UgandaWald geschützt, Existenzen zerstört

Ein britisches Unternehmen will in Uganda Holzwirtschaft betreiben. Es verspricht Jobs, Waldschutz und Entwicklung. Dafür wurden Tausende von ihrem Land vertrieben. von 

Eine Bäuerin neben ihrer provisorischen Hütte. Wie viele andere wurde sie gezwungen, das Land zu verlassen, auf dem sie vorher lebte und das jetzt NFC bewirtschaftet.

Eine Bäuerin neben ihrer provisorischen Hütte. Wie viele andere wurde sie gezwungen, das Land zu verlassen, auf dem sie vorher lebte und das jetzt NFC bewirtschaftet.  |  © Edward Echwalu

"Ich habe mein Land verloren. Ich habe keine Rechte. Es ist, als ob ich kein Mensch mehr wäre." Fred Bahemuka, Vater von acht Kindern, lebte im Waldreservat Namwasa im ugandischen Distrikt Mubende – bis er von seinem Land verjagt wurde. Seine Existenz, sagt er, sei zerstört: "Land war mein Leben."

Sie könne sich noch gut an ihr Land erinnern, erzählt Christine Longoli aus dem Nachbardistrikt Kiboga. "Drei Morgen Kaffee, viele Bäume, Mangos und Avocados. Fünf Morgen Bananen", zählt sie auf. Ihre Felder lagen im Waldreservat Luwunga. "Ich bekam Auszeichnungen als beispielhafte Bäuerin", sagt sie. "Mein Land gab mir alles, von meinem Lebensunterhalt bis zur Bildung meiner Kinder. Die Leute nannten mich Omataka : Jemand, der Land besitzt." Doch das sei nun vorbei. "Jetzt gehöre ich zu den Ärmsten."

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Mit ihrem Land haben Bahemuka und Longoli ihre Lebensgrundlage verloren. Wie das geschehen konnte, auf diese Frage gibt es unterschiedliche Antworten.

Eine stammt von der Hilfsorganisation Oxfam. Es ist ein faktenreicher Report , der Quellen in mehr als 90 Fußnoten ausführlich dokumentiert. Mindestens 22.500 Menschen, berichtet Oxfam, seien in den Jahren zwischen 2006 und 2010 aus Namwasa und Luwunga vertrieben worden. Manche von ihnen lebten seit Jahrzehnten dort. Einigen Familien sei das Land von der Regierung zugewiesen worden, als Anerkennung für die Verdienste einzelner Familienmitglieder in vergangenen Kriegen.

Ich kann nicht mehr für meine Kinder sorgen.

Lokuda Losil, vertriebener Bauer

Die Bauern, die Oxfam – unter geänderten Namen – im Report zitiert, bebauten Land und hielten Vieh. Was sie erwirtschafteten, reichte, um satt zu werden, und das Schulgeld für die Kinder zu zahlen. Bis Soldaten, Polizisten und Mitarbeiter des britischen Unternehmens New Forests Company (NFC) sie verjagten, ihr Vieh abschlachteten, ihre Felder zerstörten und ihre Häuser niederbrannten. "Sie schlugen Leute zusammen, vor allem jene, die nicht weglaufen konnten", berichtet der Bauer Lokuda Losil. 

Eine Entschädigung gab es für die Vertriebenen nicht, auch kein neues Land. "Wo wir jetzt sind, weinen meine Kinder jeden Tag", sagt Losil. "Ich kann nicht für sie sorgen, und sie gehen nicht zur Schule. Sogar das Essen ist zum Problem geworden." Hunger, Armut, die Furcht, im Krankheitsfall nicht überleben zu können – die Erzählungen der Landlosen im Oxfam-Report gleichen sich. 

