Kenneth Rogoff"Die Ökonomie ignoriert den Faktor Macht"

Die meisten Ökonomen versuchen, Probleme mit mathematischen Modellen zu lösen, sagt Kenneth Rogoff. Warum das nicht funktionieren kann, erklärt er im Interview. von Dirk Heilmann

Frage: Herr Rogoff, Sie fordern eine Abkehr vom einseitigen Streben nach hohen Wachstumsraten. Reflektieren Sie damit die weit verbreitete Sattheit in westlichen Mittel- und Oberschichten, die kein Wachstum mehr wollen, weil sie alles haben?

Kenneth Rogoff: Wir hatten in den vergangenen 200 Jahren eine bemerkenswerte Phase industrieller Innovationen, die den größten Teil der Menschheit aus der Armut befreit hat. Doch nun stellt sich die Frage, ob wir das Wirtschaftswachstum in diesem Tempo fortsetzen können. Ein bis zwei Prozent Wachstum im Jahr klingt wie das Minimum, aber rechnen Sie das mal durch: Wenn wir die nächsten zwei Jahrhunderte das Pro-Kopf-Einkommen um ein Prozent im Jahr steigern würden, dann wären wir am Ende acht Mal so wohlhabend wie heute. Wie wollen wir das hinbekommen, ohne die Umwelt oder die soziale Stabilität zu zerstören? Die Politik denkt leider zu kurzfristig; sie bezieht die Nebeneffekte des Wachstums nicht in ihr Handeln ein.

Frage:
Aber wie könnten wir das ändern, ohne in Fortschrittsfeindlichkeit umzukippen?

Rogoff: Die Finanzkrise hat deutlich gemacht, dass wir einen neuen Wachstumsimperativ brauchen. Nehmen wir die USA als Beispiel. Das Wachstum ist hier extrem auf den privaten Sektor konzentriert - auf Konsum, auf Immobilien. Wir haben ein System, in dem privater Konsum massiv zulasten der Staatsausgaben bevorzugt wird. Dabei ist die Infrastruktur so marode, dass es für den Staat einfach wäre, Projekte zu finden, mit denen er die Lebensqualität der Menschen verbessern könnte. Das Bildungssystem etwa ist eine Schande und auch das Gesundheitswesen steckt voller Probleme.

Frage:
Aber reicht es, Wachstum nur umzuschichten? Die Industriestaaten müssen doch wachsen, um die Schuldenlast zu senken und ihre alternden Gesellschaften versorgen zu können.

Rogoff: Kurzfristig brauchen wir zumindest moderate Wachstumsraten, um die Schuldenlasten zu verringern und die Renten- und Gesundheitsausgaben zu finanzieren. Aber es darf nicht nur darum gehen, neue Einnahmequellen zu finden oder die Ausgaben zu kürzen. Wir müssen auch die Erwartungen der Bürger an die finanziellen Möglichkeiten anpassen. Europa hat dank der Schuldenkrise eine Menge notwendiger Anpassungen vorgenommen, auch wenn bisher vieles nur auf dem Papier steht. In den USA steht das noch bevor.

Frage
: Der neue Wachstumsimperativ gilt also vor allem für die Industriestaaten?

Rogoff: Stimmt. Viele Menschen in Afrika und Südasien sind noch nicht Teil der modernen Welt, sie brauchen ganz andere Wachstumsstrategien. Allerdings stellen sich Fragen der Nachhaltigkeit schnell, sobald Länder sich in die Weltwirtschaft integrieren. Das zeigt das Beispiel China , wo Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung große Probleme sind. Die Wachstumswelle in den Schwellenländern zwingt uns, globale Lösungen für diese Probleme zu finden.

Frage: Ist es tatsächlich vorstellbar, dass sich die reifen Industriestaaten in ihrem Wachstum beschränken?

Rogoff: Das Bruttoinlandsprodukt hat einen großen Einfluss auf das Schicksal von Nationen. Wer auf Wachstum verzichtet, muss mit den machtpolitischen Folgen leben. Das ist ein spieltheoretisches Problem: Für die Welt als Ganzes wäre es gut, wenn wir das Wachstum einschränken würden, aber der Anreiz für jedes einzelne Land, trotzdem auf hohe Wachstumsraten zu setzen, ist sehr groß. Wenn sich Europa jetzt entscheiden würde, die nächsten hundert Jahre weniger zu wachsen als die USA, dann würde es sich selber sicherheitspolitisch schwächen. Die Geschichte hat gezeigt, dass sich in aller Regel die wirtschaftlich starken Länder durchsetzen.

