SchuldenkriseAbsturz jederzeit möglich

Auch wenn die Schuldenkrise im Moment aus den Schlagzeilen verschwunden ist: Europas Probleme sind noch lange nicht gelöst. von 

Ein Mann vor seinem Problem: Italiens Ministerpräsident Mario Monti erläutert den Kursverlauf italienischer Staatsanleihen

Ein Mann vor seinem Problem: Italiens Ministerpräsident Mario Monti erläutert den Kursverlauf italienischer Staatsanleihen  |  © Gabriel Bouys/AFP/Getty Images

Bisweilen erinnert die öffentliche Wahrnehmung von Europas Schuldenkrise an eine Seifenoper. Am Ende einer Episode hängt der Held mit einer Hand an der Klippe, unter ihm der Abgrund. Doch bevor der Held fallen kann, friert das Bild ein. Wie’s weiter geht, wird erst nächste Woche verraten. Beim Euro scheint es nicht anders zu sein: Manchmal verkünden die Schlagzeilen den baldigen Bruch der Währungsunion. Dann ist es wochenlang still, so wie im Moment.

Die Ruhe mag den Regeln des Mediengeschäfts geschuldet sein – doch sie trügt. Tatsächlich ist die Lage kaum weniger bedrohlich als noch vor Wochen, als Wirtschaftsmagazine zerbrochene Euro-Münzen auf den Titel hoben. Zwar hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Panik auf den Märkten fürs Erste gebannt, indem sie den Banken vor dem Jahreswechsel rund 500 Milliarden Euro an Liquidität zur Verfügung stellte . Ein Blick auf die Renditen für Staatsanleihen ausgewählter Staaten zeigt jedoch, dass die Sorgen der Anleger keinesfalls verschwunden sind (siehe Grafik).

Anzeige

Zwei Fragen werden die kommenden Monate bestimmen. Erstens: Werden die Anleger den Euro-Staaten im Süden das nötige Geld leihen, damit diese ihr Schulden refinanzieren können? Je nach Schätzung müssen Europas Staaten in diesem Jahr Kredite in Höhe von 1.500 bis 2.000 Milliarden Euro neu aufnehmen oder refinanzieren. Allein im ersten Quartal, rechnet die japanische Investmentbank Nomura vor, brauchen die Euro-Länder rund 444 Milliarden Euro, um alte Schulden zu refinanzieren.

© ZEIT ONLINE

Frankreich konnte sich zum Wochenbeginn acht Milliarden Euro leihen – ohne große Risikoaufschläge zahlen zu müssen. Doch schon in wenigen Tagen könnte erneut Panik ausbrechen, wenn Italien und Spanien wieder an den Kapitalmarkt gehen. Die Zinsen für italienische Papiere liegen immer noch nahe an der bedrohlichen Sieben-Prozent-Marke – obwohl die EZB massiv am Sekundärmarkt für Staatsanleihen interveniert. Italien muss im ersten Quartal mehr als 100 Milliarden Euro refinanzieren . In diesen Monaten könnte es "eng" werden, warnte unlängst auch EZB-Chef Mario Draghi .

Die Probleme Italiens führen zur zweiten Frage: Wie stark wird die Konjunktur im Süden des Kontinents abstürzen? Die griechische Wirtschaft wird auch in diesem Jahr stark schrumpfen , die Arbeitslosigkeit hat sich verdoppelt. Die Lage seines Landes könnte "düsterer nicht sein", warnte Spaniens neuer Ministerpräsident Mariano Rajoy in seiner Antrittsrede. Auch Italiens Wirtschaftsleistung schrumpft. Auf dem jüngsten EU-Gipfel haben sich die Krisenländer verpflichtet, ihre Schulden weiter abzutragen – egal wie es um die heimische Wirtschaft steht. "Das wird diese Länder in die Rezession treiben", sagt Sylvain Broyer, Chefökonom der französischen Investmentbank Natixis. 

Leserkommentare
    • qotsa
    • 04. Januar 2012 16:23 Uhr

    Zwar hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Panik auf den Märkten fürs Erste gebannt, indem sie den Banken vor dem Jahreswechsel rund 500 Milliarden Euro an Liquidität zur Verfügung stellte.

    Eine Frage: Die EZB hat doch den Banken zu besonders guten Konditionen Geld geliehen, damit diese (hoffentlich) wieder anfangen Geld zu verleihen, oder?

    Hat die EZB gehofft, dass die Banken Staatsanleihen kaufen? Oder Unternehmen Kredite geben?

    Kann mir mal kurz einer erklären, warum die EZB das Geld nicht einfach selber investiert in Staatsanleihen?

