LebensmittelGekauft wird, was billig ist

Die meisten Kunden achten nur auf den Preis, sagt Ernährungsindustrie-Sprecher Jürgen Abraham – selbst wenn sie behaupten, für bessere Lebensmittel mehr Geld auszugeben. von Heike Jahberg

Deutsche Wurstwaren bei der Grünen Woche in Berlin

Deutsche Wurstwaren bei der Grünen Woche in Berlin  |  © Sean Gallup/Getty Images

Frage: Herr Abraham, wie gut sind deutsche Lebensmittel?

Jürgen Abraham:  Deutsche Lebensmittel sind hervorragend und erfreuen sich großer Beliebtheit. Das zeigt auch unser Exporterfolg. Wir produzieren im Jahr Waren im Wert von 150 Milliarden Euro, davon geht fast ein Drittel ins Ausland. Das ist ein Zeichen für die hohe Qualität und Wertschätzung, die Lebensmittel made in Germany haben.

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Frage: In Deutschland ist die Wertschätzung nicht ganz so hoch. Viele Verbraucher trauen der Lebensmittelindustrie nicht über den Weg.

Jürgen Abraham
Jürgen Abraham

ist Gründer der Schinkenfabrik Abraham-Schinken. Der Industriekaufmann arbeitete zunächst im elterlichen Lebensmittelhandel, verkaufte dann aber zusammen mit seinem Bruder Rolf Wurst, Schinken und Käse auf Wochenmärkten. 1971 übernahmen die Brüder eine Schinkenräucherei und gründeten Abraham-Schinken. Seit 2009 gehört die Firma der Schweizer Bell AG. Seit 2005 ist der 71-jährige Abraham Vorsitzender der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Die  BVE vertritt die Interessen der Lebensmittelhersteller in Berlin und Brüssel. Neben vielen Verbänden sind auch Hersteller wie Unilever, Kraft oder Nestlé Mitglied.

Abraham: Die kritische Berichterstattung in den Medien und die manchmal dramatisierten Darstellungen von Lebensmittelskandalen haben im Bewusstsein der Konsumenten Spuren hinterlassen. Die Fakten sprechen jedoch eine andere Sprache: Lebensmittel waren in Deutschland noch nie so sicher, so hochwertig und günstig wie heute. Allerdings hat die Lebensmittelindustrie keine hohe Vertrauensstellung in Umfragen bei Verbrauchern, diese orientieren sich eher an der Stiftung Warentest und den Verbraucherschutzorganisationen. Daher muss die Branche stärker über ihre tägliche Arbeit und die Qualität ihrer Produkte informieren und sollte die Kommunikation nicht allein den Kritikern überlassen.

Frage:  Wie sollen Verbraucher der Industrie vertrauen, wenn diese mit ihrer Werbung und ihren hübsch aufgemachten Verpackungen ständig falsche Erwartungen schürt?

Abraham: Die Ernährungsindustrie arbeitet auf der Basis der geltenden Gesetze. Im Marketing muss mit Emotionen und Bildern gearbeitet werden, um die Produkte im Wettbewerb zu profilieren. Das verstehen aufgeklärte Konsumenten auch. Der Lebensmitteleinkauf befriedigt mehr als Hungergefühle, es geht um sozialen Status, Nachhaltigkeit und vieles mehr. Das heißt nicht, dass jede Marketingaussage akzeptiert werden muss, natürlich darf keine Irreführung des Verbrauchers stattfinden. Dazu gibt es Gesetze, mit denen entsprechende Auswüchse auch bekämpft werden. Nicht akzeptabel ist es jedoch, wenn das subjektive Meinungsbild einzelner Verbraucherschützer zum neuen Standard erhoben wird, für den es keine rechtliche Grundlage gibt.

Frage: Nicht nur Verbraucherschützer, auch immer mehr Verbraucher verstehen nicht, warum eine Kalbswiener nur 15 Prozent Kalbfleisch enthalten muss.

