Es sind schlechte Tage für den Klimaschutz. Gerade quälte sich die UN-Klimakonferenz in Durban zu einem dürftigen Ergebnis. Nun verkündet Kanada, vorzeitig aus dem Kyoto-Protokoll auszusteigen . Zu Recht ist die Aufregung groß: Kanadas Schritt schwächt den bislang einzigen Versuch der Staatengemeinschaft, den globalen Ausstoß von Treibhausgasen durch klare, verpflichtende Grenzen für einzelne Emittenten zu senken.

Für die internationale Klimapolitik ist das ein schlechtes Signal. Zwar hat Kanadas Umweltminister Peter Kent recht, wenn er sagt, das Kyoto-Protokoll sei "nicht der Weg hin zu einer weltweiten Lösung gegen den Klimawandel", denn der Vertrag nimmt die größten Emittenten gar nicht in die Pflicht. Die USA haben ihn zwar unterzeichnet, aber nie ratifiziert, und Schwellenländer wie China werden durch ihn gar nicht gebunden. Damit bleiben ausgerechnet die größten Emittenten außen vor. Wie wenig das Kyoto-Protokoll funktioniert, zeigt die Entwicklung seit 1990: Seitdem sind die globalen Emissionen trotz Kyoto nicht gesunken, sondern um 40 Prozent gestiegen.

Es sind die Unterzeichnerstaaten selbst, die dafür verantwortlich sind. Daten des UN-Klimasekretariats UNFCCC belegen: Nur wenige von ihnen sind bislang ihrer Pflicht nachgekommen, Emissionen zu senken. Selbst unter den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, die so gerne Klima-Vorbild sein will, werden nur Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Schweden und Großbritannien ihre Klimaziele im eigenen Land erreichen. Das besagen neue, von der Europäischen Kommission veröffentlichte Projektionen .

Europa ist nicht nur Vorbild

Spanien hingegen überschreitet sein Budget bei weitem; Italien dürfte ebenfalls Schwierigkeiten haben, die Kyoto-Marke zu schaffen – und die osteuropäischen Länder können nur deshalb eine gute Klimastatistik vorweisen, weil ihre Industrie nach 1990 zusammengebrochen ist. Dennoch gehören sie zu den Klimasündern: Sie wollen ihre nicht genutzten Verschmutzungsrechte in eine zweite Kyoto-Periode retten, damit sie sich auch in Zukunft nicht um eine sauberere Energieversorgung kümmern müssen.

Auch Kanada wird sein im Kyoto-Protokoll gegebenes Versprechen nicht erfüllen, die Emissionen um sechs Prozent zu senken – stattdessen liegt das Land 30 Prozent über seinem Ziel. Sein Ausstieg aus dem Vertragswerk kam nicht überraschend.

Dennoch ist er eine Belastung für die internationalen Klimaverhandlungen. Ohne ein global verpflichtendes Abkommen, das dem Ausstoß an Treibhausgasen eine Obergrenze setzt und das daraus resultierende Budget auf die einzelnen Länder verteilt, kann die Erderwärmung kaum gestoppt werden. Trotz seiner offenkundigen Mängel war Kyoto zumindest ein Versuch, ein solches Abkommen zu erreichen.

Wenn aber nicht einmal die unterzeichnenden Industriestaaten versuchen, ihrem Protokoll die nötige Geltung zu verschaffen – wer wollte dann Ländern wie Indien und China vorwerfen , dass sie zögern, sich auf Emissionsminderungspflichten einzulassen, die ihrem Wachstum in Zukunft Grenzen setzen würden? Hatte die indische Verhandlungsführerin Jayanthi Natarajan in Durban nicht recht, als sie fragte, was ein internationales Abkommen wert sei, an das sich nicht einmal die historisch für den Klimawandel verantwortlichen Länder hielten? Warum sollten die Schwellenländer ihre Entwicklungschancen aufgeben, wenn selbst die wohlhabenden Staaten fürchten, der Klimaschutz würde sie Wachstum kosten ?

"Während sie sich entwickeln, sterben wir"

In diesen Fragen bündelt sich das ganze Dilemma der multilateralen Klimaverhandlungen. Wie schlimm die Folgen sind, wurde in der letzten Nacht des Gipfels in Durban deutlich, als Karl Hood, der Außenminister von Grenada, die indische Haltung hart kritisierte: "Während sie sich entwickeln, sterben wir. Warum sollten wir das akzeptieren?" Kommt der Klimaschutz nicht schnell voran, werden extreme Wetterlagen und das Ansteigen des Meeresspiegels das Leben von immer mehr Menschen gefährden, gerade in den ärmsten Regionen der Erde.

Die Zeit drängt – doch die UN-Klimagipfeldiplomatie arbeitet äußerst langsam. Immerhin wurde in Durban beschlossen, bald ein weltweites Abkommen abzuschließen , das ab 2020 umgesetzt werden solle. Doch wer weiß schon, wie die Welt bis dahin aussieht – und ob die innenpolitischen Verhältnisse in China, Indien, den USA oder auch Deutschland dann größere Anstrengungen im Klimaschutz zulassen werden?

Es führt kein Weg daran vorbei: Um das Klima zu schützen, müssten alle Staaten ihren Ressourcenverbrauch einschränken. Bloß ist das schwer zu vermitteln in einer Zeit, in der auch noch die schmutzigsten Energiequellen angezapft werden, um unsere Wirtschaft weiter am Laufen zu halten. Auch das zeigt das kanadische Beispiel. Kanadas Ölsande sind begehrt wie nie, gerade im Ausland – und ihre Förderung ist eine Hauptursache dafür, dass das Land seine Kyoto-Ziele verfehlen wird. Durch seinen Austritt aus dem Kyoto-Vertrag hält Kanada den Industriestaaten und ihrer Abhängigkeit von fossilen Energieträgern den Spiegel vor.