Arbeitsmarkt Das Leben als Multijobber
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Meist nicht freiwillig

Einfach nur ein Zubrot verdienen will sich Gerhard M. nicht. Der 53-Jährige hat fünf Jobs, allerdings nichts Regelmäßiges. M. bekommt keine Arbeitslosenunterstützung, weil seine Frau, eine Beamtin mit einer Teilzeitstelle, zu viel verdient. Eine Festanstellung in der Kleinstadt bei Hannover, in der die Familie lebt, fände er nicht, sagt M. "Und da habe ich angefangen, alles mögliche zu machen." Nachhilfelehrer, Bauhelfer, Sportplatzaufsicht, Hausmeister, Eismeister, Callcenter-Agent – die Liste der Jobs, die er gemacht hat, seit der Fachmann für Strahlenschutz vor sieben Jahren seine Stelle verlor, ist lang.

Aktuell arbeitet er als Tankwart, fünf Euro die Stunde bringe das. Für neun Euro Stundenlohn leitet M. auch eine AG in der örtlichen Schule. Zusätzlich nehme er viermal im Jahr als Proband an psychologischen Studien teil. Und nebenbei versuche er, mit seinem Hobby ein wenig Geld zu verdienen und arbeitet als freier Fotograf und Werbetexter. "Es ist ein Kampf ums Überleben", sagt M. resigniert. "Ich nehme, was ich kriegen kann." Schon lange frage er nicht mehr nach der Legalität, weshalb auch er seinen Namen nicht nennen will.

Für Klaus Dörre, Professor für Arbeitssoziologie an der Universität Jena, ist M. ein typischer Fall. In der Tat gingen viele Menschen in hohen Funktionen Nebentätigkeiten nach – auch er selber gehöre dazu, denn zusätzlich zu seiner Professur halte er auch Vorträge außerhalb der Uni. Doch besonders die Entwicklungen bei Gering- und Mittelqualifizierten wie Facharbeitern hält Dörre für bedenklich. Seit Jahren schon gebe es kaum noch Lohnzuwächse, sagt der Professor. Zudem übe der Niedriglohnsektor großen Druck auf die Stammbelegschaften von Firmen aus, die durch die günstige Konkurrenz eher bereit wären, Lohnsenkungen in Kauf zu nehmen. Besonders die Angst vor dem Statusverlust sei bei vielen groß. "Viele fürchten sich vor Altersarmut oder versuchen ihren Lebensstandard zu halten. Das sind stabile Motive", sagt der Soziologe. "Das darf man nicht bagatellisieren."

Auch bei dem gebürtigen Brandenburger Sebastian S. ist die Kombination von drei Jobs nicht freiwillig entstanden. Als er sich als Versicherungsmakler selbstständig machte, lief das Geschäft nicht so an, wie erhofft. Eine zusätzliche Beschäftigung wurde notwendig und er fand eine Teilzeitstelle in einer psychiatrischen Klinik. Eine Vollzeitstelle in der Psychiatrie konnte er sich aber nie vorstellen. "Dann wird man irgendwann selbst verrückt." Das Versicherungsgeschäft sei dazu ein guter Ausgleich. Sein drittes Standbein, die Betreuung und Vormundschaft von Alten und Kranken, soll es S. ermöglichen, sich aus der Pflege zurückzuziehen. Denn drei Jobs, sagt S., seien auf Dauer zu viel.

Nur noch einen Beruf auszuüben kann er sich jedoch kaum vorstellen. "Eigentlich macht es Spaß. Nicht der Zeitaufwand, aber das Intellektuelle. Ich habe mich an dieses Pensum gewöhnt und gelernt, viele Sachen miteinander zu verbinden." Langeweile, sagt er, gebe es in seinem Leben schon lange nicht mehr. Eine Familie hat Sebastian S. nicht. Aber seine Freundin lebe ein ähnliches Lebensmodell. "Das ist ein Riesenglück für mich", sagt er.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Nun ja

    Auch ich bin gelegentlich Multijobber. Nicht, weil das Geld hinten und vorne nicht reicht, sondern weil manchmal die Wünsche größer als das Einkommen sind. Eine Freundin von mir jobbt auch nebenbei. Bei ihr sind es diverse Konsumkredite, die abbezahlt werden wollen und nicht ein zu geringes Einkommen. Die Wünsche sind halt einfach größer als das Einkommen.

    Zugegeben, der Großteil wird wohl er müssen, als wollen. Aber bevor hier jetzt wieder das Bild vom geknechteten Multijobber bemüht wird, sollte man etwas genauer hinsehen, warum. Manchmal will man sich einfach etwas gönnen (eine Fernreise), die man eben nicht mal eben so aus der Portokasse bedienen kann.

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    was bei der Inflation nicht so einfach ist!

    was bei der Inflation nicht so einfach ist!

