Man fühlt sich dieser Tage an die finstersten Zeiten der Finanzkrise von 2008 erinnert: Die Banken vertrauen einander nicht mehr und leihen sich gegenseitig kein Geld. Die Europäische Zentralbank (EZB) muss daher einige Institute mit den notwendigen Zahlungsmitteln versorgen, während Institute mit Liquiditätsüberschuss diesen bei der Zentralbank deponieren. Aber ist dies ein gravierendes Problem? Kann ein Finanzsystem auf Dauer funktionieren, wenn der Interbankenmarkt so problematisch geworden ist?

Eine zentrale Funktion des Bankensystems ist die eines Liquiditätsspeichers für die gesamte Wirtschaft. Da der Geldbedarf der Kunden nicht immer gleichzeitig anfällt, kommt die Bank mit wenig liquiden Mitteln aus und kann einen größeren Teil Ihres Vermögens langfristig und gewinnbringend anlegen. Der notwendige Liquiditätspuffer wird durch den Interbankenmarkt nochmal erheblich reduziert. Sieht sich ein einzelnes Institut einem überraschend hohen Liquiditätsbedarf gegenüber, kann es sich schnell und problemlos die nötigen Mittel bei anderen Instituten beschaffen.

Der Zusammenbruch des Interbankenmarktes ist also kein harmloser Nebeneffekt einer Finanzkrise, sondern rührt an eine der zentralen Funktionen der Banken. 2008 und gegenwärtig erneut wird das Bankensystem von der Zentralbank künstlich beatmet, damit es seine Funktion als Liquiditätsspeicher weiter erfüllen kann. Dabei übernimmt die EZB leider nicht nur Liquiditätsrisiken. Sie stellt Liquidität gegen immer schlechtere Sicherheiten zur Verfügung.

Während in normalen Zeiten eine Bank, die sich wegen mangelnder Bonität nicht die notwendige Liquidität verschaffen kann, aus dem Markt ausscheidet, bauen sich nun die Verlustrisiken bei der Zentralbank auf. Die Verluste werden letztlich von der Allgemeinheit getragen, sei es durch einen Verlustausgleich durch eine große Kapitalerhöhung bei der Zentralbank oder durch eine galoppierende Inflation.

Banken vom Staatsversagen aufgesessen

Damit der Interbankenmarkt wieder in Gang kommt, müssen die Banken wieder Vertrauen zueinander fassen. In der Finanzkrise von 2007 bis 2009 war dieses Vertrauen dadurch beeinträchtigt, dass sich in den Bankbilanzen und ausgelagert in Spezialgesellschaften Wertpapiere und Risikopositionen befanden, die von den anderen Banken nicht mehr bewertet werden konnten. Diese Risiken stammten überwiegend aus dem amerikanischen Kreditmarkt.

Heute sind die riskanten und kaum noch bewertbaren Positionen die Staatsanleihen der Euro-Staaten. Waren damals die schlechten Risiken durch ein Marktversagen in die Bilanzen einstmals solider Kreditinstitute geraten, ist der Bankenapparat nun einem Staatsversagen aufgesessen. Dieser wirkt sich auch deshalb so gravierend auf die Stabilität des Bankensystems aus, weil Staatsanleihen früher als quasi risikolos angesehen, bankaufsichtsrechtlich privilegiert und daher in jeder Bankbilanz in großem Volumen zu finden waren.

Insgesamt ist die Verschuldung der Eurozone nicht höher als etwa die der Vereinigten Staaten oder gar Japans. Problematisch sind jedoch die Anreize innerhalb der Eurozone. Ursprünglich vereinbart war, dass jedes Land für sich selbst haftet. Diese Haftungsbeschränkung erwies sich nicht als glaubwürdig, und tatsächlich wurde sie in der Krise nicht aufrechterhalten. Der Wert der gemeinsamen Haftung für das einzelne Land ist jedoch umso größer, je stärker es verschuldet ist.