Rochester"Unsere Stadt ist Kodak"

In Rochester, der Heimat von Kodak, herrscht Angst. Es geht um Arbeitsplätze, aber auch um Erinnerung, Identität und Stolz. Lisa Mirka Brüchle hat die Stadt besucht. von Lisa Mirka Brüchle

Das Kodak-Werk im sogenannten Eastman-Business-Park im Norden von Rochester

Das Kodak-Werk im sogenannten Eastman-Business-Park im Norden von Rochester

Konkurs, Pleite, das Aus? Die Rauchwolken erzählen eine andere Geschichte. Hellgelb kriechen sie schon am frühen Morgen aus den Backsteinschornsteinen und lassen glauben, bei dem Unternehmen, das die riesige Werkanlage im Norden von Rochester betreibt, laufe alles ganz normal.

Dass der Fotokonzern Kodak ums Überleben kämpft und am Donnerstag einen Insolvenzantrag gestellt hat, lassen nur die Mienen der Mitarbeiter erahnen, die nach und nach auf den angrenzenden Parkplatz fahren und in der klirrenden Kälte eine Zigarette rauchen, bevor sie hinter dem Werkstor verschwinden. "Wir dürfen nix sagen", meint ein Endfünfziger, an dessen Hals ein orange-gelbes Kodak-Band mit Mitarbeiterausweis hängt. "Und ich will auch gar nicht, denn ich gehe bald in Rente und da will ich keine Schwierigkeiten kriegen." Dann schiebt er seinen Ausweis vor den Sensor und geht durch das Drehkreuz.

Jeder vierte arbeitete bei Kodak

Angst herrscht in der rund 200.000 Einwohner zählenden Stadt hoch im Norden des Bundesstaat New York an der Grenze zu Kanada. Mit der Pleite von Kodak stehen allein in Rochester bis zu 7.000 Jobs auf der Kippe. Rund dreimal so viele ehemalige Mitarbeiter mit Rentenansprüchen wohnen in der Gegend. Sie müssen ebenfalls um ihre Versorgung bangen. Schon in den vergangenen Jahren hat die Firma stetig Arbeiter entlassen und sich von einem Teil seiner Produktionszweige getrennt.

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Es geht aber um mehr als um einen Industriezweig, es geht um den Niedergang eine Ikone. Kodak hat den gesamten Bildsektor revolutioniert. Mit der Fotokamera fing es an. "Ich will sie so praktisch wie einen Bleistift machen" – mit diesem Motto entwickelte Kodaks Begründer George Eastman trockene Negativplatten und vertrieb die ersten Filmrollen. Die großen unhandlichen Plattenkameras wurden überflüssig. Das war der Beginn von Kodak. 1891 öffnete das erste Werk in Rochester. Zu seiner Blütezeit in den achtziger Jahren arbeiteten in Rochester 60.000 Menschen für das Unternehmen. Das war jeder vierte hier.

Im Café Spot in Downtown thront Kodak über den Köpfen der Gäste, die gerade ihren morgendlichen Kaffee trinken. Auf dem großen gemalten Wandbild ist das Café neben dem Kodak Tower zu sehen. Dass der Büroturm von 1914, der immer noch zu den höchsten Gebäuden in Rochester gehört und die Zentrale des Konzerns beherbergt, am anderen Ende der Stadt steht, ist egal. Es geht vielmehr um ein Gefühl. Das Kodak-Eastman-Gefühl.  

Leserkommentare
    • TDU
    • 19. Januar 2012 17:28 Uhr

    Kann man sich gut vorstellen, wie das die Menschen einer ganzen Region enttäuscht und erschüttert. Vielleicht schauen sie nach "good old Europe" insbesondere Germany. Ruhrgebiet und Saarland habens gut hingekriegt, und wenn sie es besser machen, schaffen sie es vielleicht sogar auf Dauer.

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