Niemand glaubt noch an Wirtschaftswachstum als Allheilmittel für unsere Probleme. Wachstum verbraucht endliche Ressourcen. Es schadet dem Klima und verschandelt die Umwelt. Der Dreck, der durch die Produktion von immer mehr Dingen anfällt, macht krank. Der Stress , der durch den Wunsch erzeugt wird, im kapitalistischen Hamsterrad mitzuhalten, ebenfalls.

Wachstum ist kein Selbstzweck. In den wohlhabenden Industriestaaten sind die Grundbedürfnisse vieler Menschen gestillt. Ja, es gibt auch in den reichen Ländern Armut, und die sozialen Unterschiede wachsen . Doch durch Wachstum alleine ist den Bedürftigen nicht geholfen – in manchen Fällen ist es sogar umgekehrt: Die Menschen sind arm, weil sie in schlecht bezahlten Jobs stecken; die geringen Lohnkosten machen ihre Arbeitgeber stark im weltweiten Kampf um Marktanteile. So entsteht Wachstum durch niedrige Löhne. Der gesamtwirtschaftliche Nutzen ist begrenzt.

Deshalb ist es gut, dass durch die Krise wieder stärker über die Grenzen des Wachstums diskutiert wird. Welchem Zweck soll die Wirtschaft dienen? Wie lässt sich unser Wohlstand erhalten, ohne der Umwelt noch mehr zu schaden? Wie bändigt man die Finanzmärkte, die der Wachstumsideologie noch stärker huldigen als jeder andere Bereich der Wirtschaft? Kurz: Wie können wir uns lösen vom ewigen Wachstumszwang ?

Das sind wichtige Fragen. Überzeugende Antworten gibt es leider bislang kaum.

Wie stark das Wohlergehen der Menschen weltweit immer noch vom Wachstum abhängt, zeigen die aktuellen Daten der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) : 27 Millionen Jobs gingen in den vergangenen Jahren durch die Krise verloren. Ungleichheit und Armut sind durch die Krise gewachsen. Und trotz Arbeit leben weltweit immer noch mehr als 900 Millionen Menschen in Armut. Ihre Zahl sinkt langsamer als erhofft, auch wegen der Krise. Der ILO zufolge werden bald weitere Millionen ohne Job sein – es sei denn, die Weltwirtschaft wächst in diesem Jahr mindestens um zwei Prozent, besser noch mehr. Wichtigste Aufgabe der Politik sei es deshalb, das Wachstum anzukurbeln , statt allzu streng zu sparen.

Kurzfristig mag das stimmen. Auf lange Sicht aber lässt sich die zerstörerische Wirkung einer solchen Strategie schnell ausrechnen, so wie es der Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Rogoff gerade getan hat. "Wenn wir die nächsten zwei Jahrhunderte das Pro-Kopf-Einkommen um ein Prozent im Jahr steigern würden, dann wären wir am Ende acht Mal so wohlhabend wie heute", warnt er. "Wie wollen wir das hinbekommen, ohne die Umwelt oder die soziale Stabilität zu zerstören?"

Die Wachstumsskepsis ist bei den Star-Ökonomen angekommen. Aber die Debatte hat gerade erst angefangen. Es wird uns noch schwerfallen, das Hamsterrad zu verlassen.