Evasion lautet in diesem Jahr das Motto der Weihnachtsschaufenster des berühmten Pariser Kaufhauses Printemps am Boulevard Haussmann. Als hätten Artdirektor Franck Banchet und seine Mitarbeiter vorhergesehen, dass die Flucht in eine Phantasiewelt den Wunsch vieler Franzosen in diesen Wochen widerspiegeln würde. Denn die Realität sieht keinesfalls so glamourös aus wie die die Deko, die Printemps in Zusammenarbeit mit Chanel-Chefdesigner Karl Lagerfeld zusammengestellt hat. Im Winterhalbjahr wird Frankreichs Wirtschaft in eine Rezession abgleiten, meldete vor wenigen Tagen das Statistik-Institut Insee: minus 0,2 Prozent von Oktober bis Dezember, minus 0,1 Prozent von Januar bis März. Anschließend sehe es mit 0,1 Prozent Wachstum im zweiten Quartal 2012 nicht viel besser aus.

Das hat gravierende Folgen – nicht nur für Frankreich, sondern für ganz Europa. Die von der Regierung seit dem Sommer bereits von 2,25 auf 1 Prozent verringerte Wachstumsprognose für das kommende Jahr wird unmöglich zu halten sein. Auf dieser Prognose basieren aber auch sämtliche Berechnungen für das Budget, das eine Verringerung der Neuverschuldung auf 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vorsieht. Das renommierte französische Wirtschaftsforschungsinstitut OFCE geht vielmehr von 5,3 Prozent aus, wenn die Regierung ihre angekündigten Sparmaßnahmen im Umfang von 18 Milliarden Euro nicht auf 30 Milliarden erhöht. Doch in Frankreich stehen im nächsten Frühjahr Präsidentschaftswahlen an. Amtsinhaber Nicolas Sarkozy, der ohnehin um seine Wiederwahl fürchten muss, ist wenig geneigt, seine Mitbürger noch mehr zu vergrämen.

Wie die Rating-Agenturen auf derartige Aussichten reagieren, kann man sich unschwer ausmalen. Sie drohen bereits damit, Frankreich die Bestnote "AAA" abzuerkennen. Das würde dann nicht nur die Zinsen für französische Staatsanleihen erhöhen, sondern auch den europäischen Rettungsfonds in Turbulenzen bringen. Frankreich ist neben Deutschland Garant für die Bestnote des Fonds.

Der Lawine, die sich da anbahnt, begegnet Frankreichs Regierung mit Trotz. Finanzminister François Baroin lässt wissen, der Haushaltsplan für 2012 stehe selbst bei einem Wirtschaftswachstum von lediglich 0,4 Prozent wie eine Eins. Schließlich habe man noch eine Reserve von sechs Milliarden Euro für schlechte Zeiten in petto. Allerdings wurde auf ihn in den vergangenen Jahren praktisch stets zurückgegriffen, auch wenn die Lage weniger dramatisch war. So ist es wohl kein Zufall, dass Forschungsminister Laurent Wauquiez sogar das Wort Protektionismus in den Mund nimmt. "Wir müssen uns von einer Epoche verabschieden", erklärte er gerade in einem Interview, "als die Konservativen und das Zentrum: 'Es lebe der freie Warenaustausch' riefen und dachten, er würde eine bessere Welt schaffen."