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Wo sie wohnten, wachsen jetzt Nadelbäume und Eukalyptus . Das Land gehört dem ugandischen Staat, aber bewirtschaftet wird es von NFC, eigenen Angaben zufolge der "größte Baum-Pflanzer Ugandas" und ganz besonders der Nachhaltigkeit verpflichtet. Insgesamt hält NFC in Uganda eine Lizenz für mehr als 20.000 Hektar Land. Etwa die Hälfte davon sind Plantagen für Nutzholz; daneben plant NFC, stark beschädigte ursprüngliche Wälder durch das Pflanzen von heimischen Arten aufzuforsten. Zusätzlich plant das Unternehmen, den Wald in Namwasa als Clean Development Mechanism (CDM) des Kyoto-Protokolls zertifizieren zu lassen. Das Klimageld aus den Industrieländern soll zusätzliche Einnahmen bringen.

Der Konzern verspricht den Ugandern Profite, Jobs, weniger Armut und Entwicklung. Doch der Oxfam-Report berichtet vom Gegenteil.

Leserkommentare
  1. das davor nicht gewarnt wurde. Aber wenn so eine neue Idee eines -ismus sich durchsetzt, dann wehe dem der dabei im Wege steht.

    • Krakz
    • 21. November 2011 10:17 Uhr

    So sieht es aus – Landgrabbing funktioniert in der dritten Welt immer so, dass Ländereien aus Allgemeinbesitz zunächst als Staatseigentum betrachtet werden. Und dieser Staat diese Länderein dann beliebig weiterverwenden kann.
    Es wird leider viel zu wenig beachtet, dass Nation-Bildung zunächst bedeutet, dass der Staat alle Saats-Regalien für sich beansprucht – im Rahmen einer traditionellen Gesellschaft bedeutet das eine Ruck-Zuck-Umverteilung zugunsten meist vollkommen "vertrauenswürdiger" und !un-koorupter" Zentralinstanzen

    Umgekehrt sollte aber auch klar sein, dass der ungebremste Geburtendruck in manchen Teilen Afriks auf eine komplette Zerstörung der Biostops und extreme Situationen hinausläuft

    • Karl7
    • 21. November 2011 10:28 Uhr

    Es scheint weltweit eine der größten Aufgabenstellungen der Zukunft zu sein einen Mittelweg zwischen Einzel- und Gemeinwohl zu finden. Einerseits ist es gut zu hören, dass sich in den Schutzgebieten funktionierende Lebensgemeinschaften entwickelt haben sollen. Andererseits ist das schon im Artikel benannte persönliche Beispiel mit acht Kindern ein Hinweis darauf, was in Zukunft mit dem Schutzgebiet geschehen würde. Urbarmachung, Rodung, und Anlegen von Ackerland. Es muss also ein Mittelweg gefunden werden zwischen Lebensraum für Menschen mit extrem steigener Population und wirklichen Schutzgebieten um auch den nächsten Generationen noch sinnvoll bewirtschaftete Waldflächen zu erhalten.

    Einzig das WIE der Umsiedlung der im Schutzgebiet lebenden Menschen macht den Unterschied. Was einmal zerstört ist lässt sich später nur noch mühsam wieder aufbauen, speziell bei so langsamen (Wachstums-)Prozessen wie dem Wald.

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    Einzig und allein, das wie ist bei der Umsiedlung der Stuttgart21 Gegner und Betroffene entscheidend. Das Warum und Weswegen ist nebensächlich. Und ich finde auch, das Gemeinwohl immer über das Einzelwohl zu stellen sei, schon allein im Hinblick auf die massenhafte Population innerhalb eines so kleinen Gebietes inkl. derer negativen Einflüsse auf die Natur.

    • outis
    • 21. November 2011 11:20 Uhr

    Genauso nicht, wie in dem Artikel beschrieben: ' "Wo wir jetzt sind, weinen meine Kinder jeden Tag", sagt Losil. "Ich kann nicht für sie sorgen, und sie gehen nicht zur Schule. Sogar das Essen ist zum Problem geworden."' Was nachhaltig hilft ist Zugang zu Bildung, selbstbewusste Frauen und ein Sinken der Kindersterblichkeit. Hier wurde das genaue Gegenteil bewirkt. Aber wie ein Vorkommentator schon anmerkte: wo -ismen herrschen.... http://www.kfw-entwicklun...

