Schuldenkrise : Das Bankensystem wird künstlich beatmet

Die Banken leihen sich untereinander kaum noch Geld, die EZB übernimmt das Risiko. Mögliche Verluste muss die Allgemeinheit tragen, schreibt H.-P. Burghof im Gastbeitrag.

Man fühlt sich dieser Tage an die finstersten Zeiten der Finanzkrise von 2008 erinnert: Die Banken vertrauen einander nicht mehr und leihen sich gegenseitig kein Geld. Die Europäische Zentralbank (EZB) muss daher einige Institute mit den notwendigen Zahlungsmitteln versorgen, während Institute mit Liquiditätsüberschuss diesen bei der Zentralbank deponieren. Aber ist dies ein gravierendes Problem? Kann ein Finanzsystem auf Dauer funktionieren, wenn der Interbankenmarkt so problematisch geworden ist?

Eine zentrale Funktion des Bankensystems ist die eines Liquiditätsspeichers für die gesamte Wirtschaft. Da der Geldbedarf der Kunden nicht immer gleichzeitig anfällt, kommt die Bank mit wenig liquiden Mitteln aus und kann einen größeren Teil Ihres Vermögens langfristig und gewinnbringend anlegen. Der notwendige Liquiditätspuffer wird durch den Interbankenmarkt nochmal erheblich reduziert. Sieht sich ein einzelnes Institut einem überraschend hohen Liquiditätsbedarf gegenüber, kann es sich schnell und problemlos die nötigen Mittel bei anderen Instituten beschaffen.

Der Zusammenbruch des Interbankenmarktes ist also kein harmloser Nebeneffekt einer Finanzkrise, sondern rührt an eine der zentralen Funktionen der Banken. 2008 und gegenwärtig erneut wird das Bankensystem von der Zentralbank künstlich beatmet, damit es seine Funktion als Liquiditätsspeicher weiter erfüllen kann. Dabei übernimmt die EZB leider nicht nur Liquiditätsrisiken. Sie stellt Liquidität gegen immer schlechtere Sicherheiten zur Verfügung.

Hans-Peter Burghof

Hans-Peter Burghof lehrt und forscht als Professor an der Universität Hohenheim im Fachgebiet Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen. Daneben ist er Herausgeber der Zeitschrift Kredit und Kapital. Vor seiner akademischen Laufbahn hat er als Bankkaufmann gearbeitet.

Während in normalen Zeiten eine Bank, die sich wegen mangelnder Bonität nicht die notwendige Liquidität verschaffen kann, aus dem Markt ausscheidet, bauen sich nun die Verlustrisiken bei der Zentralbank auf. Die Verluste werden letztlich von der Allgemeinheit getragen, sei es durch einen Verlustausgleich durch eine große Kapitalerhöhung bei der Zentralbank oder durch eine galoppierende Inflation.

Banken vom Staatsversagen aufgesessen

Damit der Interbankenmarkt wieder in Gang kommt, müssen die Banken wieder Vertrauen zueinander fassen. In der Finanzkrise von 2007 bis 2009 war dieses Vertrauen dadurch beeinträchtigt, dass sich in den Bankbilanzen und ausgelagert in Spezialgesellschaften Wertpapiere und Risikopositionen befanden, die von den anderen Banken nicht mehr bewertet werden konnten. Diese Risiken stammten überwiegend aus dem amerikanischen Kreditmarkt.

Heute sind die riskanten und kaum noch bewertbaren Positionen die Staatsanleihen der Euro-Staaten. Waren damals die schlechten Risiken durch ein Marktversagen in die Bilanzen einstmals solider Kreditinstitute geraten, ist der Bankenapparat nun einem Staatsversagen aufgesessen. Dieser wirkt sich auch deshalb so gravierend auf die Stabilität des Bankensystems aus, weil Staatsanleihen früher als quasi risikolos angesehen, bankaufsichtsrechtlich privilegiert und daher in jeder Bankbilanz in großem Volumen zu finden waren.

Insgesamt ist die Verschuldung der Eurozone nicht höher als etwa die der Vereinigten Staaten oder gar Japans. Problematisch sind jedoch die Anreize innerhalb der Eurozone. Ursprünglich vereinbart war, dass jedes Land für sich selbst haftet. Diese Haftungsbeschränkung erwies sich nicht als glaubwürdig, und tatsächlich wurde sie in der Krise nicht aufrechterhalten. Der Wert der gemeinsamen Haftung für das einzelne Land ist jedoch umso größer, je stärker es verschuldet ist.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Auch die Banken werden noch mehr Federn lassen müssen

10 kleine Negerlein …
Die Superstars der europäischen Politiker haben Träume, die leider so nicht in Erfüllung gehen können. Das hätten die Bankmanager, wie Herr Ackermann der super tolle Typ, von Anfang an wissen müssen.
Die europäischen Staaten unterliegen den wirtschaftlichen Grundgesetzen der unterschiedlichen wirtschaftlichen, ökonomischen, ökologischen und kulturellen Strukturen. Schon deshalb kann der Euro auf lange Sicht nicht bestehen. Den Euro gibt es nur noch, weil seit der Einführung permanent neue Schulden gemacht wurden.
Die Staaten der Eurozone driften wie das Polareis immer mehr auseinander. Jetzt wollen Politiker mit diktatorischem Gehabe retten was nicht zu retten geht. Jetzt geht es auch den Banken immer mehr an den Kragen. Wer ehrlich und solide gewirtschaftet hat, kommt mit einem blauen Auge davon.

Ich bin verwirrt...

...die EZB senkt die Leitzinsen auf 1,0% und 2 Stunden nach der Veröffentlichung ist auf keiner Tageszeitung² mehr etwas darüber zu finden.

Dabei ist diese Meldung mehr als Sprengstoff (um im Duktus der Euro-Rettung zu bleiben). Abgesehen davon, dass es illegal ist denn die EZB hat die Inflationsstabilietät vorrang zu gewähren, ist es vermutlich sowieso egal, da die EZB bereits illegaler Weise Anleihenaufkäufe tätig und nun auch noch politisch motiviert Geld druck.
Aber was ist schon illegal? Wird Geld an Griechenland gegeben dann ist das kein verfasungswidriges Bail-out, sondern eine ja.. äh... Leihmaßnahme oder so (auch wenn mittlerweile ein Schuldenschnitt vereinbart wurde).

Tja, in Zeiten wo Luftbombardierungen als Rebellenleitsystem und Bomben als Brunnen bezeichnet werden, ist es wohl mit Moral und Gerechtigkeit nicht so weit...

...im Übrigen: Der DAX fällt trotz dieser Ankündigung! DAS ist die wahre Meldung...

²ausser faz natürlich.

Mario Draghi flutet den €uroraum mit Liquidität

und zwar nicht nur die Pleite-affinen €uro-Staaten durch den Aufkauf Hochklassiger griechischer bzw. italienischer oder portugiesischer Staatsanleihen, sondern nun auch jede verdammte marrode Bank, die Geld braucht.

Bin ich froh, dass ich meine Eurobestände gegen eine stabile Währung umgetauscht habe.