Bankenskandal Wulff-Affäre auf Schweizerdeutsch

Der Präsident der Schweizer Nationalbank soll in einen Insiderhandel verwickelt sein. Das Geschäft kam heraus, weil ein Bankmitarbeiter gegen das Bankgeheimnis verstieß.

Wulff? Ach was. Ein Politstück der besonders turbulenten Sorte beschäftigt derzeit die Schweiz: Da geht es um Millionendeals, da sind zwei der mächtigsten Männer im Land direkt aneinandergeraten, da laviert die Regierung, jede Seite spielt mit der öffentlichen Meinung und pro Tag gibt es einen neuen Medienknall. Obendrein dreht sich die Sache auch wieder mal um das legendenumrankte Schweizer Bankgeheimnis.

Im Zentrum der Affäre steht Philipp Hildebrand, 48 Jahre alt und Präsident der Schweizerischen Nationalbank. Er arbeitete sich hoch zur vielleicht am meisten respektierten Figur im Land. In den schweren Krisen der letzten Jahre attestierten ihm beinahe alle Experten, seine Notenbank und das Schweizer Geldsystem diskret, clever und erfolgreich durch die Finanzstürme gesteuert zu haben.

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Nun aber steht er plötzlich im Regen: Hildebrand soll Devisendeals getätigt haben, die im besten Fall anrüchig und im schlimmsten Fall kriminell sind – so lautet ein Verdacht, der mit immer neuen Unterlagen genährt wird.

Sein Gegenspieler: Christoph Blocher, 70, milliardenschwerer Unternehmer und jener Politiker, der die Schweiz in den letzten 25 Jahren geprägt hat wie kein anderer. Nachdem er vor gut einem Jahr mehrere Attacken gegen den Nationalbankpräsidenten geritten und dabei sogar dessen Rücktritt gefordert hatte, war Blocher so etwas wie der letzte verbliebene Gegner von Hildebrand. Offiziell warf er der Notenbank vor, mit zu frühen und zu großen Devisentransaktionen zu hohe Buchverluste eingefahren zu haben, zum Schaden des Volksvermögens. Aber seine politischen Gegner witterten andere Motive. Er wolle seiner Partei, der rechtsbürgerlichen SVP, mehr Einfluss in der Nationalbank sichern; oder er solidarisiere sich mit den Großbanken, die unter der Führung von Hildebrand immer strengeren Aufsichtsregeln unterworfen wurden. Auch hieß es, Blocher ertrage keinen Mann im Land, der mächtiger ist als er.

Ein Insiderhandel?

Am 15. Dezember nun sprach Blocher bei der Schweizer Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey vor. Dabei legte er offenbar einige Papiere auf den Tisch, die den Verdacht nahelegten, dass Hildebrand in den Monaten zuvor mehrmals beträchtliche Dollarbeträge gekauft hatte. Besonders heikel erschien ein Deal, der am 15. August stattfand. Dabei wurden von Hildebrands Konto 400.000 Schweizer Franken in 504.000 US-Dollar gewechselt. Bekanntlich verkündete die Schweizer Nationalbank am 6. September, dass sie ab sofort keinen Euro-Kurs mehr dulden werde, der tiefer als 1,20 Franken liegt. Mit dieser Ankündigung sprang nicht nur der Euro schlagartig nach oben, sondern parallel auch der US-Dollar.

Weiter zeigten die Papiere, die Blocher der Präsidentin vorlegte, dass Hildebrand nochmals ein paar Wochen später, am 4. Oktober, eine ähnlich stattliche Summe wieder zurückgewechselt hatte: 516.000 Dollar wandelte er in 475.000 Franken. Aus dem Hin und Her lässt sich also ein Spekulationsgewinn von 63.000 Franken – gut 50.000 Euro – errechnen.

Ein Skandal? Offenbar nicht. In den Tagen danach ließen die Regierung in Bern und der Bankrat der Nationalbank – das Aufsichtsorgan – rasch zwei Berichte erstellen. Sie kommen zu dem Schluss, dass alles rechtens war. Immerhin hatte Hildebrands Familie im Frühjahr ein Ferienhaus verkauft und legt traditionell die Hälfte ihrer liquiden Mittel im Dollar-Raum an – Gattin Kashya Hildebrand ist schließlich amerikanische Staatsbürgerin. Obendrein führt sie eine international tätige Kunstgalerie, der es erlaubt sein muss, solche Summen einzusetzen. Und immerhin, so der Bericht: Der terminlich heikle Wechsel von Mitte August sei von ihr, Kashya Hildebrand, veranlasst worden.

