte gehockt, die an einer Stellwand hängt. Ihr Zeigefinger gleitet umher, wo ist bloß ihr Wohnort Thalingburen? Endlich hat die 50-Jährige, die ihren echten Namen nicht nennen möchte, ihre kleine Ortschaft in Dithmarschen entdeckt.

Gleich daneben verlaufen zwei fette Linien auf der Karte. Kein gutes Zeichen, findet Jacobsen. Zwischen den Linien soll eine neue Stromleitung verlaufen, eine 380-kv-Leitung, die den Windstrom von der Küste nach Süddeutschland bringen soll. Bis zu 60 Meter können die Masten in den Himmel ragen. Und das gleich vor der Nase von Jacobsen, in Sichtweite des Hofes, der seit Generationen in Familienbesitz ist.

"Warum die Stromleitung nötig ist, verstehe ich nicht", sagt Jacobsen. "Die Atomkraftwerke gehen doch vom Netz, da müsste doch jetzt genug Platz in den bestehenden Leitungen sein."

Markus Hirschfeld

Markus Hirschfeld ist Leiter des Referats Energiepolitik im Wirtschaftsministerium Schleswig-Holstein.

Etwa 100 Bürger drängen sich an diesem Abend im Festsaal des Landgasthofs Oldenwöhrden. Wo sonst der Landfrauen-Verein feiert, hat sich diesmal Besuch aus der Landeshauptstadt Kiel angekündigt. Es geht um harten Stoff. Das Wirtschaftsministerium und die Stromnetzbetreiber im Land informieren über den geplanten Netzausbau. Drei Stunden lang wollen sie mit den Bürgern über Lastkapazitäten, Trassenführungen und Umspannwerke diskutieren. Und über die neue Westtrasse , die in der Region gebaut werden soll.

Das Besondere daran: Noch haben die Planungen für die Stromleitung nicht begonnen. Kein Antrag wurde gestellt, kein Beamter quält sich durch Katasterpläne. Es ist eine Art informelles Treffen und es dient nur einem Ziel: Die Bürger sollen so früh wie möglich an den Plänen beteiligt werden, um Konflikte mit ihnen und lange Klageverfahren zu vermeiden. In Deutschland betritt Schleswig-Holstein damit Neuland, bislang informiert kein Bundesland seine Bürger so früh und so ausführlich (siehe Kasten).

Denn gerade hier in Norddeutschland ist der Netzausbau dringend nötig, glaubt man den verantwortlichen Stromnetzbetreibern E.on, Tennet und der Schleswig-Holstein Netz AG. Im Sommer sinkt die Stromnachfrage  in der Region auf gerade einmal etwa 2.000 Megawatt. Das Angebot aber liegt weit darüber, im Jahr 2015 sollen Windräder, Solarparks und Biogasanlagen rund 9.000 Megawatt produzieren, das entspricht rechnerisch der Leistung von neun Atomkraftwerken.

Und dieser Strom muss abtransportiert werden, quer durch Deutschland, zu den großen Verbrauchsregionen. Allein 500 Kilometer Höchstspannungsnetz benötigt Schleswig-Holstein. "Die Energiewende und der Netzausbau können nur funktionieren, wenn wir Sie als Bürger so früh wie möglich einbeziehen und ihre Hinweise und Kritik beachten", ruft Markus Hirschfeld, zuständig im Wirtschaftsministerium für den Leitungsausbau, den Zuhörern im Landgasthof zu.

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Kommentare

49 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Och, Schade

Geld wollen sie sehen, am besten dauerhaft? Handelt es sich hierbei etwa, Gott behüte, um GIER? Wie bei den Bankstern?
Die Ökonomisierung des Lebens greift immer mehr um sich. Es ist eine Schande. Sogar bei dem einfachen Landwirt, der nur auf das Wohl des Bodens bedacht sein sollte.

/Ironie aus

wie hoch die Strahlenbelastung sein wird

"Denn ob die neue Stromleitung eventuell den Wert ihres Hofes mindern wird, wie hoch die Strahlenbelastung sein wird, wie hoch sie entschädigt wird: All das kann ihr an diesem Abend noch niemand sagen – obwohl es doch so eilt."

Nunja, eins kann man mit Bestimmtheit sagen:

Ein elektrischer Leiter sendet keine Strahlung aus.

Vielleicht sollte Frau Uken vor ihrem nächsten energiepolitischen Artikel einmal einen Abendkurs Physik an einer Volkshochschule besuchen.

Sehr geehrte Frau Uken

Vielen Dank für Ihre Richtigstellung.

Die Vertauschung des elektrischen und magnetischen Feldes einer Freileitung mit einer nuklearen 'Strahlenbelastung' ist nicht einfach nur eine kleinere physikalische Ungenauigkeit.

Das Wort 'Strahlenbelastung' ist ein politisch hochkontaminierter Begriff und führt natürlich bei Leser und Zuhörer nach der allseitigen medialen Atomangstüberschwemmung, an dem sich ja auch die Zeit weitlich beteiligt hat, zu einer weiteren unberechtigten Furcht.

"Elektrosmog"

Hallo Felefon
vielen Dank für Ihre Antwort. Sicherlich haben Sie mit der politischen Konnotation des Wortes "Strahlenbelastung" recht und das sollte man bei der Berichterstattung beachten. Allerdings möchte ich zufügen: Auch wenn ich noch nicht weiter zu dem Thema "Elektrosmog" (bitte verzeihen Sie die physikalische Ungenauigkeit ;-)) recherchiert habe, ist mein erster Eindruck, dass es von wissenschaftlicher Seite doch sehr gegensätzliche Einschätzungen gibt, wie belastend nun der Elektrosmog tatsächlich ist.
Einen schönen Abend
Marlies Uken

Kein Unterschied

Physikalisch gesehen gibts aber zwischen den "Wellen" mit sehr geringer Frequenz und der (u.a. atomarer) "Strahlung" keinen Unterschied.

Der Unterschied tritt erst dann wirklich zutage, wenn man ihn anhand der Einwirkung auf biologisches Leben betrachtet. Hier haben Sie vollkommen Recht - die "Strahlung" der Hochspannungsleitung ist weniger gefährlich als z.B. die "Strahlung", die durch eine Spaltung eine Atomkerns entsteht.

Physikalisch gesehen ist eine Unterscheidung in "niederfrequenten Wellen" oder "hochfrequenter radioaktiver Strahlung" eigentlich unsinnig. Beides unterscheidet sich physikalisch nur in der Frequenz, ansonsten sind es identische physikalische Phänomene.