Ungarn ist von einer Zahlungsunfähigkeit nicht mehr weit entfernt. Nach den Rating-Agenturen Standard & Poor's und Moody's stufte auch Fitch die Kreditwürdigkeit Ungarns Ende vergangener Woche auf einen Punkt unter dem sogenannten Ramschniveau herunter. Damit dürfte es für die Regierung des EU-Staates immer schwieriger werden, neue Geldmittel aufzutreiben. Doch diese sind allein schon zur Begleichung der alten Schuldenberge dringend nötig.

Gleichzeitig erreichte die Landeswährung Forint zum Euro und Schweizer Franken ein neues Rekordtief. Allein seit Sommer hat der lange als stabil geltende Forint rund 20 Prozent nachgegeben. Vor den Wechselstuben bildeten sich im ganzen Land lange Schlangen. Beunruhigte Bürger wollten zumindest einen Teil ihrer Ersparnisse in sicheren Devisen anlegen. Der rechtspopulistische Regierungschefs Viktor Orbán hatte schnell eine Erklärung für die Herabstufung der ungarischen Kreditwürdigkeit durch die Rating-Agenturen zur Hand: Er witterte eine Weltverschwörung. Schon früher sei Ungarn das Ziel von spekulativen Finanzangriffen gewesen, erklärte Orbán. Der Regierungschef wies flugs seinen Geheimdienst an, die Schuldigen zu suchen.

Ungarn hatte schon 2008/2009 neben Lettland am stärksten unter der Finanz- und Wirtschaftskrise gelitten. Allein 2009 brach die Wirtschaft um sieben Prozent ein. Eine so tiefe Rezession konnte man sich in dem einstigen Hoffnungsträger Osteuropas lange nicht vorstellen. 2010 und 2011 erarbeitete sich die vor allem exportgetriebene Volkswirtschaft wieder ein bescheidenes Wachstum. Doch trotz des populistischen Getöses Orbáns wuchs die Wirtschaft im vergangenen Jahr nur um etwas mehr als ein Prozent.

Für Orbán sieht dagegen alles immer ganz rosig aus: 2011 sollte das Haushaltsdefizit erstmals auf unter drei Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinken. Die Gesamtstaatsverschuldung soll bis zum Ende von Orbáns erster Amtszeit in drei Jahren von 80 auf 60 Prozent reduziert werden. Alles nur heiße Luft, wie die neuesten Zahlen Ungarns belegen. Das Haushaltsdefizit liegt bei 3,8 Prozent, die Gesamtverschuldung hat sich nicht reduziert, sondern alleine im dritten Quartal 2011 von 75 auf 82 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erhöht.

Die Anfang des Jahres in Kraft getretenen Steuererleichterungen – allen voran die Einführung einer Flat-Tax (Einheitssteuersatz) von 16 Prozent statt bisher 17 und 32 Prozent – haben zwar vor allem die besser verdienende Haushalte entlastet, Sondersteuern für Firmen jedoch verunsicherten die Investoren. Die ausländischen Direktinvestition (FDI) sanken deswegen unter das Niveau von 2008 ab und liegen weit unter dem vergleichbarer EU-Nachbarn wie der Slowakei, Tschechien oder Polen.