Aber brisant wurde die Sache nicht nur, weil hier zwei Spitzenvertreter des Wirtschaftsestablishments aneinandergerieten, sondern auch, weil es am Ende wieder mal ums Bankgeheimnis ging. Denn wie um Himmels Willen gelangte ein Politiker an die Kontoauszüge des Chefs der Zentralbank? Antwort: Durch ein Leck in einer Schweizer Bank. Ein IT-Mitarbeiter der Basler Privatbank Sarasin hatte die Dokumente einem SVP-nahen Rechtsanwalt übergeben, welcher sie wiederum an Blocher weiterleitete. Über die Motive kann man nur rätseln, immerhin verlor der Mann, nachdem die Sache aufflog, umgehend seinen Job. Auch hat er jetzt ein Strafverfahren wegen Bruch des Bankgeheimnisses am Hals. Dafür drohen ihm bis zu drei Jahre Gefängnis.

War er ein Whistleblower, der angesichts unsauberer Währungsgeschäfte des obersten Schweizer Währungshüters zur Tat schritt? So stellt es die Weltwoche dar. Das Zürcher Wochenmagazin mit engsten Kontakten zu Blocher und seiner SVP präsentiert Hildebrand in seiner neuen Ausgabe wörtlich als "Gauner" und bezeichnet die ihn deckenden Mitglieder der Regierung und des Bankrates als nicht mehr tragbar. Die Schweiz, so das Blatt, habe hier eine wahre Staatsaffäre.

Einfach nur ungeschickt?

Darauf reagierte die Nationalbank im Verlauf des Mittwochs, indem sie einen Prüfungsbericht der Auditing-Firma PricewaterhouseCoopers vorlegte sowie ein internes Reglement, das festlegt, welche Geschäfte für Nationalbankdirektoren rechtens sind. Dabei erscheint die Sache nun tatsächlich harmloser: Drei Transaktionen erachteten die Prüfer als verdächtig. Bei zwei davon ergab die Kontrolle, dass sich auch unter Insider-Aspekten nichts vorhalten lässt, da im Umfeld gar keine Entscheide anstanden, die einen Einfluss hätten haben können. Bleibt der letzte Fall: Jene 504.000 Dollar, welche die Galeristin Kashya Hildebrand im August erwarb. Laut offizieller Darstellung war dies ein Fehler, den Hildebrand tags darauf auszubügeln versuchte, indem er den Rechtsdienst informierte und per Mail an Sarasin bestimmte, dass ab sofort alle Devisentransaktionen von ihm selber ausgelöst werden müssten.

Die Weltwoche jedoch schreibt, nicht die Kunsthändlerin, sondern der Notenbanker habe selber den Auftrag erteilt. Sie kann sich dabei allerdings nur aufs Ondit ihres Whistleblowers stützen – die Sache lief per Telefon –, doch dieser Mann war, wie die Bank Sarasin betont, in der IT-Logistik tätig.

Ob ein mächtiger Mann über einen Deal stürzt, könnte sich also wieder mal in einem klitzekleinen Detail entscheiden: Wer hat telefoniert? Derweil darf die Schweiz lustvoll ihren Titanenkampf verfolgen und rätseln, ob Philipp Hildebrand nun illegal, unanständig oder nur ungeschickt gehandelt hat. Der Angeschossene selber wird, nachdem er bislang geschwiegen hat, am Donnerstag vor die Presse treten.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben im Text einen Fehler korrigiert. Blocher traf sich nicht am 15. November mit Calmy-Rey, sondern am 15. Dezember.

 
Leser-Kommentare
  1. Zitat: "Der Präsident der Schweizer Nationalbank soll in einen Insiderhandel verwickelt sein. Das Geschäft kam heraus, weil ein Bankmitarbeiter gegen das Bankgeheimnis verstieß."

    Alles kommt raus, die eigenen Sünden überführen die Menschen. Diejenigen, die in den obersten Positionen sitzen, sind heute alles Leute, die es mit Recht und Gesetz nicht so genau nehmen. Es herrrscht die Mentalität: " Man darf alles machen, sich nur nicht erwischen lassen."

    Genau diese Sachlage, dass die Welt von Kriminellen regiert wird, treibt viele Rechtschaffene in Bitterkeit und hoffnungslosen Pessimismus. Aber es wird sich bald ändern, denn alles kommt ans Licht und es gibt nichts, was verborgen bleiben würde. Die Rechtschaffenen werden überall in der Welt an die Regierung kommen und die krummen Wege werden gerade gemacht.

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    Ihre Skepsis, nicht aber Ihren Optimismus hinsichtlich der Zukunft.

    Ihre Skepsis, nicht aber Ihren Optimismus hinsichtlich der Zukunft.

  2. Vergünstigungen im Amt und Insidergeschäfte sind meiner Meinung nach zwei völlig verschiedene Dinge. Warum kann nicht einfach neutral berichtet werden?

    • k2
    • 04.01.2012 um 20:38 Uhr

    Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Kommentare. Danke, die Redaktion/se

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    • k2
    • 04.01.2012 um 22:11 Uhr

    Ralph schreibt von einem U.S._Pass.

    • k2
    • 04.01.2012 um 22:11 Uhr

    Ralph schreibt von einem U.S._Pass.

