Blick auf ein Kohlebergwerk in Huo Lin Guo Le, China (Archivbild) © Gou Yige/AFP/Getty Images

Der Gipfel von Durban brachte keine guten Nachrichten für das Weltklima . Frühestens 2020 soll ein neues Klimaschutzabkommen in Kraft treten. Die Klimadiplomaten verweigern sich in ihrem Handeln den Notwendigkeiten. Denn obwohl unser Treibhausbudget begrenzt ist – dem international anerkannten Budgetansatz des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) zufolge dürfen wir bis zum Jahr 2050 noch 750 Gigatonnen CO 2 -Äquivalent ausstoßen, um das 2010 in Cancún vereinbarte Zwei-Grad-Ziel einzuhalten –, steigen die Emissionen weiter. Im Jahr 2010 erreichten sie mit 30,4 Gigatonnen den bisher höchsten Wert in der Geschichte, wie die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem aktuellen World Energy Outlook feststellt.

Auch der Ausbau von Energieerzeugungskapazitäten gibt Anlass zur Sorge: Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sah eine Renaissance der Kohle, trotz der 1997 in Kyoto vereinbarten Verpflichtungen zur Reduzierung von Treibhausgasen. Seit dem Jahr 2000 nahm die weltweite Kohlenachfrage um 55 Prozent zu. Mit einem Anteil von 40 Prozent im Jahr 2009 bleibt die Kohle das Rückgrat der globalen Stromerzeugung und verursacht 43 Prozent der globalen CO 2 -Emissionen.

Kohle wird noch über Jahre die globale Stromerzeugung dominieren . Da Kohlekraftwerke bis zu 40 Jahre am Netz bleiben, sind die daraus resultierenden Treibhausgasemissionen auf Jahrzehnte im Globalbudget festgelegt ( "locked-in" ). Noch bedenklicher ist, dass Dreiviertel der heute existierenden Kohlekraftwerke einen Wirkungsgrad von unter 40 Prozent haben. Technisch machbar sind bis zu 47 Prozent Wirkungsgrad bei Steinkohle- und bis zu 45 Prozent bei Braunkohlekraftwerken.

Von den in China in Bau befindlichen 90 Gigawatt an Kohlekraftwerken haben ein Drittel einen technisch veralteten Wirkungsgrad von unter 40 Prozent. In Indien sieht es noch schlechter aus: Dort haben fast alle Kohlekraftwerkparks einen solch niedrigen Wirkungsgrad. Die Ökonomien beider Länder sind die kohleintensivsten weltweit. Allein China verbraucht, relativ zum Bruttosozialprodukt, fünfmal mehr Kohle als der Rest der Welt.

Die heutigen Investitionsentscheidungen bestimmen die Emissionen von morgen. Da beide Länder sich heute für technisch veraltete Kraftwerke entscheiden, werden sie über Jahrzehnte hinweg große Mengen an vermeidbaren Treibhausgasen in die Luft ausstoßen. Sie belasten das globale Treibhausgasbudget zusätzlich. Vor diesem Hintergrund ist die Bremserrolle Chinas und Indiens in Durban umso zweifelhafter. Die Begründung, dass die Industrieländer eine historische Bringschuld beim Klimaschutz haben, war bei der Verabschiedung des Kyoto-Protokolls richtig, und deshalb wurden keine Minderungsmaßnahmen für Entwicklungsländer vereinbart.

Veraltete Kohlekraftwerke kosten wenig

Doch heute sehen die Realitäten anders aus. Treibende Kraft der zusätzlichen Kohlenachfrage und der zunehmenden Treibhausgasemissionen sind die Nicht-OECD-Länder, allen voran China und Indien. Beide Länder haben einen enormen Energiebedarf und ambitionierte Pläne, ihre Energieinfrastruktur auszubauen. Dabei setzen China und Indien zunehmend auch auf den Ausbau der erneuerbaren Energien . So wurden 2010 in China 48,5 Milliarden Dollar in erneuerbare Energieträger investiert, so viel wie in keinem anderen Land der Welt. China gewinnt bereits 18 Prozent seines Stroms und neun Prozent seiner Primärenergie aus erneuerbaren Energieträgern.

Dass beide Länder dennoch auf Kohlekraftwerke setzen, die nicht dem Stand heutiger Technik entsprechen, liegt an deren Kosten: Moderne, hocheffiziente Kohlekraftwerke sind teurer als veraltete Technik. Höhere Wirkungsgrade erfordern höhere Temperaturen und Drücke im Kessel, die wiederum zu höheren Material- und Baukosten führen. Solange Kohle billig ist, rentieren sich diese Investitionen nicht.

