Herbert Brücker war skeptisch. "Ich dachte erst, da hat sich jemand verrechnet." Es war im April des vergangenen Jahres, als die Zahl des Statistischen Bundesamtes auf dem Schreibtisch des Nürnberger Migrationsforschers landete. Rund 40 Prozent – so hoch sei der Anteil der Hochqualifizierten an allen Einwanderern im Jahr 2009 gewesen, schätzten die Statistiker aus Wiesbaden . Dass das Bildungsniveau der Einwanderer steigen würde, hatte Brücker zwar vorher gesehen. 40 Prozent aber sei "ein enormer Sprung".

Berechnungen des Statistischen Bundesamtes für ZEIT ONLINE zeigen, dass der Trend sich fortsetzt. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik waren neue Einwanderer so gut ausgebildet wie den vergangenen zwei Jahren. Wenn in Deutschland von Einwanderern die Rede ist, denken viele noch immer an den Arbeiter aus Anatolien – nicht an den Ingenieur aus Spanien oder den Architekten aus Polen . Dabei ist die letzte Gruppe mittlerweile fast in der Mehrheit.

Rund 44 Prozent der Menschen, die im Krisenjahr 2010 ins Land kamen, hatten einen Hochschulabschluss – der Anteil lag damit fast doppelt so hoch als noch im Jahr 2000 (siehe Grafik). Fast die Hälfte der Einwanderer hat mittlerweile Abitur. Zum Anfang des Jahrhunderts lag die Quote noch unterhalb der 30-Prozent-Marke. Deutschland entwickele sich zu einem "Magnet für Hochqualifizierte", sagt Holger Kolb, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Die Grafik zeigt den Anteil der Hochqualifizierten unter den neuen Enwanderern des jeweiligen Jahres. Der Anteil liegt heute rund doppelt so hoch wie noch vor einem Jahrzehnt. Um die Daten aussagekräftiger zu machen, haben die Statistiker alle Einwanderer über 25 Jahren erfasst, um sie dann vergleichbar zu machen. Nicht eingezeichnet ist der Anteil der Niedrigqualifizierten – er sinkt seit Jahren kontinuierlich. © ZEIT ONLINE

Wie ist der Trend zu erklären? Ein Grund lautet: Die Menschen kommen heute aus anderen Ländern nach Deutschland als früher. "Die Einwanderer kommen zunehmend aus Osteuropa , etwa aus Polen, Bulgarien oder Rumänien – weniger aus den bisherigen Zuwanderungsländern wie der Türkei ", sagt Brücker. In vielen osteuropäischen Staaten ist das Bildungsniveau höher als in den alten Zuwanderungsländern. Und es sind vor allem die Akademiker, die in der Hoffnung auf höhere Löhne nach Deutschland kommen.

Hinzu kommt: Die Schuldenkrise in Staaten wie Spanien oder Griechenland treibt zunehmend Hochqualifizierte nach Deutschland. Während in Spanien die Arbeitslosigkeit bei mehr als 20 Prozent verharrt, fiel sie in Deutschland im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren . Das lockt vor allem gut Ausgebildete ins Land. Im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres kamen rund 13.900 Italiener und 8.900 Griechen nach Deutschland – deutlich mehr als in den Vorjahren. Mittlerweile kommen im Schnitt mehr als die Hälfte der Zuwanderer aus dem EU-Ausland.

"Eine gute Nachricht", findet der Migrationsforscher Brücker. Zumal im ersten Halbjahr 2011 die Zuwanderung nach Deutschland erstmals wieder deutlich anzog. In den ersten sechs Monaten kamen 135.000 Menschen mehr nach Deutschland als wegzogen, damit ist das Wanderungssaldo schon jetzt höher als im gesamten Vorjahr. Arbeitsmarktforschern macht das Hoffnung. Rund 200.000 Zuwanderer pro Jahr braucht es, um die Zahl der Erwerbspersonen in Deutschland in Zukunft konstant zu halten, schätzt die Bundesagentur für Arbeit.

Doch wird die positive Entwicklung so weitergehen? Oder ist sie schlicht eine Folge der stabilen deutschen Konjunktur? "Zu einem gewissen Teil mag das sein", sagt Kolb. "Aber der gestiegene Anteil der Hochqualifizierten lässt sich alleine damit nicht erklären." Der Migrationsforscher vermutet etwas Anderes: Zwar hat die Politik nur zögerlich für bessere Bedingungen für die Einwanderung gesorgt. Nun aber zeigten die Reformen Wirkung.