  3. Schauen Sie sich doch mal den Bericht vom Handelsblatt an: Die Gattin hatte demnach früher als Devisenhändlerin gearbeitet und sagte, Mitte August wäre der Dollar spottbillig gewesen. Mit dieser Einschätzung hat sie Recht, man möge sich bitte mal den Langfristchart CHF/USD anschauen. Der CHF war offensichtlich überbewertet. Selbst ohne die SNB-Entscheidung hätte sie bereits ca. 8% Gewinn gemacht.

    Dem Gatten war natürlich klar, daß aufgrund seiner Informationen über geplante Stützungskäufe für den Euro, die seine Ehefrau vermutlich nicht mal von ihm hatte, die ganze Geschichte böse aussehen könnte und informiert die Compliance-Abteilung. Diese gibt grünes Licht.

    Ein krimineller IT-Mitarbeiter gibt die Informationen an die Opposition (!) weiter.

    Wo, bitte, ist hier "die Affäre"? Das Schlimmste scheint mir zu sein, daß IT-Mitarbeiter noch ganz andere Informationen weitergeben könnten und Bankdaten gar nicht so gut geschützt sind, wie manch einer glaubt. Interessiert das überhaupt noch jemanden, bei all den "Skandalen"?

    Eine Leser-Empfehlung
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    • k2
    • 04.01.2012 um 21:08 Uhr

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Verdächtigungen und Spekulationen anzustellen. Danke. Die Redaktion/mo.

    • k2
    • 04.01.2012 um 21:08 Uhr

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Verdächtigungen und Spekulationen anzustellen. Danke. Die Redaktion/mo.

    • k2
    • 04.01.2012 um 21:08 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Verdächtigungen und Spekulationen anzustellen. Danke. Die Redaktion/mo.

    • k2
    • 04.01.2012 um 22:11 Uhr

    Ralph schreibt von einem U.S._Pass.

    Antwort auf "[ENTFERNT]"
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    • k2
    • 05.01.2012 um 8:55 Uhr

    "abcdefg
    Medienmitteilung
    Kommunikation
    Postfach, CH-8022 Zürich
    Telefon +41 44 631 31 11
    communications@snb.ch
    Zürich, 4. Januar 2012
    SNB veröffentlicht internes Reglement über Eigengeschäfte
    und Prüfungsbericht von PWC
    Detaillierte Information der Öffentlichkeit durch Philipp
    Hildebrand erfolgt am Donnerstag, 5. Januar 2012"(

    http://www.snb.ch/de/mmr/...

    _). Lieber Philipp, es geht nicht um Deinen Huettenverkauf
    in Gstaad an der Gschwendstrasse. Es geht auch nicht um Deinen Ferienwohnungsankauf in Davos/Klosters bei meinem
    Militaerfreund, welcher dort in Klosters den Immobilienhandel
    auch fuer die Windsors und Lilly_II einfaedelte. Es geht um
    jahrelang fehlende Rechnungslegung ueber bei der SNB spurlos verschwundene Trilliarden in SFr.

    • k2
    • 05.01.2012 um 8:55 Uhr

    "abcdefg
    Medienmitteilung
    Kommunikation
    Postfach, CH-8022 Zürich
    Telefon +41 44 631 31 11
    communications@snb.ch
    Zürich, 4. Januar 2012
    SNB veröffentlicht internes Reglement über Eigengeschäfte
    und Prüfungsbericht von PWC
    Detaillierte Information der Öffentlichkeit durch Philipp
    Hildebrand erfolgt am Donnerstag, 5. Januar 2012"(

    http://www.snb.ch/de/mmr/...

    _). Lieber Philipp, es geht nicht um Deinen Huettenverkauf
    in Gstaad an der Gschwendstrasse. Es geht auch nicht um Deinen Ferienwohnungsankauf in Davos/Klosters bei meinem
    Militaerfreund, welcher dort in Klosters den Immobilienhandel
    auch fuer die Windsors und Lilly_II einfaedelte. Es geht um
    jahrelang fehlende Rechnungslegung ueber bei der SNB spurlos verschwundene Trilliarden in SFr.

  4. Freier Autor
    • mdaum
    • 04.01.2012 um 23:15 Uhr

    Am 15. Dezember (nicht November) sprach Blocher bei der Schweizer Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey vor.

    • Shamaa
    • 04.01.2012 um 23:29 Uhr

    Ich finde es unglaublich, Christian Wulff in Zusammenhang mit einer Straftat zu bringen. Der Journalismus unterscheidet nicht mehr zwischen Berichterstattung und Mobbing und zerstört ohne Skrupel menschliche Existenzen.
    Das soll unsere dritte Kraft sein?

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    Es ist eh ein fehler, wulff und hildebrand zu vergleichen. Das sind 2 komplett verschiedene fälle. Und im falle hildebrand ist noch gar nix sicher. Aber irgendwie sehr befremdend.

    Es ist eh ein fehler, wulff und hildebrand zu vergleichen. Das sind 2 komplett verschiedene fälle. Und im falle hildebrand ist noch gar nix sicher. Aber irgendwie sehr befremdend.

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