Ein Mann in einem der Zelt-Camps von Port-au-Prince © Thony Belizaire/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Zwei Jahre nach dem Erdbeben in Haiti hausen immer noch Hunderttausende Obdachlose in Zelt-Camps. Die Hälfte des Schutts liegt noch in den Straßen, es fehlt an Nahrung und an Jobs. Warum geht der Wiederaufbau so langsam voran?

Katja Maurer: Um das zu beantworten, muss man weit zurückschauen, noch vor das Beben im Januar 2010. Haiti war damals schon arm und abhängig, und seine staatlichen Strukturen waren schwach. Nach der Katastrophe sind wir alle mit dem Anspruch angetreten, das Land besser wieder aufzubauen. Aber das ist nicht geschehen.

ZEIT ONLINE: Womit haben die Hilfsorganisationen sich dann die ganze Zeit beschäftigt?

Maurer: Wir leisten vielfach immer noch Nothilfe, die Wiederaufbauphase hat noch gar nicht begonnen. Es gab viele richtige Einzelmaßnahmen. Jede neue Latrine zum Beispiel trägt dazu bei, Cholerafälle zu vermeiden, wenngleich die Durchfallerkrankung noch nicht eingedämmt ist . Die Hilfsorganisationen stehen unter einem enormen Druck, schnell vorzeigbare Ergebnisse zu erreichen – ein grundsätzliches Problem. Denn zugleich gibt es auf der haitianischen Seite niemanden, der die Interessen der Bevölkerung koordiniert vertreten und Prioritäten vorgeben kann. Der Staat ist viel zu schwach, um zu bestimmen, was wo gebaut wird. Und ich kann auch nicht erkennen, dass die internationalen Geber ein Interesse daran hätten, die staatlichen Strukturen aufzubauen.

ZEIT ONLINE: Es gibt kein Konzept für den Wiederaufbau?

Maurer: Es gibt gute Ansätze. Nehmen Sie den Bericht der Kommission unter Führung des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton . Da steht viel Richtiges drin, zum Beispiel über die Notwendigkeit der Dezentralisierung. Die Regionen außerhalb von Port-au-Prince müssten gestärkt werden – tatsächlich ist die Landflucht aber ungebrochen. Die Menschen ziehen in die Hauptstadt, weil sie auf dem Land hungern. Port-au-Prince hat heute mehr Einwohner als vor dem Beben. Dabei war die Überbevölkerung dort eine der Hauptursachen, warum so viele Menschen durch das Beben und seine Folgen starben.

In der Praxis funktioniert Dezentralisierung beispielsweise so: Es gab ein Flüchtlingslager in Port-au-Prince, auf einem Golfplatz in einem Reichenviertel. Den Bewohnern des Camps wurde angeboten, sie an einen Ort mit einer funktionierenden Grundversorgung umzusiedeln. Es sollte eine Gesundheitsstation geben, eine Schule, Arbeitsplätze. Dann aber wurden die Menschen in eine Ödnis gebracht, in der es nicht einmal genügend Wasser für die koreanische Firma gab, die dort eine Textilfabrik mit Billigstlöhnen errichten wollte. Die Versprechen wurden nicht eingehalten. Aber die Haitianer sind so arm, dass sie jeden Strohhalm ergreifen den man ihnen hinstreckt, und das wird missbraucht. Auch deshalb leben heute zwar eine Million weniger Obdachlose in den Lagern als kurz nach dem Beben, besser geht es vielen aber nicht. Haiti ist eine große Wunde. Wer sich mit dem Land beschäftigt, den kann es nur schmerzen.

ZEIT ONLINE: Wie müsste ein tragfähiges Entwicklungskonzept aussehen?