Frage: Wie können Ökonomen die Debatte über neue wirtschaftspolitische Ziele beeinflussen?

Rogoff: Wenn man sich die vergangenen 75 Jahre vor Augen führt, dann muss man sagen, dass Volkswirte den größten Einfluss nicht mit ihren ökonomischen Modellen hatten, sondern damit, dass sie der Politik marktorientiertes Denken nahegebracht haben. Sie haben dazu beigetragen, dass sich die Regulierung von Märkten heute an Transparenz und freiem Wettbewerb orientiert. Weniger Erfolg hatten sie dort, wo es sehr mächtige, große und reiche Akteure gibt, zum Beispiel im Finanzsektor.

Leserkommentare
    • tuo
    • 24. Januar 2012 16:32 Uhr

    Interessant, dass eine der treibenden Kräfte hinter dem NOEM-Modell, einer der abstraktesten und abwegigsten Formalisierungen der Makroökonomie, jetzt eine Abkehr von mathematischen Modellen propagiert. Wenige haben so sehr zu dem desaströsen Stand der Makroökonomik beigetragen wie der gute Herr Rogoff.

    • Nest
    • 24. Januar 2012 16:39 Uhr
    2. Macht

    Schön, dass es mal ein Ökonom beim Namen nennt. Aus Macht Profit zu generieren, ist das was die Finanzmärkte derzeit tun. Und es ist – im kleineren Maßstab – auch das, was ein Straßenräuber tut.

  1. zur Erforschung dieser von Rogoff hier aufgeworfenen Fragen,
    hält Mitte April eine Konferenz in Berlin ab.

    http://ineteconomics.org/...

  2. ...Dependencia-Theorie und Weltsystemansatz von Hans-Dieter Evers und Co.
    Beide wissenschaftlichen Arbeiten bringen die Struktur und Mitivation des Systems der Ökonomie, insbesondere der internationalen Ökonomie auf den Punkt.
    Seit langem gebe ich Nichts mehr auf Kommentare, Stellungnahmen und Anregungen von Leuten, welche Teil des "big buisness", und somit für mich total befangen sind.
    Diese leeren Sprechblasen hab seit langem jede Glaubwürdigkeit verloren!

    RN

    • iboo
    • 24. Januar 2012 17:34 Uhr

    "Die Wall-Street-Ökonomen haben nie moderne makroökonomische Modelle benutzt, weil sie sie immer schon für irrelevant gehalten haben." Also was jetzt?
    Der ehemalige Finanzmathematiker und Urheber der Black-Swan-Theorie Nassim Nicholas Taleb meint, dass genau das passiert ist: Die smarten Banker hatten sich auf elegante Finanzmodelle verlassen und ihre Entscheidungen quasi dem Computer überlassen. Denn dieses System erschien in sich konsistent und hatte sich scheinbar bewährt. Ihr einziger Nachteil war ihr fehlender Bezug zur Realität.

  3. hier das Programm der Konferenz.
    Stiglitz,Rogoff und Soros nehmen auch teil.
    Interessante Themen, es wird wohl von jeder Session
    Videos auf der website geben.

    http://ineteconomics.org/...

    • okmijn
    • 24. Januar 2012 17:47 Uhr

    Wer sagt denn, dass es nicht funktioniert habe? Für die Manager (und die wenigen die Produkte verstehenden Mathematiker und Ökonomen) hat es sich in aller Regel gelohnt. Die haben beim Aufblähen des Marktes extrem verdient und müssen nun mit den volkswirtschaftlich unverdienten Millionen auskommen.

    Das Problem liegt zu aller erst in den extrem Unterschiedlichen Interessen der Manager (vor allem in der Finanz"industrie") und den nicht unabhängigen Ökonomen (insbesodere an den US-Universitäten, die arbeiten gerade an einem Ethikkodex...) auf der einen und dem Rest der Menschheit auf der anderen Seite.

    Wie man das besser (Deckungsgleichheit wird ziemlich sicher unmöglich sein) überein bringt ist soweit ich weiß bisher sehr schlecht erforscht.

    Macht als Faktor ins Spiel zu bringen ist übrigens überflüssig, da sie (was im Schlusswort anklingt) mittel- bis langfristig global mit der ökonomischen Leistung (allerdings der Realwirtschaft!) überein stimmt und kurzfristig lokal durch die Finanzierung der Politiker bzw. die Einflussnahme durch Interessenvertretungen. Das ist übrigens spieltheoretisch bereits beschrieben worden (das Problem, Lösung unbekannt).

    Ökonomen...

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