Louisville im Bundesstaat Kentucky, 740 000 Einwohner. Kräne hieven Stahl, Arbeiter gießen Beton. Mit aufkrempelten Hemdsärmeln und rotem Helm steht John Reinhart vor seiner Baustelle. Mitten im Stadtzentrum entsteht hier ein riesiges Entwicklungs-, Verkaufs- und Beratungszentrum rings um das Altern und die Pflege alter Menschen. Reinhart hat sich das mit ausgedacht. Innovationen für Senioren sollen von Louisville aus ins Land und in die ganze Welt getragen werden.

Der 46-jährige Unternehmer wittert einen Milliardenmarkt. "Bisher geht es in der Altenversorgung nur um die Erfüllung von Mindeststandards wie Essen, Trinken und medizinische Betreuung", sagt er. "Doch die Babyboomer, die jetzt millionenfach in den Ruhestand gehen, sind daran gewöhnt, Annehmlichkeiten und Wahlmöglichkeiten zu haben". Aus Louisville, sagt Reinhart, könnten sie diese bald bekommen, von sturzfreundlich-weichem Fußbodenbelag über Designer-Gehstöcke bis hin zu einem Bewegungstrainer mit Harley-Davidson-Fahrgefühl.

Ein einsamer Spinner ist Reinhart nicht. Stadtverwaltung und Universität haben ebenfalls den kühnen Plan gefasst, Louisville in den kommenden Jahren zu dem Weltzentrum für Produkte rund ums Altern zu machen. Mit der Idee liegt die Provinzmetropole, die lange nur mit Bourbon und dem Kentucky Derby punkten konnten, zur Abwechslung mal so richtig im Trend. Neue Innovationszentren fernab vom Silicon Valley , von Chicago oder von New York gelten als große Hoffnung Amerikas . Früher überwanden die USA schwere Krisen, weil kreative und unternehmerische Köpfe – nicht selten Einwanderer - überraschend ein paar völlig neue Produkte oder Geschäftsmodelle erfanden und damit die Wirtschaft des ganzen Landes nach vorn katapultierten. Doch seit dem Technologieboom, der in den späten neunziger Jahren an der Westküste begann, ist wenig Neues nachgekommen.

Besonders misslich ist das für die amerikanische Mittelschicht. Sie war lange das Fundament für Wachstum und Wohlstand, aber mit dem Abschied der Massenfertigung nach Asien sind ihre Chancen geschwunden, den amerikanischen Traum zu leben. In den siebziger und achtziger Jahren, als die traditionelle Industrie noch blühte, finanzierte schon ein einfacher Fabrikjob ein eigenes Haus, eine gute Ausbildung für die Kinder und eine sichere Existenz im Alter. Aber so funktioniert das nicht mehr. Zuletzt hatten sich viele Amerikaner sogar überschuldet, um ihren Status zu halten, aber seit der Schulden- und Finanzkrise ist auch dieser Weg versperrt.

Woher also soll das nächste Neue kommen? Viele Blicke richten sich nun ausgerechnet auf Kentucky, Nebraska, Iowa oder Ohio; Bundesstaaten. Und tatsächlich gibt es Anzeichen dafür, dass in den Provinznestern ein paar Neuerungen fernab von iPhones oder Facebook entstehen. Und vor allem entstehen dort Smart Jobs : Arbeitsplätze, die es vielleicht zwar auch schon früher gab, die aber durch technische Revolutionen jetzt versprechen, viel produktiver und zukunftsträchtiger zu werden.

In Louisville läßt sich das Comeback vor Ort schon beobachten. Die Stadt sieht auf den ersten Blick aus wie Dutzende andere Mittelstädte in den USA. Downtown, das historische Zentrum, wird überragt durch Büro- und Hoteltürme in Beton und Glas, deren besonderes Merkmal zu sein scheint, kein besonderes Merkmal zu haben. Einst gehörte Louisville zu den wohlhabendsten Metropolen der USA. Doch in den 70ern begann der schleichende Niedergang. Wer ehrgeizig war, ging nach New York, nach Boston oder nach Kalifornien . Louisville schien auf dem besten Weg, in die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit zu versinken. Als General Electric, einer der Hauptarbeitgeber, schließlich drohte, die Werke im Appliance Park dicht zu machen, beschlossen die alarmierten Stadtväter aktiv zu werden. "Früher ging es bei der Wirtschaftsförderung darum, möglichst große Unternehmen mit möglichst vielen Jobs anzuziehen, heute schauen wir danach, wo unsere Stärken liegen und wer zu uns paßt", sagt Daryl Snyder, der für die Entwicklungsbehörde der Stadt und den umliegenden Bezirk arbeitet.

Einer der Eckpunkte war die Wiederbelebung des historischen Kerns. Wie in vielen anderen US-Städten war das einstige Zentrum zur Problemzone geworden, verlassen von Geschäften, geplagt von Kriminalität und gemieden von Besuchern wie Einheimischen. Heute erleben die alten Backstein-Häuserzeilen eine neue Gründerzeit. Mit der Hilfe einer privaten Stiftung entstehen Tausende Hektar neuer Parks, die einen grünen Gürtel rund um den Stadtkern schaffen sollen. In den Highlands, einem Viertel aus Kolonialzeiten, haben sich Desigerläden, In-Lokale und Gallerien angesiedelt. Ganz in der Nähe wohnt Sudeep Basu. Der Mittdreissiger stammt usprünglich aus Indien . Er kam als Student nach Louisville. Nach seinem Abschluß ging er zunächst nach Kalifornien, angezogen von Silicon Valley. Doch jetzt ist Basu wieder da. "Louisville ist in Bewegung, in Kalifornien hat man das Gefühl, es stagniert." Nachhaltiger und günstiger sei das Leben hier, meint er.

Die Erfolgchancen für die kommunalen Reformer stünden nicht schlecht, glaubt Florida. Die städtischen Planer hätten nämlich etwas Wichtiges begriffen: Mit Steueranreizen und Förderkrediten, also den klassischen Instrumenten der Industrieansiedlungspolitik, sei es im Fall großer technischer Revolutionen nicht getan. Nur wer Lebensgefühl böte, könne bei der Facebook-Generation punkten. Inzwischen gewinnt Louisville wieder an Einwohnern. In den Arbeitsmarktstatistiken landet die Stadt unter den ersten zehn Metropolen mit den größten Stellenzuwächsen. Von der Immobilienkrise, die das Land fast überall sonst plagt, ist hier nichts zu merken. Kürzlich hat GE hat seine Entscheidung, Appliance Park zu verkaufen, rückgängig gemacht. Stattdessen hat der Konzern die Anlage renoviert und ein neues Forschungszentrum eingerichtet. Ford hat vor einigen Monaten angekündigt, über eine Milliarde am Standort Louisville zu investieren, um das modernstes Werk des Autoherstellers entstehen zu lassen.