Es sind 30 Grad. Die Luftfeuchtigkeit beträgt über 90 Prozent, die Deckenhöhe etwa 1,20 Meter. Der Kohlenhobel, ein tonnenschweres Bergbaugerät, schrammt in 1.000 Metern Tiefe mit Getöse und Zischen den Kohleflöz entlang. Das wenige Licht kommt von den Stirnlampen der Bergleute, die sich hier im Streb, am direkten Abbau, nur noch auf allen Vieren bewegen können.

Trotz aller Mechanisierung, Bergmann im Saarrevier zu sein ist auch im 21. Jahrhundert nicht einfach: Immer wieder stockt der Abbau, müssen die Bergleute mit Presslufthämmern den zu groß geratenen Brocken zu Leibe rücken. Unter diesen Bedingungen überhaupt sicher Kohle fördern zu können, ist hohe Bergmanns- und Ingenieurskunst – ein Know-how, das über Jahrhunderte entstanden ist, und zum Schluss doch nicht reichte: Im Feld Primsmulde musste der RAG-Konzern kapitulieren. Zu tief förderte man die Kohle.

Unter Tage entlud sich die bergbaubedingte Spannung des 1,3 Kilometer dicken mächtigen Deckgebirges in Erderschütterungen. Über Tage entlud sich die bergbaubedingte Spannung der Bevölkerung in Bürgerbewegungen und Protestaktionen. Als im Februar 2008 ein Beben der Stärke 4,0 in der kleinen Gemeinde Saarwellingen Teile des Kirchturmes zum Einsturz brachte, schlug die Macht der Bilder die der Ökonomie.

Über Jahrhunderte prägte die Steinkohlegewinnung das Saarland wie kaum eine andere Industrie. Zeitweise über 50.000 Menschen förderten das schwarze Gold und sicherten so den Wohlstand der Region. Mit der Einstellung des Bergbaus in der Grube Ensdorf am 30. Juni 2012 wird diese Ära zu Ende gehen. Bereits ab Mai wird keine Kohle mehr gefördert.

Die verbleibenden rund 1.500 Bergleute gehen in den Ruhestand oder wechseln nach Ibbenbüren, Nordrhein-Westfalen, wo noch Anthrazit gefördert wird. Bis Mitte 2013 werden in Ensdorf noch Material und Maschinen ausgefahren, wird versucht, zu verkaufen, was zu verkaufen ist, nach China, Polen, Südafrika. Doch dann ist endgültig Schicht im Schacht – zumindest unter Tage.

Denn wenn der Bergbau im Saarland auch geht, vieles davon bleibt, zum Beispiel die Industrieflächen. Für rund 2.350 Hektar müssen tragfähige Konzepte für Folgenutzungen entwickelt werden. Der RAG-Konzern, das Land und die betroffenen Kommunen arbeiten dabei Hand in Hand. So konnte Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, deren Ehemann als Bergbauingenieur ebenfalls vom Strukturwandel betroffen ist, vor wenigen Tagen Erfreuliches verkünden: Die RAG wird bis 2013 auf ehemaligen Bergbaustandorten Solarparks mit einer Leistung von 90 Megawatt errichten, Investitionsvolumen rund 170 Millionen Euro – und das ist kein Einzelfall.

Entwickelte Industrieflächen sind begehrt, denn im kleinsten Flächenland der Republik boomt die Wirtschaft. Erwerbstätigenquote und Wirtschaftswachstum liegen auf Rekordniveau. Das Ende des Bergbaus ist für die Saarländer also kein großes wirtschaftliches Problem mehr, eher ein mentales.

Viele entdecken nun ihre persönlichen Wurzeln. Immerhin 1.000 Euro kostet es, sich auf einer Stufe des "Saar-Polygons" zu verewigen, eines 30 Meter hohen, begehbaren Monuments, errichtet auf einer weithin sichtbaren Bergehalde.

Die Stufen, so berichten Verantwortliche des Fördervereins Bergbauerbe, gingen weg wie warme Semmeln. Vorwiegend durch Bürgerengagement entsteht so – im Bestreben, die Erinnerung an den Bergbau wach zu halten – ein für das ganze Land Identität stiftendes, ermutigendes Wahrzeichen: Wenn der Bergbau auch geht, die Saarländer gehen offenbar weiter.