RessourcenkonfliktVertrieben für den Naturschutz

Zwei Umweltorganisationen kaufen in Kenia Land, um einen Naturpark einzurichten. Die Regierung hofft auf Touristen. Die angestammten Bewohner aber werden verjagt. von 

Eine vertriebene Samburu-Frau in ihrem notdürftig zusammengebauten Unterschlupf

Eine vertriebene Samburu-Frau in ihrem notdürftig zusammengebauten Unterschlupf  |  © Samburu Watch/Survival International

In diesem Drama geht es um Tourismus, um Naturschutz – und um Menschen, die von ihrem angestammten Land vertrieben wurden, damit andere dort mit dem Schutz von Zebras, Elefanten und schwarzen Nashörnern Geld verdienen können.

Im kenianischen Laikipia-Distrikt, der Heimat besonders vieler Wildtiere ist, sind traditionell auch die Samburu-Nomaden zu Hause. Die Gegend ist arm, und der Mangel, in dem die Menschen leben, wurde in den vergangenen Jahren durch Dürren noch verschlimmert. Die Menschenrechtsorganisation Survival International bezeichnet die Lebensbedingungen in Laikipia als "katastrophal".

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Vor einiger Zeit kauften zwei Naturschutzorganisationen, The Nature Conservancy (TNC) und die African Wildlife Foundation (AWF), etwa 70 Quadratkilometer in Laikipia. Dafür zahlten sie jeweils zwei Millionen Dollar. Bald sollen die Grundstücke als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden. Zu diesem Zweck schenkten AWF und TNC das Land der kenianischen Regierung . Diese hofft, dass der Naturschutz den Tourismus in Laikipia weiter ankurbelt. Die dort heimischen Tiere seien "für uns ein Goldesel", sagte Kenias Minister für Wald und Wildtiere Noah Wekesa im Parlament.

Doch offenbar stören die ursprünglichen Bewohner die Geschäftspläne. Survival berichtet, dass die kenianische Polizei 2008 in Laikipia "eine Serie brutaler Vertreibungen" begonnen habe: "Die Dörfer der Samburu wurden niedergebrannt, ihre Tiere getötet und gestohlen und Männer, Frauen und Kinder angegriffen." Im vergangenen Jahr seien dann die Letzten von ihrem Land vertrieben worden. Niemand sei in dem künftigen Naturschutzgebiet zurückgeblieben, sagt Jo Woodman, die für die Organisation in engem Kontakt mit Samburu-Sprechern steht.

Gerichtsverfahren gegen die Vertreibungen

Etwa 2.000 Samburu-Familien siedeln jetzt am Rand des Schutzgebiets; 1.000 weitere sind gezwungen worden, die Gegend vollständig zu verlassen. "Sie haben alles verloren", beschreibt Woodman die Lage der Vertriebenen. "Sie nehmen, was immer sie finden können, und werfen Stoff darüber, um einen Unterschlupf zu haben. Frauen wurden vergewaltigt, ein Mann wurde im Schlaf erschossen. Seine Familie musste den Mord mit ansehen. Die Frauen schlafen mit ihren Kindern so weit weg von ihren Behausungen, wie sie nur können. Sie fürchten sich vor der Polizei."

Einer der vertriebenen Samburu

Einer der vertriebenen Samburu  |  © Samburu Watch/Survival International

Eine Entschädigung für den verlorenen Besitz habe niemand erhalten; lediglich ein Teil des gestohlenen Viehs sei zurückgegeben worden. Kein Polizist sei bestraft worden. Im kenianischen Parlament, wo der Fall mehrmals diskutiert worden sei, hätten lokale Abgeordnete sich für die Samburu verwandt, sagt Woodman – bislang ohne großen Erfolg.

Die Samburu haben gegen ihre Vertreibung geklagt. Survival berichtet, dass Verfügungen des Gerichts, die Gewalt zu beenden, ignoriert wurden. Immerhin hat der Minister für Wald und Wildtiere im November zugesagt, das geplante Naturschutzgebiet so lange nicht einzuzäunen, wie das Gerichtsverfahren läuft. "Die Umwandlung in einen Nationalpark muss verhindert werden", sagt Woodman. "Sobald sie offiziell ist, sind die Samburu draußen." Survival appelliert an die Vereinten Nationen , die Gewalt zu beenden. ZEIT ONLINE hat auch die Naturschutzorganisation AWF um eine Stellungnahme gebeten. Eine Antwort gab es bislang noch nicht. 

Update:Die African Wildlife Foundation hat wenige Stunden nach der Veröffentlichung des Artikels auf unsere Anfrage geantwortet. Die Vorwürfe gegen AWF seien falsch, schreibt ihr Sprecher John Butler in einer Mail. "Die African Wildlife Foundation heißt keine Gewalt gut. AWF hat eine lange Geschichte der engen Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung. Wir wollen sicherstellen, dass der Naturschutz den Menschen und Wildtieren zugute kommt. Leider können wir wegen eines laufenden Gerichtsverfahrens nicht ausführlicher zu dem Fall Stellung nehmen."