Abraham: Die im Lebensmittelbuch niedergelegte allgemeine Verkehrsauffassung hat sich über Jahre und Jahrzehnte gebildet; sie kann selbstverständlich Wandlungen unterworfen sein. Diese werden dann von der Lebensmittelbuchkommission in Fortentwicklung der Leitsätze berücksichtigt. In der Lebensmittelbuchkommission sind zu gleichen Teilen Verbraucherorganisationen, die Wissenschaft, die Lebensmittelüberwachung und die Wirtschaft vertreten. Das was jetzt beklagt wird, haben alle vier Gruppen, also auch die Verbraucherschützer, als das, was man von einem Lebensmittel erwarten darf, gemeinsam beschlossen. Die Leitsätze werden derzeit einer Überarbeitung unterzogen, an der wir mitwirken.

Frage: Agrarministerin Ilse Aigner plant gesetzliche Regeln für die regionale Herkunft von Lebensmitteln. Zu Recht?

Abraham: Die regionale Herkunft ist eine große Chance insbesondere für kleine und mittlere Lebensmittelhersteller. Sie können mit regionalen Spezialitäten und ihrer regionalen Herkunft erfolgreich sein. Ich bin aber dagegen, Regionalsiegel gesetzlich verpflichtend einzuführen. Damit würde man die Wettbewerbschance kleinerer Firmen wieder zunichte machen.

Frage: Wissen Sie, woher die Schweine für Ihre Schinken kommen?

Leserkommentare
    • pritzi
    • 16. Januar 2012 15:20 Uhr

    Lebensmittel verstehen

    21.01. in Berlin

    Bauernhöfe statt Agrarindustrie

    www.wir-haben-es-satt.de

    5 Leserempfehlungen
    • genius1
    • 16. Januar 2012 15:35 Uhr

    Das kann Billig aber auch Teuer sein. Das kann Gesund sein, aber auch aus ungesunder Herstellung sein.

    Sollte ich mir mal die erlaubten Zutatenlisten (Allergene) für die ganzen Lebensmittel durchlesen und auch noch Begreifen können, gemäß ihrer teilweisen Gefährlichkeit für die Gesundheit? Oder die ganzen "Gesunden" Vitaminanreicherungen in Lebensmitteln, samt Impfstoffrückständen (Resistenzen) im Fleisch?

    Da kann beim Essen nur die Gesundheit der Menschen auf der Strecke bleiben! Oder sehe ich das zu Naiv?

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    Ihre Sicht ist unglaublich naiv. "Was schmeckt" wird im Kindesalter festgelegt. Wenn ich meinen Kindern nur den 5-minuten-Fraß aus der Mikrowelle vor die Nase setze, dann werden die auf diesen Industriegeschmack programmiert. Genauso bei den ganzen anderen Fertigprodukten. Ich bin erschrocken, als ich mal, nur zum Spass, einen Fruchtjoghurt ohne Aromazusätze gesucht habe: von 10 Herstellern gab es nur einen, der seie Kunden nicht verarscht hat.

    Ich gehe beim Nahrungseinkauf einfach nach folgender Maxime vor: alles was Geschmacksverstärker (neuerdings als Hefeextrakt getarnt) oder Aromazusätze enthält kommt mir nicht ins Haus, geschweige denn in den Mund. Damit fährt man ziemlich gut, man muss halt wieder selber kochen ;)

    • Luise20
    • 16. Januar 2012 15:37 Uhr

    ...ist aber nicht alles, was teuer ist, auch gut.
    Ich würde das Fach Hauswirtschaft in der Schule einführen. Richtig einkaufen ist der erste Schritt zur gesunden Ernährung. Und das geht mit saisonalen und regionalen Produkten sehr gut, die dann in aller Regel auch günstig sind.
    Nur, die Menschen können Waren nicht mehr richtig beurteilen und häufig sich kein vernünftiges Essen kochen. Und das will die Nahrungsmittelindustrie auch gar nicht ändern, weil sie dann den mündigen Verbraucher bekommt.

