Sie arbeiten im Blumenladen und als Sekretärin, als Handyverkäufer und Kellner, tragen nebenbei Zeitungen aus oder arbeiten in den Winterferien als Skilehrer – die Multijobber. Hamdi Mazkarichou ist einer von ihnen, er hat zwei Jobs. Seit drei Jahren arbeitet der 27-Jährige 20 Stunden in der Woche bei einem Mobilfunkanbieter in Berlin. Abends und nachts tauscht er den Anzug gegen ein weißes Hemd und Schürze und arbeitet als Keller und Barkeeper für Cateringfirmen auf Firmenfeiern, Seminaren und Preisverleihungen. Auf 50 Stunden die Woche kommt er meistens, oft arbeitet er an sechs Tagen in der Woche. Hamdi Mazkarichou mag die Abwechslung, die seine verschiedenen Jobs ihm bieten. Aber trotzdem sei es auch eine finanzielle Notwendigkeit: "Von dem Aushilfsjob im Handyladen alleine könnte ich schon leben", sagt er. "Aber ich müsste auf viel verzichten." Dauerhaft hofft er dennoch auf eine Festanstellung, vielleicht sogar auf eine Vollzeitstelle. Nämlich spätestens dann, wenn er eine Familie hat.

Sebastian S. hat gleich drei Jobs. Er möchte nicht, dass sein richtiger Name genannt wird, zu groß ist die Befürchtung, dass seine Kunden ihr Vertrauen in ihn verlieren. S. ist 43 Jahre alt und hat einige Berufe gelernt: Er ist Schlosser, Krankenpfleger, Erzieher und er hat Betriebswirtschaftslehre studiert. Seit elf Jahren ist er Finanz- und Versicherungsmakler; vor sieben Jahren begann er, zusätzlich als Krankenpfleger in der Psychiatrie zu arbeiten. 25 Stunden die Woche und immer an zwei Wochenenden im Monat. Seit kurzem baut er sich als gesetzlicher Betreuer alter und psychisch kranker Menschen ein weiteres Standbein auf. 50 bis 70 Stunden in der Woche arbeite er, sagt S. Wie ein ganz normaler Tag in seinem Leben aussieht? "Typisch ist das Chaos", sagt er und lächelt ein wenig. "Bei mir ist nur wenig planbar."

Wie viele Multijobber wie Hamdi Mazkarichou und Sebastian S. es in Deutschland gibt, liegt weitgehend im Dunkeln. Die offiziellen Zahlen schwanken zwischen rund anderthalb Millionen insgesamt – das sind die Angaben des Mikrozensus der Europäischen Statistikbehörde Eurostat – und zweieinhalb Millionen, die die Bundesagentur für Arbeit (BA) angibt. Glaubt man der BA, liegen die Zahlen tatsächlich noch viel höher, denn erfasst werden nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die gleichzeitig eine geringfügige Beschäftigung ausüben. Fest steht allerdings: Seit der Einführung der 400-Euro-Jobs im Jahr 2003 ist die Anzahl der Multijobber rapide gewachsen. Nach Angaben der BA sogar um mehr als das Doppelte: Gab es im Juni 2003 noch 1,16 Millionen Mehrfachbeschäftigte, waren es im Juni 2011 bereits 2,47 Millionen, das entspricht 8,7 Prozent der Erwerbstätigen. Frauen sind dabei häufiger Multijobber als Männer.

Doch nicht nur die Zahlen, auch die Motive der Multijobber sind weitgehend unbekannt. Studien dazu gibt es nur wenige. Eine davon haben Frank Wießner und seine Kollegin Franziska Hirschenauer erstellt. Sie fanden heraus, dass von den rund 1,4 Millionen Mehrfachbeschäftigten, die es 2004 gab, 82 Prozent einen sozialversicherungspflichtigen Hauptjob und einen Minijob hatten. Elf Prozent kombinierten mehrere Minijobs miteinander und sieben Prozent hatten mehrere sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen. Besonders die letzten beiden Varianten seien eher in strukturschwachen Regionen verbreitet und "aus der Not geboren", schreiben sie. Dennoch sei unklar, ob die Mehrfachbeschäftigten mehrheitlich "freiwillig nach flexiblen Erwerbsformen suchen, oder ob sie schlicht der Not gehorchen".

Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält die Zahlen der BA für viel zu hoch. Multijobber seien seltener unter Niedrigqualifizierten, sondern eher unter Mittel- und Hochqualifizierten zu finden. "Mehrfachbeschäftigungen sind also eher eine Sache der Mittelschicht", schreibt er in einer Studie von 2009. Die klassischen Berufe, in denen Menschen einen Zweit- oder gar Drittjob annehmen würden, sind seiner Ansicht nach beispielsweise Landwirte, Künstler, Ärzte, Hochschullehrer, Juristen, Publizisten oder Versicherungsvertreter. Diese arbeiteten nicht als Zeitungsboten oder putzten Wohnungen, schreibt Brenke.

Das seien klassische Nebenjobs mittelqualifizierter Fachkräfte. Hochqualifizierte seien dagegen häufig nebenbei selbstständig, zum Beispiel als Publizisten, Rechnungsprüfer, Lehrer oder Berater. Doch der Arbeitsmarktexperte räumt ein, dass es kaum Informationen zum Einkommen gebe. "Besonders in Berlin sind die Einkommen mittelqualifizierter Menschen recht niedrig", sagt er. Dennoch geht Brenke nicht davon aus, dass die meisten Multijobber aus Notwendigkeit sind. "Viele wollen einfach nur ein Zubrot verdienen."