Update 2: Mehr als eine Woche nach ihrem ersten Statement äußert die African Wildlife Foundation sich detaillierter. Ihre komplette Mitteilung ist hier nachzulesen . Auch The Nature Conservancy hat inzwischen Stellung bezogen Details hier.Das umstrittene Land sei schon seit Jahrzehnten in Privatbesitz und rechtmäßig erworben, teilen beide Organisationen mit. AWF legt außerdem sehr detailliert dar, warum die Kläger im Unrecht seien: Sie hätten das Land nicht bewohnt und das auch in einem früheren Gerichtsverfahren– das AWF eigenen Angaben zufolge gewann– so angegeben. Zudem gebe es Hinweise darauf, dass die Samburu als Strohmänner missbraucht würden. Die von Survival angegebene Zahl von 2.000 vertriebenen Familien sei falsch. Beide Organisationen verurteilen ausdrücklich jede Gewalt. Survival hingegen bleibt bei der ursprünglichen Darstellung. Eine gerichtliche Entscheidung steht noch aus. 

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Leserkommentare
  1. Entfernt. Über konstruktive Diskussionsbeiträge hätten wir uns gefreut. Danke. Die Redaktion/sc

  2. • eine Serie brutaler Vertreibungen
    • Die Dörfer der Samburu wurden niedergebrannt, ihre Tiere getötet und gestohlen und Männer, Frauen und Kinder angegriffen
    • Etwa 2.000 Samburu-Familien siedeln jetzt am Rand des Schutzgebiets; 1.000 weitere sind gezwungen worden, die Gegend vollständig zu verlassen. "Sie haben alles verloren" ...

    Ich mag mir gar nicht ausmalen CocaCola, Shell oder BP würden hinter dieser Vertreibung stecken. Wir würden monatelang mulitmedial gefoltert bis auch der Letzte gespendet oder zumindest an irgendeiner dieser Folkloredemos teilgenommen hat. Alles flankiert vom DGB bis hin zu Greenpeace ... ach ups ... dieses mal kommen die Geister die man einst rief eben aus dieser Ecke ... wat nun? Kleinkochen?

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    ..lese ich in den Mainstreammedien so gut wie nie von den Verbrechen, derer sich große Organisationen wie z.B. der Agrarkonzern Wilmar schuldig machen.

    http://www.regenwald.org/

    Wann kommt endlich die multimediale Folter, die die Leute wachrüttelt?

    Bitte beachten Sie Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/mo.

  3. böse Absichten mit ungeheurer Grausamkeit und gute Absichten mit gleicher Grausamkeit.

    Das meiste, was man über diesen Kontinent hört, sind atavistische Gewaltorgien und extremste Brutalität.

    Und selbst die Kräfte, die das Gute wollen, schaffen stets das Böse, so ist der Eindruck, um es in Anlehnung an Goethes Faust zu formulieren.

    Spenden scheint ja den Grad der Grausamkeit nur zu erhöhen, wie man an dem Artikel zum wiederholten Male vorgeführt bekommt. Gut, dass die ZEIT auch solche Geschehnisse nicht aus dem Blickwinkel verliert.

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    'Afrika' in seine einzelnen, sehr unterschiedlichen Länder zu unterteilen, bevor Sie Ihr Urteil 'atavistische Gewaltorgien und extremste Brutalität' und 'Afrika ist ein Beispiel für böse Absichten mit ungeheurer Grausamkeit und gute Absichten mit gleicher Grausamkeit' gefällt haben. Das liegt dann wohl nicht nur daran, was 'man' über den Kontinent 'hört', sondern daran, was 'man' hören will.

    Empfehlen möchte ich Ihnen den Blog von Andrea Böhm http://blog.zeit.de/kongo/ und ein Buch von Bartholomäus Grill 'Ach Afrika' http://www.perlentaucher.de/buch/15260.html dann klappt's vielleicht besser mit der Zuordnung der Hintergründe.

    Hier auch mal ein Beispiel für die Rettung eines deutschen Unternehmens durch eine westafrikanische Gewohnheit 'Knirsch und Glanz' http://www.brandeins.de/archiv/magazin/wir-wollen-nichts-von-ihnen-aber-...

    Wer ganz Afrika für einen Hort des Elends und der Gewalt hält, war noch nicht dort. Es gibt nirgendwo auf der Welt so unbändige Fröhlichkeit wie in Subsahara-Afrika. Nirgendwo so viel Leben im Hier und Jetzt. Nirgends so viel Lebensmut trotz teilweise bedrückender Armut.

    Die Vertreibung der Samburu ist kein Einzelfall - das passiert überall da, wo andere Begehrlichkeiten wichtiger erscheinen, oft agieren Regierungen (deren Protagonisten meist in Europa ausgebildet sind) gegen ihr Volk, sind korrupt, gierig, menschenverachtend. Danke an #6 für die Erwähnung des Landgrabbing.

