ZEIT ONLINE: Frau Schroeder, Sie sagen, dass wir durch Waldschutz unsere Emissionen nicht ausgleichen können. Warum?

Anika Schroeder: Bäume sind Teil eines natürlichen Kohlenstoffkreislaufes: Wenn sie wachsen, entziehen sie der Atmosphäre Kohlendioxid; wenn sie verrotten, geben sie das CO2 zurück. Die Emissionen aus unserer Industrie verändern diesen Kreislauf. Vor allem aber bleiben sie dauerhaft in der Atmosphäre. Man kann sie vielleicht dadurch ausgleichen, dass man anderswo Fabriken stilllegt – aber nicht durch Waldschutz. Denn auch ein Baum stirbt irgendwann, dann setzt er wieder Kohlendioxid frei.

ZEIT ONLINE: Wenn man den Bestand an Bäumen erhöht und dafür sorgt, dass für jeden sterbenden Baum ein neuer heranwächst, könnte es aber doch funktionieren.

Schroeder: Bäume wachsen langsam, und eine solche Lösung müsste global koordiniert werden, das dauert. Der Waldschutz muss zusätzlich kommen. Wir brauchen beides: Klimaschutz bei uns in den Industrieländern und Waldschutz in den Tropen. 

ZEIT ONLINE: Zusätzlich heißt, er darf nicht in den Emissionshandel integriert werden...

Schroeder: Genau, denn das würde bedeuten, dass Waldschutz und Minderung von Industrie-Emissionen gegeneinander verrechnet werden. Das ist auch methodisch schwierig. Die Emissionen aus fossilen Treibstoffen lassen sich ziemlich genau messen. Der CO2-Gehalt eines Baums aber hängt von vielen Faktoren ab. Die Art spielt eine Rolle, die Klimazone, der Boden – selbst, wie der Boden über die Jahrhunderte bewirtschaftet wurde, ist wichtig. Hinzu kommt, dass die Daten darüber sehr unsicher sind.

ZEIT ONLINE: Dennoch soll in den Waldschutz-Mechanismus REDD+, der hier verhandelt wird, einmal viel Geld fließen. Ist es realistisch zu glauben, dass die Mittel wirklich in den Waldschutz gesteckt werden – und nicht, in manchen Empfängerländern zumindest, Korruption und Ungerechtigkeit fördern?

Schroeder: Es kommt auf den Empfänger an. In Papua-Neuguinea beispielsweise herrscht kein Rechtsstaat, und die Regierung ist sicher nicht in der Lage, das Geld den Bestimmungen gemäß zu verwalten. Aber gerade dort hat die Bevölkerung ein hohes Interesse an wirksamem Waldschutz, weil sie von dem leben, was sie bereit stellen: Wild, Medizinpflanzen, Feuerholz, Früchte. Da könnten die Vereinten Nationen die Verwendung der Mittel regeln.

ZEIT ONLINE: Es kommt in vielen Ländern immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Waldschutzprojekten

Schroeder: Ja, viele meinen, man müsste einen Zaun um den Wald ziehen und die Waldbewohner aus dem Wald heraus holen. Und nicht immer lässt sich sagen, wer dafür verantwortlich ist. Die Regierung? Unternehmen? Selbst die Rolle von Waldschützern ist nicht immer klar. Ihre Organisationen hängen von externen Geldgebern ab und müssen schnell Erfolge vorweisen. Da werden soziale Fragen zuweilen vernachlässigt. Waldschutz kann die Menschenrechte aber auch fördern.

ZEIT ONLINE : Haben Sie konkrete Beispiele?

Schroeder: In Laos wurden jetzt zum ersten Mal seit Bestehen des Staates Waldbewohner überhaupt zu ihren Bedürfnissen befragt, ohne dass die Regierung sich einmischte. In Indonesien hat die Regierung erstmals offiziell anerkannt, dass Menschen in den Wäldern leben. Künftig kann sie die Existenz dieser Menschen nicht mehr einfach ignorieren. Sie kann keine Konzessionen zur Bewirtschaftung der Flächen vergeben und dann die Siedler mit dem Argument vertreiben, es hätte niemand von ihrer Anwesenheit gewusst.