Währungsunion: Polen spart für den Euro
Polen will möglichst bald der Euro-Zone beitreten. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür sind gut, nur die Bürger sind mehrheitlich dagegen.
Polens Ministerpräsident Donald Tusk ist alles andere als ein Dampfplauderer. Der 54-jährige studierte Historiker wägt seine Worte üblicherweise genau ab. Möglicherweise hadert Tusk deshalb bis heute mit einer Ankündigung, die er nach seiner Wahl zum Regierungschef im Jahr 2007 machte. Polen werde bis 2012 der Euro-Zone beitreten, ließ er seine Landsleute und die EU-Partner in Brüssel damals wissen.
Ende 2011 ist klar: Selten lag Tusk mit einer Verlautbarung derart daneben wie mit seinem Euro-Plan. Das allerdings ist kaum die Schuld des Polen. Wenige Monate nach Tusks Euro-Vorstoß machten die Lehman-Pleite und die Weltfinanzkrise 2008 alle Planspiele der Regierung in Warschau zunichte. So etwas soll und wird Tusk nicht noch einmal passieren. In seiner programmatischen Regierungserklärung nach seiner Wiederwahl im vergangenen Oktober ließ der Premier kein Wort über einen möglichen Beitritt Polens zur Währungsunion fallen. Stattdessen sagte Tusk Sätze wie diese: "Bei dem großen europäischen Fressen sitzen die einen am Tisch, und die anderen finden sich auf der Speisekarte wieder. Polen muss mit am Tisch sitzen."
Die darwinistische Deutung bezog Tusk auf die Entwicklung in der europäischen Schuldenkrise. Besagen sollte dies: Deutschland und andere starke Volkswirtschaften vor allem des europäischen Nordens werden die darbenden Südländer freundlich oder notfalls auch feindlich übernehmen. So sieht es Tusk. Und Polen, findet der Regierungschef, solle lieber fressen als gefressen werden.
Sollten in der EU wirtschaftlich tatsächlich nur die Stärksten überleben, hat Polen gute Chancen, dabei zu sein. Das Land wächst seit dem EU-Beitritt 2004 pro Jahr um drei bis sieben Prozent. Selbst im Krisenjahr 2009 nahm das Bruttoinlandsprodukt um 1,6 Prozent zu. Polen verzeichnete damals als einziges EU-Mitglied ein Wachstum.
2011 liegt der Wert bei vier Prozent. Die Arbeitslosigkeit halbierte sich seit 2004 von mehr als 20 auf derzeit knapp elf Prozent. "Wir sind den stärksten Volkswirtschaften der Welt auf den Fersen", sagt Tusk stolz. Der liberal-konservative Regierungschef weiß jedoch, dass der Erfolg nur dann von Dauer sein kann, wenn Warschau auch politisch in der ersten Liga mitspielt. Der Ministerpräsident hat 2011 immer wieder leidvoll erfahren müssen, dass sich die Mitglieder der Euro-Zone im exklusiven 17er-Zirkel ohne die zehn anderen EU-Staaten über das Management in der Schuldenkrise abstimmten – obwohl Polen die EU-Ratspräsidentschaft innehatte. "Die Frage ist deshalb nicht ob, sondern wie wir zu einem zentralen Spieler auf der europäischen Bühne werden können", sagt Tusk. Seine unausgesprochene Antwort lautet: Polen muss eher früher als später den Euro einführen.
Seit Tusks ungefährdeter Wiederwahl im Oktober ist es daher in Warschau ein offenes Geheimnis, dass der Träger des Europäischen Karlspreises 2010 seine zweite Amtszeit mit dem Beitritt Polens zur Währungsunion krönen will. Als Zieldatum wird diesmal das Jahr 2015 gehandelt. Öffentlich sagen will Tusk das allerdings nicht. Seine voreiligen Verlautbarungen des Jahres 2008 sind ihm noch in allzu schlechter Erinnerung.
Diesmal will Tusk handeln statt reden. Für das kommende Jahr hat seine Regierung einen Sparhaushalt beschlossen, der es in sich hat. Trotz einer zurückhaltenden Wachstumsprognose von 2,5 Prozent, die das Finanzministerium den Etatplanungen zugrunde gelegt hat, will die Regierung das Staatsdefizit unter die Maastricht-Grenze von drei Prozent drücken. Gelingt dies, könnte sich Polen 2013 dem europäischen Wechselkursmechanismus II anschließen und damit ein weiteres entscheidendes Kriterium für den Euro-Beitritt erfüllen.




Nun, vielleicht war mein Ansatz etwas unklar: Mit der Modernisierung der Volkswirtschaften der PIIGS meinte ich auch, dass sie ihre Leistungsbilanzen gegenüber D, NL und AT hätten ausgleichen können, indem sie ausländische Direktinvestitionen in vorgelagerten Wertschöpfungsstufen bzw. neuen Nischensektoren aus bisherigen "Überschussländern" wie Deutschland attraktiver gemacht hätten. Aber das ist nicht geschehen in den PIIGS-Ländern - Standordpolitik war z.B. für Berlusconi ein Fremdwort. Das viele deutsche Geld ist dann eben nach China bzw. in hochverzinste PIIGS-Staaatsanleihen gegangen. Die PIIGS-Regierungen haben währenddessen den Kopf in den Sand gesteckt und für die insider des Arbeitsmarktes die Löhne über dem Produktivitätsfortschritt angehoben, generöse Streikrechte beibehalten und die Frühverrentung attraktiv gehalten. Die dummen waren die jungen, gut ausgebildeten Menschen, die sich mit mies bezahlten Zeitverträgen durchschlagen mussten. Nebenbei hat das die Staatshaushalte der PIIGS ruiniert. Das Ergebnis sehen wir heute nur zu drastisch.