    26 Leserempfehlungen
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    "Und das will die Nahrungsmittelindustrie auch gar nicht ändern, weil sie dann den mündigen Verbraucher bekommt."

    In der Tat hat die geballte Lobby der LM-Industrie ja erst unlängst erreicht, dass Brüssel die Lebensmittelampel gekippt hat. Anstelle dieser verbraucherfreundlichen Neuerung darf sich unsere Topministerin Frau Aigner jetzt aber einer neuen Website zur Aufklärung rühmen. Wenn man dann noch solche heuchlerischen Interviews lesen muss kann mna fast nur weiis vor Wut werden.

    Zu diesem Thema empfehlensert: "Die Essensfälscher" vom foodwatch-Gründer Thilo Bode. Das Buch ist zwar sehr polemisch geschrieben, enthält aber etliche Fakten zu Schummelprodukten wie Actimel, "natürlichen" Säften, Fruchtjoghurt und eben auch Schwarzwälder Schinken.

    Wer das Buch gelesen hat, der kann sich über die Chupze von Herrn Abraham nicht mehr wundern.

    Voller Durchblick, klare Ansage. So lieben wir unsere Luise 20. Würde zu gern wissen, was es bei Dir heute abend zu Essen gibt!

    Kochen lernen ! Ausprobieren !
    Es macht Spass und man kann soziale Kontakte pflegen !

    GoG

    Wirtschaft, Medienkompetenz, Benehmen/Etikette, Hauswirtschaftlehre...

    Jeder, der hierzulande meint, auf irgendeinem Gebiet seien die meisten seiner Mitmenschen unterbelichtet, fordert ein neues Schulfach. Tolle Idee. Vor allem, wenn ich mir den hanebüchenen Unsinn angucke, den mein kleiner Sohn im Kindergarten und auf bislang drei Schulen zum Thema Ernährung und Gesundheit sich hat anhören müssen.

    Spätestens mit der Erlangung der Geschäftsfähigkeit sollte sich ein Bürger dieses Landes Gedanken darüber machen, ob er sich nicht über einige grundlegende Dinge, die in unserer Gesellschaft wichtig sind, selbst informieren möchte. Es gibt Bücher, Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften und das Internet. An Informationsmangel muss man nun wirklich nicht mehr leiden.

    • 2eco
    • 16. Januar 2012 15:41 Uhr

    Ich frage mich, ob der Abraham selbst an sein Geschwätz glaubt. Bei den kritischen Fragen ist er entweder komplett ausgewichen, oder hat sich später selbst widerlegt.

    Am Besten finde ich den Teil:
    F: "[...]sparen Lebensmittelunternehmen bei den Zutaten, um doch noch ihren Schnitt zu machen?"
    A: "Nein, auf gar keinen Fall."
    F: "Aber man kann beim Joghurt billiges Aroma statt der teuren Kirschen nehmen."
    A: "Ja, aber das ist erlaubt."

    Auch zu den Absichtlichen Täuschungen der Verbraucher z.B Kalbswiener hat er kein Wort gesagt. Außerdem würde mich interessieren, wieso es kleinen Unternehmern schadet, wenn man auf jedem Produkt eine Herkunftsangabe macht?
    Dem Einzigen dem dies schadet ist der Produzenten, weil dann auffliegt aus welchen Regionen er die Lebensmittel tatsächlich bezieht.

    Fazit: Alles ist super, es gibt nur die Besten Zutaten und es wird alles dafür getan den Verbraucher bestmöglich zu informieren.

    15 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 16. Januar 2012 15:42 Uhr

    Wollen nciht anders.- Aber es gibt genug die wollen anders und können nicht (mehr). Aber ich bin trotzdem auf seiner Seite. Die Wein Trinker und Wasser Prediger in der Poltiik haben schon genug verteuert.

