Für den Stromnetzbetreiber Amprion bedeutet Deutschlands Atomausstieg nach Fukushima vor allem eins: mehr Aufregung. Seitdem Anfang August unter anderem das Kernkraftwerk Biblis vom Netz ging, ist die Situation im Amprion-Netz äußerst angespannt. "Wir haben keinen Sicherheitspuffer mehr", sagt ein Sprecher. "Das System ist hochanfällig."

Amprion ist in einer besonderen Situation. Das Stromnetz zieht sich von Niedersachsen im Norden bis zur Schweiz, mit rund 11.000 Kilometern ist es das längste Netz in Deutschland. Fünf Atomkraftwerke liegen im Gebiet des Unternehmens. Mit dem Aus für Biblis A und B ist vor allem die Situation im gut 60 Kilometer entfernten Frankfurt kritisch geworden. Um den Wegfall von Biblis zu kompensieren, muss Amprion jetzt mehr Windenergie vom Norden gen Süden transportieren. Das lässt die Stromleitungen glühen . Gerade im Winter, wenn die Stürme über Deutschland jagen und das Stromnetz prall gefüllt mit Windstrom ist.

Die Techniker sind zudem so nervös, weil das AKW Biblis keine sogenannte Blindleistung mehr produziert. Blindleistung ist eine Art Schmiermittel im Netz: Sie wird benötigt, um Strom überhaupt transportieren zu können – sie pendelt im Netz, ohne verbraucht zu werden. Ohne Biblis hat Amprion gerade im Großraum Frankfurt ein Problem mit fehlender Blindleistung. Erst recht, wenn eine der wichtigen Nord-Süd-Trassen ausfallen würde - wie die Bundesnetzagentur bereits im Mai warnte. Daher baut das Unternehmen nun im stillgelegten AKW Biblis einen Generator so um, dass er Blindleistung produzieren kann, um das Spannungsniveau in der Region zu halten. Trotzdem warnt ein Sprecher vor "regionalen Versorgungsengpässen". Gelassen klingt das nicht.

Bei den anderen Netzbetreibern sieht die Situation ähnlich aus. Das Unternehmen 50 Hertz, welches das Stromnetz im Osten Deutschlands betreibt, sorgt sich gerade um Hamburg. Dort ist das AKW Brokdorf der letzte verbliebene Meiler rund um die Hansestadt: Die beiden Vattenfall-Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel durften nach Fukushima nicht mehr ans Netz. Das AKW Stade wurde bereits 2003 abgeschaltet.

Für Hamburg gibt es bereits einen Notfallplan

Solange das Kohlekraftwerk Moorburg nicht am Netz ist, sorgt jetzt der Meiler Brokdorf für Stabilität im Netz - besser gesagt: für relative Stabilität. Ende September war das Atomkraftwerk etwa nicht am Netz, weil ein Transformator ausgetauscht werden musste. Und im Oktober und November gab es außerdem zwei Vorfälle, die Betreiber E.On an die Atomaufsicht melden musste.

Inzwischen hat 50 Hertz daher eine Art Notfallplan für Hamburg erarbeitet: Falls es in Brokdorf Probleme gibt und der Meiler heruntergefahren werden muss, und es zudem ein windstiller Tag ist, soll das Vatttenfall-Pumpspeicherkraftwerk Geesthacht einspringen. Und im Ernstfall müssen gar einige Großverbraucher in Hamburg vom Netz genommen werden. Vorsorglich hat 50 Hertz mit Industriebetrieben schon einmal Vereinbarungen abgeschlossen, dass diese ihre Produktion zurückfahren. Dazu soll unter anderem Europas größte Kupferhütte Aurubis, die ehemalige Norddeutsche Affinerie AG, gehören, berichtet die Welt .

Etwas verklausuliert bestätigt auch der Netzbetreiber Tennet solche Überlegungen. Wenn das Stromnetz an die Grenze seiner Kapazitäten gerate, habe man verschiedene Möglichkeiten, so eine Sprecherin: "Diese gehen vom Eingreifen in den Kraftwerkspark bis hin zur gezielten Abschaltung einer begrenzten Zahl von Verbrauchern in betroffenen Netzregionen."

Die Bundesnetzagentur und auch das Forum Netzintegration der Deutschen Umwelthilfe sehen die Situation indes recht gelassen. Die Netzbetreiber hätten sich gut auf die Wintermonate vorbereitet, wenn teilweise viel Wind-, aber wenig Sonnenstrom im Netz sei, so die Bundesnetzagentur. Nach ihren Informationen halten die Stromnetzbetreiber inzwischen zwei Gigawatt Leistung als Reservekapazität vor - das sei ausreichend.

Glaubt man Peter Ahmels vom Forum Netzintergration, dann steckt hinter den warnenden Worten der Netzbetreiber auch ein gewisses politisches Kalkül: "Sie wollen damit die Politik drängen, den Netzausbau nicht zu vernachlässigen."