  2. Einzig und allein, das wie ist bei der Umsiedlung der Stuttgart21 Gegner und Betroffene entscheidend. Das Warum und Weswegen ist nebensächlich. Und ich finde auch, das Gemeinwohl immer über das Einzelwohl zu stellen sei, schon allein im Hinblick auf die massenhafte Population innerhalb eines so kleinen Gebietes inkl. derer negativen Einflüsse auf die Natur.

    • WolfHai
    • 21. November 2011 10:39 Uhr
    5. Was??

    Hier zeigt sich das Problem, wenn in einer vernetzten Welt plötzlich jeder für alles verantwortlich sein soll. Denn mit diesem Artikel fordert ZEIT Online mich indirekt auf, hier irgendwie Stellung zu beziehen - jedenfalls versucht mein Herz es automatisch.

    Gleichzeitig kann ich es nicht: es fehlen die nötigen Informationen, die auch ein zwei Seiten Artikel hier nicht bringen kann (die Geschichte, die Rechtslage, die ökonomische Situation, die ökologische Situation, das soziale Umfeld in Uganda, die Sitten, die Kultur). Selbst wenn ich sie hätte, könnte ich nichts tun außer mich hilflos zu empören. Zurück bleibt das ungefähre Gefühl, dass diese Erde ein fürchterlicher Platz ist, dem ich ziemlich hilflos ausgeliefert bin. Wem, bitte sehr, ist damit gedient?

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    • Peony
    • 21. November 2011 10:58 Uhr

    für ein wahres Wort zu dieser Sache. Trotzdem ist es gut davon zu erfahren. Wenn man uns mit allen "unangenehmen" Informationen stets verschont, dann bleibt diese Welt leider der frustrierende Ort, der sie so oft ist. Es mag vielleicht nicht viel ändern aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und sehr, sehr langsam...

    • Erdling
    • 21. November 2011 10:50 Uhr

    --- sein Fußabdruck sieht in etwa so aus, Länder beschlagnahmen, Leute versklaven und und und

    • Erdling
    • 21. November 2011 10:52 Uhr

    kann man die überschrift nur als irreführend bezeichnen.

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    Redaktion

    Lieber Erdling,

    ich finde die Überschrift ganz treffend. Alle Bauern wurden aus Waldschutzgebieten (Central Forest Reserves, CFR) vertrieben, in denen es verboten ist, zu siedeln. Der Waldschutz ist das wesentliche Argument der Behörden, die für die offenbar gewaltsamen Umsiedlungen verantwortlich sind. Das britische Unternehmen NFC pflanzt zwar auf der Hälfte der Flächen, für die es eine Lizenz hält, Plantagenholz an. Aber auf der anderen Hälfte soll ursprünglicher Wald wieder aufgeforstet werden, wie im Text geschrieben.

    Für die Bauern geht es um ihre Existenz. Für die Waldbehörde - neben dem Geschäft mit NFC, das sicher auch eine Rolle spielt - darum, den Wald vor weiteren Schäden zu bewahren. Das soll die Überschrift ausdrücken.

    Viele Grüße,
    Alexandra Endres

    • Peony
    • 21. November 2011 10:58 Uhr

    für ein wahres Wort zu dieser Sache. Trotzdem ist es gut davon zu erfahren. Wenn man uns mit allen "unangenehmen" Informationen stets verschont, dann bleibt diese Welt leider der frustrierende Ort, der sie so oft ist. Es mag vielleicht nicht viel ändern aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und sehr, sehr langsam...

    Antwort auf "Was??"

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  • Schlagworte Oxfam | Uganda | Umsiedlung | Vertreibung
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