Zwar haben sich sowohl Koks- als auch Kraftwerkskohle seit 2005 – mit einer kurzfristigen finanzkrisenbedingten Delle – stetig verteuert. Um einen Ausgleich zu schaffen, gewährt China jedoch die höchsten verbrauchsorientierten Kohlesubventionen der Welt, immerhin zwei Milliarden Dollar im Jahr 2010. Dieser Betrag ist vor dem Hintergrund von weltweit 409 Milliarden Dollar an Subventionen für fossile Energieträger zwar gering. Doch dadurch bleiben technisch überholte Kohlekraftwerke rentabel, und Investitionen in neue Technologien werden gescheut. Im Vergleich: Deutschland gewährte 2009 Subventionen in Höhe von 1,46 Milliarden Euro als Absatzhilfe für den bis 2018 auslaufenden Steinkohlebergbau .

 Subventionen abschaffen, Emissionen verteuern

Anders als in Europa , wo seit 2005 ein Emissionshandelssystem besteht , werden in China und Indien Treibhausgasemissionen nicht mit einem Preis versehen. Dem Klima würde das helfen: Wird nämlich der Ausstoß von Treibhausgasen einerseits begrenzt und andererseits das Verschmutzungsrecht an der Börse mit einem Preis versehen , entsteht eine komplett neue Ausgangslage für die Kalkulation von Kraftwerksneubauten: der Bau eines hocheffizienten Kraftwerks oder der Wechsel zu einem anderen Energieträger rentieren sich.

Als technische Option für die Verringerung der Treibhausgasemissionen bei Kohlekraftwerken gilt die CO 2 -Abscheidung und -Speicherung ( Carbon Capture and Storage, CCS ). Zunächst hieß es, CCS-Kraftwerke würden 2020 zur Verfügung stehen. Die fossile Kraftwerksindustrie, aber auch viele Politiker setzen immer noch auf diese Technologie. Dabei ist heute von einer CCS-Einführung bis zum Jahr 2020 keine Rede mehr. Zu groß sind die technischen und politischen Herausforderungen . So senkt die CCS-Technik den Wirkungsgrad eines Kraftwerkes um bis zu 15 Prozent und treibt so die Erzeugungskosten für Kohlestrom über den für erneuerbare Energien.

Erneuerbare können die Welt noch nicht versorgen

Obwohl im Jahr 2010 bereits die Hälfte der neu geschaffenen Erzeugungskapazitäten auf erneuerbaren Energien basierte, tragen die alternativen Energieträger erst 16 Prozent zur Endenergie bei. Zieht man davon die Nutzung der traditionellen Biomasse in Entwicklungsländern ab, decken die erneuerbaren Energien erst sechs Prozent der weltweiten Energienachfrage. Die unbequeme Wahrheit lautet deshalb: Die Vollversorgung durch erneuerbare Energien wird vorerst nicht möglich sein.

Die fossilen Energien werden noch über Jahrzehnte dominieren, vor allem in den Nicht-OECD-Ländern . Wenn also schon konventionelle Kraftwerke gebaut werden, ob auf Erdgas- oder Kohlebasis, so müssten diese den höchstmöglichen technischen Effizienzgrad erreichen. Solange aber fossile Energieträger künstlich verbilligt werden, setzen Investoren auch in Zukunft auf veraltete Technik.

Deshalb muss die Politik – wie auf dem G-20-Gipfel von Pittsburgh beschlossen – Subventionen auf fossile Energieträger reduzieren mit dem Ziel, sie ganz abzuschaffen. Treibhausgasemissionen müssen durch die Einführung eines Emissionshandelssystems oder durch Besteuerung eingepreist werden. Die betriebswirtschaftliche Kalkulation beim Kohlestrom verschlechtert sich dadurch, die Kalkulation der kapitalintensiven erneuerbaren Energien wird im Umkehrschluss einfacher. Volkswirtschaftlich ist dies sinnvoll.

Solange aber die externen Kosten der fossilen und nuklearen Energien nicht internalisiert werden, brauchen die erneuerbaren Energien klare politische Rahmenbedingungen, damit ihr Ausbau forciert werden kann. Nur so können sie mittel- bis langfristig fossile und nukleare Energien ersetzen. Ohne diese politischen Rahmenbedingungen rücken die Klimaschutzziele und eine nachhaltige Energieversorgung in weite Ferne. Die Politik muss hier aktiv werden – nicht nur in den Industrienationen. Gefordert sind auch die Nicht-OECD-Länder, und hier vor allem in den großen Schwellenländern wie China, Indien, Südafrika und Brasilien .