Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die 27 EU-Mitgliedsstaaten am Freitag darauf einigen, die europäischen Verträge zu ändern, bleibt gering. Kurz vor Beginn des Gipfeltreffens in Brüssel sprach sich der schwedische Ministerpräsident Frederik Reinfeldt dagegen aus, die Abkommen umzuschreiben. In seinem Land habe er "keine Unterstützung" für die von Deutschland und Frankreich geforderten Änderungen. So müsse eine weitere Ansteckung unter den Ländern der Eurozone verhindert werden. "Der Kern der Probleme, die wir in Europa haben, ist wirtschaftlicher Natur. Das muss jetzt angegangen werden, eine Vertragsänderung könnte zu lange dauern."

Deutschland und Frankreich dringen hingegen auf eine Vertragsänderung, um die Haushaltsdisziplin in der Eurozone zu stärken. Unter anderem soll es automatische Sanktionen für Defizitsünder geben. Zudem soll für die nationalen Haushalte eine Schuldenbremse verbindlich gemacht werden. Dies wollen beide Länder zur Not in einem Abkommen unter den 17 Ländern der Eurozone festschreiben, wenn nicht alle 27 EU-Mitgliedstaaten zustimmen sollten. Dem Abkommen beizutreten stehe dann für weitere Ländern offen, also auch solchen, die wie Schweden nicht zur Eurozone gehören.

Ein getrenntes Vorgehen der Eurozone bedrohe den Zusammenhalt der gesamten Union, halten manche EU-Diplomaten diesem Plan entgegen. Die Ministerpräsidentin des Nicht-Eurostaats Dänemark, Helle Thorning-Schmidt, sagte: "Es ist sehr wichtig für uns alle, dass wir die 27 Mitgliedsstaaten zusammenhalten."

Doch die Interessengegensätze sind groß. Auch der britische Premierminister David Cameron sei während eines Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy bei seinen Forderungen geblieben, hieß es am Abend in Brüssel. Cameron habe abermals als Gegenleistung für eine Zustimmung zur Vertragsänderung ein britisches Vetorecht bei weiteren Finanzmarktregulierungen gefordert. Dies hatten Deutschland und Frankreich schon vorher als inakzeptabel abgelehnt.

Die EU-Kommission leistet ebenfalls Widerstand: Die erforderliche Änderung der Verträge sei zu langwierig und angesichts der nötigen Ratifizierung durch nationale Parlamente zu riskant, heißt es dort. Unmittelbar vor Gipfelbeginn sprachen sich die Spitzen der EU-Institutionen mit Merkel und Sarkozy in der sogenannten Frankfurter Runde ab. Zu dieser Runde gehören Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker, der Präsident des Europäischen Rates Herman van Rompuy, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der neue Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, sowie die Chefin des Internationalen Währungsfonds Christine Lagarde. Van Rompuy schlug als ersten Kompromissschritt eine minimale Änderung des Vertrages vor, die schnell umgesetzt werden könnte.