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die funktionsweise unseres bankensystems ist noch viel schlimmer, als sich es otto normalverbraucher vorstellen kann.

    das geld, welches die banken den unternehmen und privatpersonen leiht, nimmt sie nicht bei der ezb als kredit auf, sondern sie schafft es selbst, indem sie die kredithöhe in den bankrechner eingibt und auf enter drückt. für 100.000 € kredit muss die bank lediglich 2% - also 2.000 € bei der ezb als sicherheit hinterlegen.

    der prozess ist hier ausführlich und verständlich beschrieben:

    http://bettercentury.blog...

    • vwlstu
    • 04. Januar 2012 17:49 Uhr

    Der Kauf auf dem Primärmarkt ist der EZB nicht erlaubt. Der grund ist die Angst vor der defizitfinanzierung der Mitgliedsstaaten. Um den Preis für Staatsanleihen hoch zu halten und die Zinsen niedrig kauft die EZB auf dem Sekundärmarkt ein. Dies muss sie gerade exzessiv machen, da die Banken Staatsanleihen abstoßen um die Eigenkapitalquote mit sicheren forderungen zu erhöhen. Gleichzeitig wurde der Mindestreservesatz und der Leitzins gesenkt um die Liquidität der Banken zu erhöhen. Ob die EZB noch zur Bazooka greifen werden muss, wenn der Höhepunkt bis Mitte des jahres erreicht ist (9% EK-Quote)-- nobody knows um bei qotsa zu bleiben

    1. Weil die deutsche Regierung in einer neoliberalen Ideologie- und Phantasiewelt lebt und das verhindert.

    2. Weil man die Gelegenheit nutzen möchte, alle sozialen Sicherungssysteme noch weiter zu schwächen, um den allseitigen, freien Vernichtungswettbewerb zu stärken.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Zitat:
    "Die direkte Vergabe von Krediten an die öffentliche Hand durch die Zentralbank ist im Euroraum seit der zweiten Stufe der Europäischen Währungsunion von 1994 verboten, d. h. der Staat muss sich Geld bei Geschäftsbanken bzw. am Rentenmarkt leihen."

    Arme Länder sollen mit hohen Zinsen extra *bestraft* werden. Auf das sie niemals genügend investieren können um den reichen Ländern Konkurrenz zu machen, oder so ähnlich. Menschenverachtende Bürostuhlpolitik aus den neoklassischen ThinkThanks.

  1. Wird auch Zeit, dass uns unsere eigentliche Herren vom Finanzkapital wieder daran erinnern, wen wir zu fürchten haben: Den den Staatsbankrott, den Währungskollaps, den Weltuntergang! Uhuhuuuuh!
    Da war doch das kurzweilige Anmeckern gegen den BP Wulff nur ein amüsantes Zwischenspiel fürs Volk. Merkel kann uns nicht retten, Wullf schon gar nicht – das können wir nur selber: die 99 Prozent, die bald nichts mehr zu verlieren haben. Wie wär's mit ein bisschen Leben zur Abwechslung?

    5 Leserempfehlungen
  2. das problem ist, dass unser schuldbasiertes geldsystem nicht funktioniert und auch in zukunft nicht funktionieren wird. die verschuldung wird dadurch verursacht, dass geld immer nur durch kredit geschaffen werden kann. dadurch fehlen im system immer die zinsen.

    mehr dazu hier:

    http://bettercentury.blog...

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Slater
    • 04. Januar 2012 16:47 Uhr

    nicht dass das aktuelle Geldsystem mit gewinnender Bank nicht in Frage zu stellen ist,
    aber die im Link angegebenen fehlenden Zinsen sind für sich betrachtet doch etwas blauäugig,
    es fehlen zwei Punkte:
    1. es gibt Ausfälle,
    wenn von drei Leuten zwei ihre 100.000 mit je 5000 Euro
    Zinsen zurückzahlen und einer nicht, einfach pleite geht,
    dann sind 100.000 im Umlauf von denen die 2x 5000 bezahlt
    werden können und noch manches überbleibt,

    wie die Bank damit umgeht ist eine andere Frage, aber sie
    hat ganz gewiss nicht am Ende die unmögliche Summe von 315.000

    2. viel wichtiger:
    Geld ist im Umlauf, keine feste Menge,
    die Bank will auf 100.000 Euro 105.000 zurück, aber nicht unbedingt in einem Stück,
    sondern z.B. in Raten, die die Bank bzw. deren Mitarbeiter
    wieder ausgegeben können für Einkäufe, Miete, Dienstleistungen,
    so wandert das Geld im Tausch gegen Waren u.a. wieder an
    den Kreditnehmer, der davon die restlichen Raten bezahlen kann

    es gibt nicht nur das Geld an sich, sondern es von den
    Menschen werden ständig Werte erschaffen, die auch Geld wert sind,
    wenn auch davon das meiste bei der Bank landet, nur dafür dass die Geld ausgeben, ist das natürlich nur anderer Aspekt des Problems,

    das Geldsystem kann funktionieren, man muss es nur richtig gestalten

    erklärt das ganze hier:

    http://www.youtube.com/wa...

