ZEIT ONLINE: Herr Minister Lidegaard, bis zum Sommer hat Dänemark die EU-Präsidentschaft inne. Was haben Sie sich für die Bereiche Energie und Klima vorgenommen?

Martin Lidegaard: Wir haben die historische Chance, die EU-Energieeffizienz-Richtlinie endlich voranzubringen – und zwar zu einer Zeit, in der die Energiepreise durch die Decke gehen und wir in einer tiefen Wirtschaftskrise stecken. Jeder Euro, den wir für eine effizientere Nutzung von Energie ausgeben, schafft Arbeitsplätze und hilft dabei, die Ressourcenkrise zu lösen. Es ist eine Investition in Europas Zukunft. Deshalb ist es so wichtig, dass wie die Richtlinie endlich verabschieden.

ZEIT ONLINE: Finden Sie mit Ihrer Energie- und Klimaagenda in der aktuellen Krise überhaupt Gehör?

Lidegaard: Natürlich bindet die Euro-Krise in den Ländern erhebliche Kapazitäten. Deshalb ist es ist schwer, das Thema Energieeffizienz auf die Regierungsebene zu heben. Aber: Wir müssen sie im ersten Halbjahr verabschieden, damit endlich investiert werden kann. 

ZEIT ONLINE: Sie wollen Energiekonzernen vorschreiben, bei ihren Kunden jährlich Energie einzusparen. Der Widerstand ist allerdings enorm – auch in Deutschland.

Lidegaard: Sicher, deswegen wollen wir das Ganze so flexibel wie möglich gestalten. Das Ziel ist vorgegeben: Bis 2020 muss die Energieeffizienz um 20 Prozent erhöht werden. Wie wir das umsetzen, ist eine ganz andere Frage. Unser Vorschlag lautet: Wir verpflichten die Energie-Konzerne dazu, jedes Jahr 1,5 Prozent der verkauften Energie einzusparen. Das ist aber nur eine von vielen möglichen Varianten. Wenn ein Land sagt: Das passt nicht zu uns, dann sage ich: Okay, wie wollt ihr es umsetzen? Die Hauptsache ist, ihr erreicht das vorgegebene Ziel.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht alles noch sehr schwammig?

Lidegaard: Sicher, es ist kompliziert. Allein das Europäische Parlament hatte 1.800 Änderungswünsche zur Richtlinie. Aber so sieht unser Alltag aus: Die Interessen von 27 Mitgliedsstaaten müssen unter einen Hut gebracht werden.

ZEIT ONLINE: Wie wollen Sie den Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten wieder in Schwung bringen, das Herzstück der europäischen Klimapolitik?

Lidegaard: Der niedrige Preis für die Zertifikate ist in der Tat ein Problem – mit der Energieeffizienz-Richtlinie könnte der Preis sogar noch weiter sinken. Ein effektiver Klimaschutz ist so nicht möglich, und unter den Investoren nimmt die Unsicherheit zu. Wie wir den Preisverfall stoppen, ist noch nicht entschieden. Die EU-Kommission schlägt vor, Zertifikate bei kommenden Auktionen zurückzuhalten. Aber soll jedes Land selbst darüber entscheiden, oder wird es verpflichtend gemacht? Unklar ist auch, ob die Aktion zeitlich befristet wird oder nicht.

ZEIT ONLINE: Ist das Problem bis zum Sommer lösbar?

Lidegaard: Wir können das Problem nur vernünftig lösen, wenn andere wichtige Fragen geklärt sind – beispielsweise wenn die Energieeffizienzrichtlinie vom Tisch ist. Vorher hat das keinen Sinn.

ZEIT ONLINE: Dänemark gilt als Musterland, wenn es um Energieeffizienz geht. Was kann Europa von Ihnen lernen?

Lidegaard: Dänemark hat in den vergangenen 20 Jahren das Bruttoinlandsprodukt verdoppelt, ohne den Energieverbrauch zu steigern. Unsere Erfahrung ist, dass Energiesparen und Wachstum keine Gegensätze sind.