Arbeitsmarkt Das Leben als Multijobber
Ob Lehrer, Landwirte oder Krankenpfleger – 8,7 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind Multijobber. Anna-Sophie Sieben hat sich mit ein paar von ihnen getroffen.
Sie arbeiten im Blumenladen und als Sekretärin, als Handyverkäufer und Kellner, tragen nebenbei Zeitungen aus oder arbeiten in den Winterferien als Skilehrer – die Multijobber. Hamdi Mazkarichou ist einer von ihnen, er hat zwei Jobs. Seit drei Jahren arbeitet der 27-Jährige 20 Stunden in der Woche bei einem Mobilfunkanbieter in Berlin. Abends und nachts tauscht er den Anzug gegen ein weißes Hemd und Schürze und arbeitet als Keller und Barkeeper für Cateringfirmen auf Firmenfeiern, Seminaren und Preisverleihungen. Auf 50 Stunden die Woche kommt er meistens, oft arbeitet er an sechs Tagen in der Woche. Hamdi Mazkarichou mag die Abwechslung, die seine verschiedenen Jobs ihm bieten. Aber trotzdem sei es auch eine finanzielle Notwendigkeit: "Von dem Aushilfsjob im Handyladen alleine könnte ich schon leben", sagt er. "Aber ich müsste auf viel verzichten." Dauerhaft hofft er dennoch auf eine Festanstellung, vielleicht sogar auf eine Vollzeitstelle. Nämlich spätestens dann, wenn er eine Familie hat.
Sebastian S. hat gleich drei Jobs. Er möchte nicht, dass sein richtiger Name genannt wird, zu groß ist die Befürchtung, dass seine Kunden ihr Vertrauen in ihn verlieren. S. ist 43 Jahre alt und hat einige Berufe gelernt: Er ist Schlosser, Krankenpfleger, Erzieher und er hat Betriebswirtschaftslehre studiert. Seit elf Jahren ist er Finanz- und Versicherungsmakler; vor sieben Jahren begann er, zusätzlich als Krankenpfleger in der Psychiatrie zu arbeiten. 25 Stunden die Woche und immer an zwei Wochenenden im Monat. Seit kurzem baut er sich als gesetzlicher Betreuer alter und psychisch kranker Menschen ein weiteres Standbein auf. 50 bis 70 Stunden in der Woche arbeite er, sagt S. Wie ein ganz normaler Tag in seinem Leben aussieht? "Typisch ist das Chaos", sagt er und lächelt ein wenig. "Bei mir ist nur wenig planbar."
Wie viele Multijobber wie Hamdi Mazkarichou und Sebastian S. es in Deutschland gibt, liegt weitgehend im Dunkeln. Die offiziellen Zahlen schwanken zwischen rund anderthalb Millionen insgesamt – das sind die Angaben des Mikrozensus der Europäischen Statistikbehörde Eurostat – und zweieinhalb Millionen, die die Bundesagentur für Arbeit (BA) angibt. Glaubt man der BA, liegen die Zahlen tatsächlich noch viel höher, denn erfasst werden nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die gleichzeitig eine geringfügige Beschäftigung ausüben. Fest steht allerdings: Seit der Einführung der 400-Euro-Jobs im Jahr 2003 ist die Anzahl der Multijobber rapide gewachsen. Nach Angaben der BA sogar um mehr als das Doppelte: Gab es im Juni 2003 noch 1,16 Millionen Mehrfachbeschäftigte, waren es im Juni 2011 bereits 2,47 Millionen, das entspricht 8,7 Prozent der Erwerbstätigen. Frauen sind dabei häufiger Multijobber als Männer.
