Es ist ein Sieg für die Agrarlobby: Aller Voraussicht nach wird der Senat in Brasilia heute eine umstrittene Neufassung des Waldgesetzes verabschieden, die illegalen Holzeinschlag weniger streng verfolgt als zuvor, und die Vorschriften zur Aufforstung gerodeter Gebiete lockert. Umfragen zufolge ist eine überwiegende Mehrheit der Brasilianer damit nicht einverstanden. Mehr als eine Million Menschen gingen am vergangenen Wochenende in den großen Städten aus Protest auf die Straße. Umweltschützer sehen den globalen Klimaschutz in Gefahr. Doch nichts deutet darauf hin, dass die Parlamentarier sich dadurch beeindrucken lassen.

Mehr als 50 Millionen Hektar Wald seien durch das neue Gesetz bedroht, warnt Greenpeace. Der WWF geht gar von 77 Millionen Hektar aus, einer Fläche, so groß wie Deutschland, Österreich und Italien zusammen. Dadurch könnten Emissionen freiwerden, die die Erde so stark aufheizen wie umgerechnet 28 Milliarden Tonnen Kohlendioxid – so viel Treibhausgase, wie Deutschland in drei Jahrzehnten ausstoße. 

Der Amazonas-Urwald in Brasilien ist der größte zusammenhängende Regenwald der Welt, etwa 15 Mal so groß wie Deutschland. Er beeinflusst das Klima weltweit. Seine Baumriesen wandeln Sonnenenergie durch Verdunstung in Wasserdampf um. Die feuchten Wolken, die aus den Wäldern aufsteigen, haben einen kühlenden Effekt auf das Klima ganz Amerikas – einiges deutet darauf hin, dass selbst die Landwirtschaft im Mittleren Westen der USA von ihnen abhängt. "Wenn der Urwald zu sehr gerodet wird, könnte im Norden der Regen fehlen", fürchtet Martin Kaiser, Klimafachmann von Greenpeace.

Amazonien unter Naturschutz

Die Wälder und der Boden, auf dem sie stehen, schlucken fast ein Viertel aller weltweit ausgestoßenen Treibhausgase. Würde man sie roden, ginge eine wichtige CO2-Senke verloren.

Das bisherige Gesetz, der Codigo Florestal aus dem Jahr 1965, stelle die nachhaltige Entwicklung des Waldes in den Vordergrund, sagt die Heinrich-Böll-Stiftung. Der Codigo schützt 80 Prozent des Amazonas-Regenwaldes als Reserva Legal (Naturreservat), in anderen Regionen ist die Quote etwas niedriger. Rodungen sind hier nicht erlaubt, auch nicht auf Privatbesitz. Flussufer und Grundstücke am Hang sind besonders geschützt. Das soll helfen, Bodenerosion zu vermeiden.

Bislang muss, wer zu viele Bäume fällt, den Wald wieder aufforsten und eine Strafe zahlen. In den Anfangsjahren des Codigo hätten die Behörden diese Vorschrift allerdings kaum durchgesetzt, berichtet die Heinrich-Böll-Stiftung . Erst in den neunziger Jahren, als die Entwaldungsraten so hoch gewesen seien wie nie zuvor, habe der damalige Präsident Cardoso begonnen, Verstöße zu ahnden. So gerieten die großen Landbesitzer unter Druck – seither kämpfen sie gegen das Gesetz.

Die Neufassung des Gesetzestextes lege nun eine Amnestie für illegalen Rodungsaktionen fest, die vor dem Juli 2008 stattgefunden hätten, kritisieren die Naturschützer. Die entwaldeten Flächen müssten nur zur Hälfte wieder aufgeforstet werden. Ihre Eigner könnten auch exotische Bäume oder Plantagenholz pflanzen, um den Vorschriften Genüge zu tun. Zusätzlich eröffne der neue Gesetzestext auch die Möglichkeit, nur noch die Hälfte des amazonischen Regenwalds als Reservat zu behandeln.