Sie hätte wohl mehr Geld, wenn die staatliche Bürokratie effizienter arbeiten und nicht manche Griechen die Schwächen der Verwaltung schamlos ausnutzen würden: über 60.000  sogenannte Phantom-Rentner gab es bis vor Kurzem in Griechenland. Die meisten waren längst tot, die Hinterbliebenen kassierten trotzdem weiter.

Andere bezogen unter verschiedenen Namen mehrere Renten. Inzwischen seien die dubiosen Zahlungen eingestellt, heißt es im Athener Sozialministerium. Aber diese Betrügereien haben allein die größte staatliche Versicherungskasse IKA im vergangenen Jahrzehnt rund acht Milliarden Euro gekostet.

Evanthia Zigouli kennt die Vorwürfe. "Alle schlagen jetzt auf uns ein, auf die Betrüger und die Pleite-Griechen – das ist leicht, wenn man schon am Boden liegt", sagt Zigouli verbittert. Bisher hat ihr Sohn sie finanziell unterstützt. "Aber seit vier Wochen ist er arbeitslos, der weiß jetzt nicht einmal, wie er seine Frau und seine beiden Kinder durchbringen soll", sagt Zigouli.

Fast jede griechische Familie ist von der Arbeitslosigkeit unmittelbar betroffen. Mehr als jeder fünfte Grieche ist bereits ohne Job, unter den Jugendlichen sogar jeder zweite. Im November stieg die Arbeitslosenzahl erstmals in der jüngeren Geschichte des Landes über eine Million: 1.029.587 Menschen waren ohne Arbeit. Nur etwa jeder Dritte von ihnen bekommt Arbeitslosengeld. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor, aber seither dürfte die Zahl der Arbeitslosen weiter gestiegen sein.

Per Gesetz alle Löhne und Gehälter eingefroren

Zu den Bedingungen, die an die neuen Hilfskredite geknüpft sind, gehört auch die Senkung des Mindestlohnes. Er wird jetzt von 751 auf 586 Euro zurückgenommen. Für bis zu 25-Jährige sinkt er sogar auf 511 Euro. Auch das Tarifvertragsrecht wurde in Griechenland jetzt auf Weisung der internationalen Gläubiger suspendiert.

Per Gesetz werden alle Löhne und Gehälter so lange auf dem gegenwärtigen Niveau eingefroren, bis die Arbeitslosenquote unter zehn Prozent sinkt. Experten sagen, das könne mehr als ein Jahrzehnt dauern. Von diesem verordneten Lohnverzicht verspricht sich die Troika, die Vertreter der EU-Kommission, des Internationalen Währungsfonds ( IWF ) und der Europäischen Zentralbank, die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Zunächst einmal aber hat diese Politik böse Folgen für die Arbeitslosen: Weil die Arbeitslosenhilfe an den Mindestlohn gekoppelt ist, sinkt sie von 461 auf 360 Euro. Sie wird maximal ein Jahr lang gezahlt. Danach ist Schluss. Eine Sozialhilfe oder Grundsicherung wie Hartz IV gibt es in Griechenland nicht. Nach und nach werden deshalb im Laufe dieses Jahres jene mehr als 250.000 Griechinnen und Griechen, die im vergangenen Jahr ihre Jobs verloren haben, aus der Arbeitslosenhilfe herausfallen.

Obdachlosigkeit war fast unbekanntes Phänomen

"Auf uns kommt eine Lawine des Elends zu", sagt Ada Alamanou. Sie arbeitet für die gemeinnützige Hilfsorganisation Klimaka, die Obdachlose betreut. Obdachlosigkeit war vor Beginn der Krise ein in Griechenland fast unbekanntes Phänomen. "Jetzt gibt es allein in Athen geschätzt 20.000 Menschen, die kein Dach mehr über dem Kopf haben", berichtet Alamanou. Die Obdachlosen verbringen die Nächte in Hauseingängen oder Grünanlagen, schützen sich mit Pappe oder Zeitungspapier vor der Kälte.

Nach Berechnungen der EU-Statistikbehörde Eurostat leben in Griechenland bereits knapp 28 Prozent der 18- bis 64-Jährigen an der oder unter der Armutsgrenze. Was das bedeutet, ist auf den Straßen Athens zu sehen. Immer häufiger begegnet man Menschen, die in Mülltonnen nach Verwertbarem wühlen oder abends, wenn die Supermärkte schließen, die Abfallbehälter vor den Geschäften nach weggeworfenen Nahrungsmitteln durchsuchen. Der Rundfunksender Skai ruft täglich zu Spenden auf, um Bedürftige mit warmer Kleidung und Decken zu versorgen.