Doch nicht nur die Zahlen, auch die Motive der Multijobber sind weitgehend unbekannt. Studien dazu gibt es nur wenige. Eine davon haben Frank Wießner und seine Kollegin Franziska Hirschenauer erstellt. Sie fanden heraus, dass von den rund 1,4 Millionen Mehrfachbeschäftigten, die es 2004 gab, 82 Prozent einen sozialversicherungspflichtigen Hauptjob und einen Minijob hatten. Elf Prozent kombinierten mehrere Minijobs miteinander und sieben Prozent hatten mehrere sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen. Besonders die letzten beiden Varianten seien eher in strukturschwachen Regionen verbreitet und "aus der Not geboren", schreiben sie. Dennoch sei unklar, ob die Mehrfachbeschäftigten mehrheitlich "freiwillig nach flexiblen Erwerbsformen suchen, oder ob sie schlicht der Not gehorchen".
Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält die Zahlen der BA für viel zu hoch. Multijobber seien seltener unter Niedrigqualifizierten, sondern eher unter Mittel- und Hochqualifizierten zu finden. "Mehrfachbeschäftigungen sind also eher eine Sache der Mittelschicht", schreibt er in einer Studie von 2009. Die klassischen Berufe, in denen Menschen einen Zweit- oder gar Drittjob annehmen würden, sind seiner Ansicht nach beispielsweise Landwirte, Künstler, Ärzte, Hochschullehrer, Juristen, Publizisten oder Versicherungsvertreter. Diese arbeiteten nicht als Zeitungsboten oder putzten Wohnungen, schreibt Brenke.
Das seien klassische Nebenjobs mittelqualifizierter Fachkräfte. Hochqualifizierte seien dagegen häufig nebenbei selbstständig, zum Beispiel als Publizisten, Rechnungsprüfer, Lehrer oder Berater. Doch der Arbeitsmarktexperte räumt ein, dass es kaum Informationen zum Einkommen gebe. "Besonders in Berlin sind die Einkommen mittelqualifizierter Menschen recht niedrig", sagt er. Dennoch geht Brenke nicht davon aus, dass die meisten Multijobber aus Notwendigkeit sind. "Viele wollen einfach nur ein Zubrot verdienen."
- Datum 09.01.2012 - 13:04 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle Tagesspiegel
- Kommentare 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Auch ich bin gelegentlich Multijobber. Nicht, weil das Geld hinten und vorne nicht reicht, sondern weil manchmal die Wünsche größer als das Einkommen sind. Eine Freundin von mir jobbt auch nebenbei. Bei ihr sind es diverse Konsumkredite, die abbezahlt werden wollen und nicht ein zu geringes Einkommen. Die Wünsche sind halt einfach größer als das Einkommen.
Zugegeben, der Großteil wird wohl er müssen, als wollen. Aber bevor hier jetzt wieder das Bild vom geknechteten Multijobber bemüht wird, sollte man etwas genauer hinsehen, warum. Manchmal will man sich einfach etwas gönnen (eine Fernreise), die man eben nicht mal eben so aus der Portokasse bedienen kann.
was bei der Inflation nicht so einfach ist!
was bei der Inflation nicht so einfach ist!
Soviel zum Thema Fachkräftemangel in Deutschland.
Die Unternehmen zahlen keine Fachkräftegehälter und
die Fachkräfte werden zu Multijobbern.
Frau Merkel hat ihre Fachkräfte weggemobbt und die Praktikanten machen jetzt deren Job.
Das Resultat sieht man jeden Tag.
was bei der Inflation nicht so einfach ist!
verdienen eben nur mit mehreren Jobs genug Geld,armes Deutschland!
"Die Multijobber" - schonmal falsch. Verallgemeinerung.
"nur mit mehreren Jobs genug Geld" - nochmal falsch. Manche machen das auch aus anderen Gründen.
"armes Deutschland" - schon wieder falsch. Nirgendwo sonst habe ich soviele Möglichkeiten, noch nicht einmal in den USA. Ich habe mir das gut überlegt und mich reichlich umgeschaut. Also nix mit "armes Deutschland".
Natürlich gibt es genügend Leute, die sich kaum noch zu helfen wissen. Natürlich gibt es eine Menge Leute, die in großer Not sind.