Irgendwie ja schön, dass es nach 180 Jahren in Deutschland wieder so etwas wie eine "Polenbegeisterung" zu geben scheint, was ja alles andere als selbstverständlich ist. Leider nur aus völlig falschen Gründen.
Schauen wir uns nüchtern die Fakten an:
1. Entgegen vieler Behauptungen im Forum ist der polnische Euro-Beitritt direkt demokratisch legitimiert. 2003 haben sich 77,5% für den EU-Beitritt und explizit für die Euro-Einführung ausgesprochen, wenn auch ohne konkreten Termin. Diese Tatsache, die den populistischen Anti-Euro-Krakeelern nicht gefallen dürfte, übergeht der Artikel.
2. Der Euro trotzt der seit 2008 schwelenden Krise deutlich erfolgreicher als der Zloty. Von seinem Allzeit-Höchsstand unmittelbar vor der Krise von 3,20:1 EUR stürzte der Zloty nach Ausbruch der Krise innerhalb weniger Wochen ohne jeden rationalen Grund auf 4,90:1 EUR ab. Nachdem er sich bis Mitte 2011 wieder nahe seines langjährigen Mittels von 4,00 stabilisiert hatte, ist er in der zweiten Jahreshälfte wiederum auf knapp 4,60:1 EUR abgesackt. Noch dramatischer ist der Kursverfall gegenüber dem Schweizer Franken, in dem viele Polen vor der Krise Immobilienkredite aufgenommen hatten. Dies geschah wohlgemerkt *trotz* verzweifelter Stabilisierungsversuchen von Seiten Polens; es ist keineswegs so, dass Polen seine Währung bewusst "abgewertet" hätte, wie der Artikel fälschlicherweise behauptet, schon gar nicht um "über 50%" (dazu hätte der Kurs auf 6,40 für 1 Euro sinken müssen).
(Fortsetzung folgt)
2a) Überhaupt ist es ein wiederkehrender Topos des aktuellen Euro-Bashings, zu behaupten, dass kleine Währungsräume ihre Währung nach Bedarf und Belieben zielgerichtet auf- und abwerten könnten. Tatsächlich sind Währungen Spielbälle ziemlich launenhafter Devisenmärkte, wie gerade der Zloty in den letzten Jahren gezeigt hat. Die Eindämmung dieser Unberechenbarkeit war und ist gerade ein Argument *für* den Euro.
3) Nicht nur beim Außenwert, auch bei der Kaufkraft steht der Euro besser da. So lag die Inflation in Polen 2011 fast permanent über 4%, der letzte Wert für November ist 4,8% (Höchststand). Zwar stehen dem auch teilweise starke Einkommenssteigerungen gegenüber, deren Ungleichverteilung nimmt jedoch ebenfalls stark zu: Die polnischen Armen werden a) schnell mehr und b) schnell ärmer - von einer noch vergleichsweise guten Absicherung wie "Hartz IV" können sie nur träumen (siehe http://tinyurl.com/caedzar).(Soviel zur populären Vermutung, der Euro per se führe zu stärkerer Einkommensungleichheit.)
Sicherlich wäre ein derartiges Verhalten oftmals wünschenswert, jedoch: Meines Wissens nach ist Polen eine repräsentative Demokratie. Aufgabe der Repräsentanten ist es, bei freiem Mandat, im Interesse des Wahlvolks zu handeln. Dies ist der Gegensatz zu einem imperativen Mandat, welches eine Bindung an explizite Weisungen bedeutet. Sehen die gewählten Repräsentanten die Einführung des Euro als eine Option an, welche zwar innerhalb der Bevölkerung Ablehnung erfährt, jedoch aufgrund wirtschaftlicher Vorteile im langfristigen Interesse der Gesellschaft sein sollte, so haben sie trotzdem das begründete Recht, wenn nicht sogar die Pflicht im Interesse des Landes zu handeln und dieses Ziel zu verfolgen.
Es ist eine Schande, die Polen arbeiten schon seit der Industralisierung in diesem Land, sie leben hier, heiraten, setzen Kinder in die Welt, gründen ganze Familienclans stützen mit ihrer Arbeitskraft ganze Wirtschaftszweige, kaufen hier ein, haben einen gravierenden Einfluss auf Markt und Marktverhalten, bringen Waren von Deutschland nach Polen - manchmal ganze Warenladungen davon voll. Und? Was zum Geier hat Deutschland umgekehrt von ihnen? Es ist wirklich zum Lachen, sie haben noch nicht einmal den Euro! Eine Schande für Deutschland und Polen! Möchte jemand dorthin um einzukaufen? Selbst die Türkei ist mit attraktiven Waren besser bestückt als diese hinterwälderische von den Russen immer noch abhängige Ländle. Warum wird nicht auf auf marktwirtschaftlicher Basis mit den Russen kooperiert? Ach nein, dann dürfen wir wieder die angeblich ach so verhassten Deutschen für sie da sein und ihr Kaufverhalten mittragen tut mit leid, stamme selbst von einer Familie aus Polen ab - und weiß wovon ich spreche...
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