  4. Es wird Naturschutz in diesen Laendern betrieben und es werden die angestammten Einwohner vertrieben. Nicht nur in Kenia sondern auch in anderen Laendern. Wenn eine Organisation Land kauft und Nationalparks entstehen, muss natuerlich auch eine Loesung fuer die Bevoelkerung gefunden werden. Sei es Parkwaechter oder es wird dafuer gesorgt, dass andere Arbeitsplaetze entstehen als ein Teil des Programmes und deren Kosten muessen auch von den Institutionen aufgebraucht werden . Aber dies beruehrt die meissten egoistischen Institutionen nicht.

  5. ..lese ich in den Mainstreammedien so gut wie nie von den Verbrechen, derer sich große Organisationen wie z.B. der Agrarkonzern Wilmar schuldig machen.

    http://www.regenwald.org/

    Wann kommt endlich die multimediale Folter, die die Leute wachrüttelt?

    Bitte beachten Sie Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/mo.

  6. Der Artikel mag vom Inhalt her korrekt sein, aber er verzerrt trotzdem die Wahrnehmung.

    Die Vertreibung von Einheimischen für Land - egal ob nun wegen Landwirtschaft, Naturschutz oder warum auch immer - ist äusserst verbreitet und sollte wahrlich mehr in den Medien berichtet werden.

    Dass man für den Artikel dann aber gerade ein völlig untypisches Beispiel herauspickt, bei dem die vermeintlichen Übeltäter Naturschützer sind, ist fast irgendwie zynisch.

    Man bedenke: Es geht hier letztlich um "nur" 72 Quadratkilometer. Das mag viel erscheinen, ist im Vergleich zu den riesigen Flächen, die Länder wie Saudi-Arabien, China etc. derzeit in Afrika aufkaufen, die Einwohner vertreiben, das Land in riesige Ackerflächen verwandeln, doch äusserst wenig. Da werden teilweise Gebiete aufgekauft von der Grösse mehrerer Bundesländer.

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    Bei der Einrichtung aller Naturschutzparks wurden die
    Bewohner "ausgesiedelt". Natuerlich kann man das auf sehr
    verschiedene Weise betreiben, hier war es offenbar besonders ruecksichtslos. Der Kauf von Land von der Groesse
    mehrer Bundeslaender (Sie meinen nicht Bremen?) ist mir
    nicht bekannt, aber ich lasse mich gern eines besseren
    belehren. In jedem Fall werden solche Operationen von den
    Regierungen der souveraenen afrikanischen Staaten durch-
    gefuehrt - ich sehe nicht, wie wir da eingreifen koennten.

  7. Bei der Einrichtung aller Naturschutzparks wurden die
    Bewohner "ausgesiedelt". Natuerlich kann man das auf sehr
    verschiedene Weise betreiben, hier war es offenbar besonders ruecksichtslos. Der Kauf von Land von der Groesse
    mehrer Bundeslaender (Sie meinen nicht Bremen?) ist mir
    nicht bekannt, aber ich lasse mich gern eines besseren
    belehren. In jedem Fall werden solche Operationen von den
    Regierungen der souveraenen afrikanischen Staaten durch-
    gefuehrt - ich sehe nicht, wie wir da eingreifen koennten.

    Antwort auf "Verzerrte Realität"
  8. 'Afrika' in seine einzelnen, sehr unterschiedlichen Länder zu unterteilen, bevor Sie Ihr Urteil 'atavistische Gewaltorgien und extremste Brutalität' und 'Afrika ist ein Beispiel für böse Absichten mit ungeheurer Grausamkeit und gute Absichten mit gleicher Grausamkeit' gefällt haben. Das liegt dann wohl nicht nur daran, was 'man' über den Kontinent 'hört', sondern daran, was 'man' hören will.

    Empfehlen möchte ich Ihnen den Blog von Andrea Böhm http://blog.zeit.de/kongo/ und ein Buch von Bartholomäus Grill 'Ach Afrika' http://www.perlentaucher.de/buch/15260.html dann klappt's vielleicht besser mit der Zuordnung der Hintergründe.

    Hier auch mal ein Beispiel für die Rettung eines deutschen Unternehmens durch eine westafrikanische Gewohnheit 'Knirsch und Glanz' http://www.brandeins.de/archiv/magazin/wir-wollen-nichts-von-ihnen-aber-...

    Wer ganz Afrika für einen Hort des Elends und der Gewalt hält, war noch nicht dort. Es gibt nirgendwo auf der Welt so unbändige Fröhlichkeit wie in Subsahara-Afrika. Nirgendwo so viel Leben im Hier und Jetzt. Nirgends so viel Lebensmut trotz teilweise bedrückender Armut.

    Die Vertreibung der Samburu ist kein Einzelfall - das passiert überall da, wo andere Begehrlichkeiten wichtiger erscheinen, oft agieren Regierungen (deren Protagonisten meist in Europa ausgebildet sind) gegen ihr Volk, sind korrupt, gierig, menschenverachtend. Danke an #6 für die Erwähnung des Landgrabbing.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tourismus | Vereinte Nationen | Dürre | Entschädigung | Gerichtsverfahren | Gewalt
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