  3. die funktionsweise unseres bankensystems ist noch viel schlimmer, als sich es otto normalverbraucher vorstellen kann.

    das geld, welches die banken den unternehmen und privatpersonen leiht, nimmt sie nicht bei der ezb als kredit auf, sondern sie schafft es selbst, indem sie die kredithöhe in den bankrechner eingibt und auf enter drückt. für 100.000 € kredit muss die bank lediglich 2% - also 2.000 € bei der ezb als sicherheit hinterlegen.

    der prozess ist hier ausführlich und verständlich beschrieben:

    http://bettercentury.blog...

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Eine Frage"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    //das geld, welches die banken den unternehmen und privatpersonen leiht, nimmt sie nicht bei der ezb als kredit auf, sondern sie schafft es selbst, indem sie die kredithöhe in den bankrechner eingibt und auf enter drückt. für 100.000 € kredit muss die bank lediglich 2% - also 2.000 € bei der ezb als sicherheit hinterlegen.//

    Das schlimmste ist: Wenn Banken Kredite an Staaten vergeben, müssen sie 0% an Eigenkapital hinterlegen. Das haben die Staaten so bestimmt, um billiger Schulden zu kommen, mit denen Wahlgeschenke finanziert werden.

  4. Eine Leserempfehlung
    • Slater
    • 04. Januar 2012 16:47 Uhr

    nicht dass das aktuelle Geldsystem mit gewinnender Bank nicht in Frage zu stellen ist,
    aber die im Link angegebenen fehlenden Zinsen sind für sich betrachtet doch etwas blauäugig,
    es fehlen zwei Punkte:
    1. es gibt Ausfälle,
    wenn von drei Leuten zwei ihre 100.000 mit je 5000 Euro
    Zinsen zurückzahlen und einer nicht, einfach pleite geht,
    dann sind 100.000 im Umlauf von denen die 2x 5000 bezahlt
    werden können und noch manches überbleibt,

    wie die Bank damit umgeht ist eine andere Frage, aber sie
    hat ganz gewiss nicht am Ende die unmögliche Summe von 315.000

    2. viel wichtiger:
    Geld ist im Umlauf, keine feste Menge,
    die Bank will auf 100.000 Euro 105.000 zurück, aber nicht unbedingt in einem Stück,
    sondern z.B. in Raten, die die Bank bzw. deren Mitarbeiter
    wieder ausgegeben können für Einkäufe, Miete, Dienstleistungen,
    so wandert das Geld im Tausch gegen Waren u.a. wieder an
    den Kreditnehmer, der davon die restlichen Raten bezahlen kann

    es gibt nicht nur das Geld an sich, sondern es von den
    Menschen werden ständig Werte erschaffen, die auch Geld wert sind,
    wenn auch davon das meiste bei der Bank landet, nur dafür dass die Geld ausgeben, ist das natürlich nur anderer Aspekt des Problems,

    das Geldsystem kann funktionieren, man muss es nur richtig gestalten

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Systemfehler"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    da muss ich leider widersprechen. im beispiel mit den 3 kreditnehmern: wenn es der bauer schafft, durch den von ihm geschaffenen mehrwert 150.000 € einzunehmen, fehlt dieses geld den anderen beiden. daran ändern auch ratenzahlungen und sonstige maßnahmen nichts. die zinsen können nur durch erneute, dann erhöhte, kreditaufnahme bezahlt werden. oder, wenn die bank das nicht mitmacht, lässt sie die mühle oder die bäckerei pfänden. und das ist im kontext mit dem mindestreservesystem dann der gipfel: die bank erhält für geld, dass sie selbst aus dem nichts geschaffen hat, reale werte. grandios!

  5. mit welcher Gleichgültigkeit und sachlichem Unvermögen die Politiker die Währung zerstört haben. Genau die gleiche Leute wollen nun alles wieder in Ordnung bringen?
    Das glaube wer will.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @ nixversteher #7:
    Auch der eigentliche "Vater des Euro" Jacques Delors, dessen EU-Kommission die Details der Einführung des Euro ausarbeitete, stimmt mit Ihnen überein, dass der Euro keine Überlebenschancen hat. In einem Telegraph-Interview gibt er die Schuld unseren Politikern, die sich nicht an die damals von seiner Kommission vorgesehenen Regeln gehalten hätten.

    • Xdenker
    • 04. Januar 2012 16:55 Uhr

    Genau darauf kommt es an.

    Das machten sie aber nicht, wenn sie nicht erhebliche Probleme bei der Geldbeschaffung hätten. Deshalb wäre m.E. alles falsch, was die überschuldeten Staaten von ihren Refinanzierungsschwierigkeiten befreite.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service