Deshalb aber vom "armen Deutschland" zu schwadronieren finde ich - gelinde gesagt - ziemlich platt.
"Die Multijobber" - schonmal falsch. Verallgemeinerung.
"nur mit mehreren Jobs genug Geld" - nochmal falsch. Manche machen das auch aus anderen Gründen.
"armes Deutschland" - schon wieder falsch. Nirgendwo sonst habe ich soviele Möglichkeiten, noch nicht einmal in den USA. Ich habe mir das gut überlegt und mich reichlich umgeschaut. Also nix mit "armes Deutschland".
Natürlich gibt es genügend Leute, die sich kaum noch zu helfen wissen. Natürlich gibt es eine Menge Leute, die in großer Not sind.
Deshalb aber vom "armen Deutschland" zu schwadronieren finde ich - gelinde gesagt - ziemlich platt.
Ich bereite mich bereits seit fast einem halben Jahr darauf vor, meinen Vollzeitjob zu reduzieren um mir ein zweites (drittes, viertes?) Standbein aufzubauen.
Das allerdings nicht, weil das Geld nicht reicht - ganz im Gegenteil. Ich rechne während einer Anfangs- oder Übergangsphase sogar mit finanziellen Einbußen.
Mein Grund liegt vor Allem darin, dass ich einfach was Anderes machen möchte. Mehr freie Zeiteinteilung, mehr flexibilität, mehr Freiheit, mehr Spaß an der Tätigkeit. Mittlerweile bin ich auch soweit abgesichert, dass ich einen allmählichen Übergang zu völlig neuen Tätigkeiten auch ohne finanzielle Engpässe realisieren kann.
Ein weiterer Aspekt ist die hohe Abhängigkeit von einem einzelnen Arbeitgeber - das macht schnell erpressbar. Mit mehreren Arbeitgebern schmerzt es weit weniger, wenn's mit Einem mal nicht klappt.
Für den Anfang kann ich mir durchaus vorstellen, mich selber zum Leiharbeiter zu machen und meine Arbeitskraft kurzfristig zu vermieten. Ich denke, sowas nennt man dann Freiberufler... und da verschwimmen dann auch langsam die Grenzen zum Multijobber.
"Die Multijobber" - schonmal falsch. Verallgemeinerung.
"nur mit mehreren Jobs genug Geld" - nochmal falsch. Manche machen das auch aus anderen Gründen.
"armes Deutschland" - schon wieder falsch. Nirgendwo sonst habe ich soviele Möglichkeiten, noch nicht einmal in den USA. Ich habe mir das gut überlegt und mich reichlich umgeschaut. Also nix mit "armes Deutschland".
Natürlich gibt es genügend Leute, die sich kaum noch zu helfen wissen. Natürlich gibt es eine Menge Leute, die in großer Not sind.
Deshalb aber vom "armen Deutschland" zu schwadronieren finde ich - gelinde gesagt - ziemlich platt.
...ein Leben für die Sklaverei. Und warum? Weil diese Demokratie ganz viele Krawattenmenschen aushalten muss.
Ein Grundeinkommen wäre möglich - dann vielleicht aber nur alle zwei Jahre ein Apple iPhone4S mit Siri©.
Das Problam ist, dass die Dmeokratie imperialistisch-faschistisch ist. Warum duldet die Demokratie eigentlich kein Kuba, kein Venezuela oder Libyen? Warum muss die gesamte Welt dämonkratisiert werden? Ich will die DDR zurück...
Entfernt. Bitte diskutieren Sie hier das konkrete Artikelthema und verzichten Sie auf Provokationen. Danke, die Redaktion/mk
Entfernt. Bitte diskutieren Sie hier das konkrete Artikelthema und verzichten Sie auf Provokationen. Danke, die Redaktion/mk
Entfernt. Bitte diskutieren Sie hier das konkrete Artikelthema und verzichten Sie auf Provokationen. Danke, die Redaktion/mk
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren