Unruhen in Nigeria "Es ist richtig, Treibstoffsubventionen zu senken"

Gerade Entwicklungsländer sollten fossile Energie nicht subventionieren, sagt Unep-Chef Achim Steiner. Besser, den Armen gezielter zu helfen und Erneuerbare auszubauen.

Bei einer Massendemonstration in Nigerias größter Stadt Lagos protestierten die Menschen gegen die Benzinpreiserhöhung.

Bei einer Massendemonstration in Nigerias größter Stadt Lagos protestierten die Menschen gegen die Benzinpreiserhöhung.

ZEIT ONLINE: Ökonomen sind sich einig: Die Treibstoffsubventionen müssen weltweit gekürzt werden – wer den Armen helfen will, kann das viel effizienter tun. Warum ist es so schwer, die Erkenntnis in die Praxis umzusetzen?

Achim Steiner: Der Verbraucher spürt den höheren Preis unmittelbar an der Zapfsäule. Zugleich steigen die Transportkosten und Lebensmittel werden teurer. Wenn nur die Kosten steigen, ist natürlich der erste Instinkt, nein zu sagen.

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Dennoch bleibt es richtig, die Subventionen zu senken. Sie erreichen die erwünschten Ziele nicht; vor allem in Entwicklungsländern kommen die Steuergelder nicht den Armen zugute. Stattdessen profitieren die Elite und die obere Mittelschicht – also die, die mit ihren Fahrzeugen und Klimaanlagen den meisten Treibstoff verbrauchen.

ZEIT ONLINE: Dennoch trifft es die Armen am härtesten, wenn Transport und Nahrung teurer werden. Sie geben einen besonders großen Teil ihres Einkommens für die Grundversorgung aus.

Achim Steiner
Achim Steiner

ist seit 2006 Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Der Deutsch-Brasilianer Steiner studierte in Oxford, London, Harvard und am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn. Er hat für verschiedene Regierungs-, Nichtregierungs- und internationale Organisationen gearbeitet. Die Verknüpfung von Umwelt-, Entwicklungs- und sozialen Fragen ist sein Schwerpunkt.

Steiner: Genau. Eine Reform darf nicht allein dazu führen, dass die finanzielle Belastung für den Einzelnen steigt. Ziel ist es, eine rationale Umschichtung der Steuerlast zu erreichen. Durch den Abbau der Subventionen kann das gewonnene Geld anderswo investiert werden, etwa in die Gesundheit oder ins Bildungswesen. Indonesien hat das zum Beispiel so gemacht.

ZEIT ONLINE: Aber gerade in Indonesien gab es wegen der Subventionskürzungen heftige Proteste.

Steiner: Sicher, aber auch in Deutschland wird über den Benzinpreis immer heftig gestritten. Entscheidend ist, dass die Öffentlichkeit Ziel und Sinn einer effizienteren Energiepolitik nachvollziehen kann. Der Bürger darf nicht durch die Kürzungen das Gefühl erhalten, doppelt belastet zu werden.

ZEIT ONLINE: Gibt es weitere Länder, in denen das gelungen ist?

Steiner: Iran ist ein gutes Beispiel. Das Land exportiert Öl, kann aber seinen eigenen Brennstoffbedarf nicht decken – so ähnlich wie Nigeria. Im Iran hat sich der Preis für Benzin und Diesel fast verdoppelt, als die Regierung die Subventionen kürzte. Aber zugleich wurde ein Kompensationsprogramm eingeführt, durch das 90 Prozent aller Haushalte nun eine monatliche Rückzahlung erhalten.

ZEIT ONLINE: Wie hoch war der finanzielle Ausgleich?

Steiner: Im Iran gab es eine Pauschalsumme, hoch genug, dass ein typischer Mittelschichthaushalt den Subventionsabbau nicht mehr allzu negativ empfunden hat. Ärmere Haushalte erhielten den gleichen Betrag, hatten also plötzlich zusätzliches Geld zur Verfügung. Dadurch empfanden viele Iraner die Reform als eher positiv. Gleichzeitig war der Anreiz zu sparen für Industrie und Verbraucher so hoch, dass der Verbrauch von Treibstoffen um über 30 Prozent reduziert wurde. 

Leser-Kommentare
  1. nur ein kleiner Hinweis:
    In der BU wird Lagos als Hauptstadt Nigerias angegeben

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    Redaktion

    Liebe lavenezolana,

    danke! Der Fehler ist korrigiert.

    Viele Grüße,
    Alexandra Endres

    Redaktion

    Liebe lavenezolana,

    danke! Der Fehler ist korrigiert.

    Viele Grüße,
    Alexandra Endres

  2. ...wenn von einem der korruptesten Ländern erwartet wird, es müsse gezielt ineffizienten Mitteleinsatz abbauen und stattdessen Geld an seine Bevölkerung ausschütten. In einem Land, in dem etwa 10% der jährlichen Ölförderung duch "Oilbunkering" "verloren" gehen. Absolut lächerlich wird es, wenn dann vom Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der nigerianischen Wirtschaft gesprochen wird. Außer Landwirtschaft gibt es dort nichts nennenswertes und die Ölindustrie wird davon kaum betroffen sein.

    Das Anpreisen von Investoren bei der Versorgung der Bevölkerung mit Grundbedürfnissen (Energie ist eines) entbehrt auch nicht einer gewissen Komik.

  3. ist es, wenn arme Länder über Verteuerung von Energie und Lebensmitteln (siehe Biosprit)ins Chaos gestürzt und dann als Lösung 'erneuerbare' Energien empfohlen werden, die teuerste Energieform am Markt.
    Die Nigerianer sollten die UNEP Bürokraten zum Teufel jagen.

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    • wd
    • 23.01.2012 um 20:37 Uhr

    ich kann mir meine Zuschrift sparen.

    dass man nicht lange darauf warten muss, bis ein solcher Kommentar kommt. Lesen Sie doch erst mal den Artikel.

    Der Ansatz ist doch vernünftig. Die Frage ist eher, ob das in jedem Land umsetzbar ist (Good Governance und so).

    Dass die Erneuerbaren generell die teuerste Energieform sind ist mir allerdings neu. Für die Photovoltaik und Solarthermie mag das zutreffen (zumal wenn man noch die Abschaltung betriebswirtschaftlich noch rentabler Kraftwerke einberechnet und vernachlässigt, dass Strom zur Mittagszeit auch preisdämpfend wirken kann). Für die Errichtung neuer (!) Kraftwerkparks gilt eher, dass Kohle und Atomkraft teurer (!) sind, als z.B. Windkraft (siehe dazu Zahlen der US-Administration auf wikipedia zitiert: http://en.wikipedia.org/w...). Zumal damit eben Importabhängigkeiten abgebaut (und vermutlich sogar mehr Arbeitsplätze im Land geschaffen) werden.

    Weitere Argumente stehen im Artikeltext...

    • wd
    • 23.01.2012 um 20:37 Uhr

    ich kann mir meine Zuschrift sparen.

    dass man nicht lange darauf warten muss, bis ein solcher Kommentar kommt. Lesen Sie doch erst mal den Artikel.

    Der Ansatz ist doch vernünftig. Die Frage ist eher, ob das in jedem Land umsetzbar ist (Good Governance und so).

    Dass die Erneuerbaren generell die teuerste Energieform sind ist mir allerdings neu. Für die Photovoltaik und Solarthermie mag das zutreffen (zumal wenn man noch die Abschaltung betriebswirtschaftlich noch rentabler Kraftwerke einberechnet und vernachlässigt, dass Strom zur Mittagszeit auch preisdämpfend wirken kann). Für die Errichtung neuer (!) Kraftwerkparks gilt eher, dass Kohle und Atomkraft teurer (!) sind, als z.B. Windkraft (siehe dazu Zahlen der US-Administration auf wikipedia zitiert: http://en.wikipedia.org/w...). Zumal damit eben Importabhängigkeiten abgebaut (und vermutlich sogar mehr Arbeitsplätze im Land geschaffen) werden.

    Weitere Argumente stehen im Artikeltext...

    • wd
    • 23.01.2012 um 20:37 Uhr

    ich kann mir meine Zuschrift sparen.

  4. In einem Entwicklungsland?

    Ja haben die den auch schon so viel Geld wie wir, dass sie es regelmäßig verbrennen können (50% der Subventionen für 6% de Leistung)

  5. dass man nicht lange darauf warten muss, bis ein solcher Kommentar kommt. Lesen Sie doch erst mal den Artikel.

    Der Ansatz ist doch vernünftig. Die Frage ist eher, ob das in jedem Land umsetzbar ist (Good Governance und so).

    Dass die Erneuerbaren generell die teuerste Energieform sind ist mir allerdings neu. Für die Photovoltaik und Solarthermie mag das zutreffen (zumal wenn man noch die Abschaltung betriebswirtschaftlich noch rentabler Kraftwerke einberechnet und vernachlässigt, dass Strom zur Mittagszeit auch preisdämpfend wirken kann). Für die Errichtung neuer (!) Kraftwerkparks gilt eher, dass Kohle und Atomkraft teurer (!) sind, als z.B. Windkraft (siehe dazu Zahlen der US-Administration auf wikipedia zitiert: http://en.wikipedia.org/w...). Zumal damit eben Importabhängigkeiten abgebaut (und vermutlich sogar mehr Arbeitsplätze im Land geschaffen) werden.

    Weitere Argumente stehen im Artikeltext...

  6. Redaktion
    7. Lagos

    Liebe lavenezolana,

    danke! Der Fehler ist korrigiert.

    Viele Grüße,
    Alexandra Endres

    Antwort auf "Bildunterschrift"

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