    2 Leserempfehlungen
  1. "Der Hersteller hat eine Rezeptur, und er hat gesetzliche Auflagen. Er kann nicht einfach Zutaten streichen, um Kosten zu sparen. Wenn ich beim Schinken auf das Salz oder den Rauch verzichte, dann produziere ich keinen Schinken mehr"

    Es konnten aber alle Hersteller von Milch zusammen die Frischmilch abschaffen und durch "länger frisch" Milch ersetzen, die technisch viel eher einer H-Milch entspricht. Diese meist über 200 Grad erhitzte Milch wird jetzt als Frischmilch verkauft und echte Frischmilch ist fast überhaupt nicht mehr zu bekommen. Wo waren da die Gesetze, die uns hätten schützen sollen?

    8 Leserempfehlungen
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    steht dann auf der Milchpackung, wenn es sich NICHT um die länger-haltbar-Milch handelt. Und die gibt es z.B. bei Rewe.
    Es ist blöd, dass man sich die Sachen zusammensuchen muss, aber das war vor 2 Millionen Jahre ja auch nicht anders.

    Und nochwas zu den Lebensmittelpreisen. Es ist immer leicht einfach die Preise von Lebensmitteln über die Jahre oder Länder zu vergleichen, wenn man die Lebensumstände nicht miteinbezieht. In Deutschland geht locker die Hälfte eines Familieneinkommens für Wohnkosten drauf (inkl. Energie, Telekommunikation, Zwangsabgaben etc. - stetig steigend) Ein guter Teil geht für Mobilitätskosten weg (ebenfalls stetig steigend), die auch nötig sind, da man sonst überhaupt nicht zu seinem Arbeitsplatz kommt. Da ist ein Anteil von 11, 12 oder 13 % (je nach Quelle) für Lebensmittel kaum steigerbar.

    Zu dem Zitat:
    "Der Hersteller hat eine Rezeptur, und er hat gesetzliche Auflagen. Er kann nicht einfach Zutaten streichen, um Kosten zu sparen. Wenn ich beim Schinken auf das Salz oder den Rauch verzichte, dann produziere ich keinen Schinken mehr"
    Zitat Ende
    ist anzufügen: Dass es auch bekannte Schinken gibt, die nur in der Luft getrocknet werden, etwa Parmaschinken
    http://de.wikipedia.org/w...
    Es bestehen daher erhebliche Zweifel, dass der interviewte Hersteller von Schinken über die nötige Fachkompetenz verfügt, wenn er meint, dass Rauch kennzeichnend für einen Schinken ist

  2. schließlich leben in Deutschland nunmehr rund 12 Mio. Bürger an oder schon unterhalb der Armutsgrenze!

    Da ist die simple Entscheidung, entweder möglichst lange mit günstigen Lebensmitteln die Familie versorgen und satt bekommen vs. teure Bioprodukte von vermeintlich höherer Qualität, oder gar feine Delikatessen, schon a priori gegeben!

    Mit schmaler Hartz-Kohle, kargem Aufstockerlohn, oder Armutsrente kann man nun mal keine kulinarischen Riesensprünge machen, ja nicht mal für eine wirklich ausgewogene, abwechslungsreiche und gesunde Ernährung langt es da!!

    Für solche, halt nicht (oder nicht mehr) auf den Rosen des Systems gebetteten Zeitgenossen bleibt dann noch bestenfalls das "Schnäppchen" bei den Tafeln, wenn mal etwas besonderes oder gute auf den Tisch kommen soll, ohne gleich an anderen vitalen Lebens-Nerven der Existenz zu schmirgeln!

    Meinte Schröder damals etwa diese "Schnäppchen", die von den Tischen der Reichen für die unteren Chargen herab fallen würden, wenn man die da oben nur gut genug füttert (mit Steuer-Vergünstigungen und Sondertatbeständen), mit Schröders eigenen Worten etwa 'die großen Pferde saufen lässt'?!

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