Der Stolz des Försters von Osterburken ist ziemlich verwildert. Dietmar Heid stapft durchs Gestrüpp, weg vom Fahrweg in Richtung Wald. Hier, auf der Gemarkung Bofsheim, ranken Himbeer- und Brombeerbüsche, dazwischen krümmen sich einige verkrüppelte Birken, der Boden ist von Gras überwuchert. "Das war ein privates Waldstück. Der Eigentümer hat es nicht gepflegt", sagt der Förster. Ein paar Meter weiter stehen Fichten, dazwischen noch mehr Birken. Manschetten gegen Wildverbiss, inzwischen zu eng geworden, kringeln sich um die schmalen Stämmchen. Heid deutet darauf: "Das Stück hier hatte einen anderen Besitzer. Der hat irgendwann diese Birken gepflanzt und dann so gut wie nichts mehr daran getan."

Alle paar Meter ändert sich der Wald. Rote Zeichen an den Baumstämmen markieren die Grenze zwischen den einzelnen Waldstreifen. "Kleine Grundstücke", erklärt Heid. "Jedes hatte einen anderen Eigentümer." Daher die Unterschiede. 

Könnte man das Waldstück mit seinen Grenzen von oben betrachten, sähe es aus wie ein Puzzle aus lauter winzigen Teilen. Das liegt am hiesigen Erbrecht: Die Gegend ist Realteilungsgebiet. Stirbt ein Landbesitzer, erben alle Kinder zu gleichen Teilen. Sterben sie, erhalten ihre Kinder wiederum ihre Anteile. Und so weiter, über Generationen hinweg. Das Ergebnis ist ein großer Flickenteppich aus winzigen Waldstücken, deren Eigentümer in manchen Fällen gar nicht mehr feststellbar sind.

So groß wie eine Drei-Zimmer-Wohnung

Es gibt viele solche kleinen Privatwälder in Baden-Württemberg: Die Stuttgarter Regierung rechnet mit einer Fläche von mehr als 350.000 Hektar, die diese Miniwälder bedecken – das entspricht einem Viertel der Landesfläche. Eine Studie definiert klein restriktiver und kommt immerhin noch auf 195.000 Hektar , verteilt auf 233.000 Eigentümer, von denen jeder bloß 0,8 Hektar besitzt.

Das kleinste Stück Wald, mit dem Dietmar Heid in Bofsheim zu tun hatte, maß 68 Quadratmeter. "Solche Flächen lassen sich nicht mehr sinnvoll bewirtschaften", sagt der Förster. "Das gilt für 90, vielleicht sogar 95 Prozent des Privatwaldes." Die Wälder sind so klein, dass man sie gar nicht erschließen kann. Um gefällte Stämme abzutransportieren, wäre zum Beispiel eine Rückegasse nötig. Aber Rückegassen sind vier Meter breit – manche Kleinstwälder sind kaum breiter. Zudem wissen ihre Besitzer oft gar nicht mehr, wie man wertvolle und weniger wertvolle Bäume unterscheidet oder fällt, und sie haben auch nicht die nötige Ausrüstung, um das zu tun. So bleiben die Wälder sich selbst überlassen, als ungenutzte Vermögenswerte.

Dietmar Heid stammt selbst aus einer Bauern- und Waldbesitzerfamilie: Vater, Mutter, fünf Geschwister. "Als ich zehn, zwölf Jahre alt war, ging es im Winter nach der Schule in den Wald", erinnert er sich. "Die ganze Familie musste mit anpacken. Arbeit gab es immer." Mal kalbte eine Kuh, mal musste das Heu dringend eingebracht werden, mal war Brennholz zu besorgen. Irgendwann kam sein Vater auf die Idee, ihm pro Stunde Waldarbeit drei Mark zu zahlen. Von da an hatte Heid immer ausreichend Taschengeld, im Gegensatz zu seinen Altersgenossen, "von denen manche Schwierigkeiten hatten, genug Benzin fürs Mofa zu kaufen." Auch auf diese Art, sagt er heute, habe er gelernt, den Wald wertzuschätzen.

Der Förster hängt am Wald und kann sich immer noch für das Objekt seiner Fürsorge begeistern, nach rund zwanzig Jahren im Beruf. "Der Wald ist kein normales Wirtschaftsunternehmen", sagt er. "Die verbrauchen Rohstoffe und verschmutzen die Umwelt, ein einziger Mensch profitiert vom Ertrag." Im Wald sei das anders. "Viele Wälder sind gemeinschaftliches Eigentum."

Die Forste, die Dietmar Heid betreut, sind solche Gemeinschaftswälder: rund 1.400 Hektar insgesamt, verteilt auf zwei private Genossenschaften und die Stadt. Die privaten Genossenschaften sind Heids Modell für die Zukunft; mit ihrer Hilfe will er die Zerstückelung der Flächen rückgängig machen. Als Blaupause dient ihm die Waldgenossenschaft Bofsheim, die seit 1869 besteht. Heid und seine Vorgesetzten vom Forstamt Adelsheim haben sie um neue Waldstücke erweitert. Unter ihnen sind die winzigen Streifen, durch die der Förster gerade geht.