    • Joylie
    • 09.01.2012 um 18:19 Uhr

    Soviel zum Thema Fachkräftemangel in Deutschland.
    Die Unternehmen zahlen keine Fachkräftegehälter und
    die Fachkräfte werden zu Multijobbern.
    Frau Merkel hat ihre Fachkräfte weggemobbt und die Praktikanten machen jetzt deren Job.
    Das Resultat sieht man jeden Tag.

  2. was bei der Inflation nicht so einfach ist!

    Antwort auf "Nun ja"
  3. verdienen eben nur mit mehreren Jobs genug Geld,armes Deutschland!

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    "Die Multijobber" - schonmal falsch. Verallgemeinerung.
    "nur mit mehreren Jobs genug Geld" - nochmal falsch. Manche machen das auch aus anderen Gründen.
    "armes Deutschland" - schon wieder falsch. Nirgendwo sonst habe ich soviele Möglichkeiten, noch nicht einmal in den USA. Ich habe mir das gut überlegt und mich reichlich umgeschaut. Also nix mit "armes Deutschland".

    Natürlich gibt es genügend Leute, die sich kaum noch zu helfen wissen. Natürlich gibt es eine Menge Leute, die in großer Not sind.

    Deshalb aber vom "armen Deutschland" zu schwadronieren finde ich - gelinde gesagt - ziemlich platt.

    "Die Multijobber" - schonmal falsch. Verallgemeinerung.
    "nur mit mehreren Jobs genug Geld" - nochmal falsch. Manche machen das auch aus anderen Gründen.
    "armes Deutschland" - schon wieder falsch. Nirgendwo sonst habe ich soviele Möglichkeiten, noch nicht einmal in den USA. Ich habe mir das gut überlegt und mich reichlich umgeschaut. Also nix mit "armes Deutschland".

    Natürlich gibt es genügend Leute, die sich kaum noch zu helfen wissen. Natürlich gibt es eine Menge Leute, die in großer Not sind.

    Deshalb aber vom "armen Deutschland" zu schwadronieren finde ich - gelinde gesagt - ziemlich platt.

  4. Ich bereite mich bereits seit fast einem halben Jahr darauf vor, meinen Vollzeitjob zu reduzieren um mir ein zweites (drittes, viertes?) Standbein aufzubauen.
    Das allerdings nicht, weil das Geld nicht reicht - ganz im Gegenteil. Ich rechne während einer Anfangs- oder Übergangsphase sogar mit finanziellen Einbußen.

    Mein Grund liegt vor Allem darin, dass ich einfach was Anderes machen möchte. Mehr freie Zeiteinteilung, mehr flexibilität, mehr Freiheit, mehr Spaß an der Tätigkeit. Mittlerweile bin ich auch soweit abgesichert, dass ich einen allmählichen Übergang zu völlig neuen Tätigkeiten auch ohne finanzielle Engpässe realisieren kann.

    Ein weiterer Aspekt ist die hohe Abhängigkeit von einem einzelnen Arbeitgeber - das macht schnell erpressbar. Mit mehreren Arbeitgebern schmerzt es weit weniger, wenn's mit Einem mal nicht klappt.

    Für den Anfang kann ich mir durchaus vorstellen, mich selber zum Leiharbeiter zu machen und meine Arbeitskraft kurzfristig zu vermieten. Ich denke, sowas nennt man dann Freiberufler... und da verschwimmen dann auch langsam die Grenzen zum Multijobber.

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  5. "Die Multijobber" - schonmal falsch. Verallgemeinerung.
    "nur mit mehreren Jobs genug Geld" - nochmal falsch. Manche machen das auch aus anderen Gründen.
    "armes Deutschland" - schon wieder falsch. Nirgendwo sonst habe ich soviele Möglichkeiten, noch nicht einmal in den USA. Ich habe mir das gut überlegt und mich reichlich umgeschaut. Also nix mit "armes Deutschland".

    Natürlich gibt es genügend Leute, die sich kaum noch zu helfen wissen. Natürlich gibt es eine Menge Leute, die in großer Not sind.

    Deshalb aber vom "armen Deutschland" zu schwadronieren finde ich - gelinde gesagt - ziemlich platt.

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    Antwort auf "Die Multijobber"
  6. ...ein Leben für die Sklaverei. Und warum? Weil diese Demokratie ganz viele Krawattenmenschen aushalten muss.

    Ein Grundeinkommen wäre möglich - dann vielleicht aber nur alle zwei Jahre ein Apple iPhone4S mit Siri©.

    Das Problam ist, dass die Dmeokratie imperialistisch-faschistisch ist. Warum duldet die Demokratie eigentlich kein Kuba, kein Venezuela oder Libyen? Warum muss die gesamte Welt dämonkratisiert werden? Ich will die DDR zurück...

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    Entfernt. Bitte diskutieren Sie hier das konkrete Artikelthema und verzichten Sie auf Provokationen. Danke, die Redaktion/mk

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  7. 8. [...]

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    Antwort auf "Schöne Demokratie..."

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