Griechenland : Wenn der Rentner nicht weiterweiß
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28 Prozent der Griechen leben unter der Armutsgrenze

Sie hätte wohl mehr Geld, wenn die staatliche Bürokratie effizienter arbeiten und nicht manche Griechen die Schwächen der Verwaltung schamlos ausnutzen würden: über 60.000  sogenannte Phantom-Rentner gab es bis vor Kurzem in Griechenland. Die meisten waren längst tot, die Hinterbliebenen kassierten trotzdem weiter.

Andere bezogen unter verschiedenen Namen mehrere Renten. Inzwischen seien die dubiosen Zahlungen eingestellt, heißt es im Athener Sozialministerium. Aber diese Betrügereien haben allein die größte staatliche Versicherungskasse IKA im vergangenen Jahrzehnt rund acht Milliarden Euro gekostet.

Evanthia Zigouli kennt die Vorwürfe. "Alle schlagen jetzt auf uns ein, auf die Betrüger und die Pleite-Griechen – das ist leicht, wenn man schon am Boden liegt", sagt Zigouli verbittert. Bisher hat ihr Sohn sie finanziell unterstützt. "Aber seit vier Wochen ist er arbeitslos, der weiß jetzt nicht einmal, wie er seine Frau und seine beiden Kinder durchbringen soll", sagt Zigouli.

Fast jede griechische Familie ist von der Arbeitslosigkeit unmittelbar betroffen. Mehr als jeder fünfte Grieche ist bereits ohne Job, unter den Jugendlichen sogar jeder zweite. Im November stieg die Arbeitslosenzahl erstmals in der jüngeren Geschichte des Landes über eine Million: 1.029.587 Menschen waren ohne Arbeit. Nur etwa jeder Dritte von ihnen bekommt Arbeitslosengeld. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor, aber seither dürfte die Zahl der Arbeitslosen weiter gestiegen sein.

Per Gesetz alle Löhne und Gehälter eingefroren

Zu den Bedingungen, die an die neuen Hilfskredite geknüpft sind, gehört auch die Senkung des Mindestlohnes. Er wird jetzt von 751 auf 586 Euro zurückgenommen. Für bis zu 25-Jährige sinkt er sogar auf 511 Euro. Auch das Tarifvertragsrecht wurde in Griechenland jetzt auf Weisung der internationalen Gläubiger suspendiert.

Per Gesetz werden alle Löhne und Gehälter so lange auf dem gegenwärtigen Niveau eingefroren, bis die Arbeitslosenquote unter zehn Prozent sinkt. Experten sagen, das könne mehr als ein Jahrzehnt dauern. Von diesem verordneten Lohnverzicht verspricht sich die Troika, die Vertreter der EU-Kommission, des Internationalen Währungsfonds ( IWF ) und der Europäischen Zentralbank, die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Zunächst einmal aber hat diese Politik böse Folgen für die Arbeitslosen: Weil die Arbeitslosenhilfe an den Mindestlohn gekoppelt ist, sinkt sie von 461 auf 360 Euro. Sie wird maximal ein Jahr lang gezahlt. Danach ist Schluss. Eine Sozialhilfe oder Grundsicherung wie Hartz IV gibt es in Griechenland nicht. Nach und nach werden deshalb im Laufe dieses Jahres jene mehr als 250.000 Griechinnen und Griechen, die im vergangenen Jahr ihre Jobs verloren haben, aus der Arbeitslosenhilfe herausfallen.

Obdachlosigkeit war fast unbekanntes Phänomen

"Auf uns kommt eine Lawine des Elends zu", sagt Ada Alamanou. Sie arbeitet für die gemeinnützige Hilfsorganisation Klimaka, die Obdachlose betreut. Obdachlosigkeit war vor Beginn der Krise ein in Griechenland fast unbekanntes Phänomen. "Jetzt gibt es allein in Athen geschätzt 20.000 Menschen, die kein Dach mehr über dem Kopf haben", berichtet Alamanou. Die Obdachlosen verbringen die Nächte in Hauseingängen oder Grünanlagen, schützen sich mit Pappe oder Zeitungspapier vor der Kälte.

Nach Berechnungen der EU-Statistikbehörde Eurostat leben in Griechenland bereits knapp 28 Prozent der 18- bis 64-Jährigen an der oder unter der Armutsgrenze. Was das bedeutet, ist auf den Straßen Athens zu sehen. Immer häufiger begegnet man Menschen, die in Mülltonnen nach Verwertbarem wühlen oder abends, wenn die Supermärkte schließen, die Abfallbehälter vor den Geschäften nach weggeworfenen Nahrungsmitteln durchsuchen. Der Rundfunksender Skai ruft täglich zu Spenden auf, um Bedürftige mit warmer Kleidung und Decken zu versorgen.  

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Kommentare

171 Kommentare Seite 1 von 23 Kommentieren

so ists nun mal leider

deswegen ist es sehr weise eine breite Mittelschicht zu halten. Auch hier in Deutschland sieht man, wie die Mittelschicht zunehmend kleiner wird. Ich finde es eher beschämend, dass man in Griechenland so tolerant in der breiten Bevölkerung mit Korruption umgegangen ist, nach dem Motto "so sind wir halt, das ist unsere Mentalität". Die paar Millionäre und Milliardäre sind die Früchte von diesem Trend.

Tja, die Griechen hätten sich halt...

...anders verhalten sollen und Zahlen jetzt nur für ihre Fehler. So liest man hier doch oft. So sagten unsere Politiker. Auch haben die Griechen und betrogen!
Ich weiß nicht, ob das genügt zu begründen, dass wir sie in eine Depression stürzen. Natürlich sind sie so schuldig wie damals die Deutschen. Aber die folgen sind wichtig. Versailles funktionierte schlechter als Marshall. Und wir riskieren die Eu. Bei aller Gerechtigkeit. Wir riskieren sie.

Ps: man kann natürlich auch sagen, dass wir mit dem Maastrichter Vertrag die Eu riskierten. Denn auch das hat etwas wahres. Eigentlich wussten wir es aber damals schon, das er nicht funktionieren konnte. So war es eigentlich nicht "Risiko", das Zweifel impliziert.

Ich würde gerne einmal von Ihnen wissen,

was z.B. der erwähnte Rentner hätte anders machen sollen? Wir haben die Tatsache, das sich eine bestimmte Gruppe bereichert und betrogen hat. Wieso glauben Sie, das ein griechischer Arbeiter, Hausfrau, Rentner an diesen Betügereien etwas hätte ändern können, aber ein deutscher Hartz IV-Empfänger, Rentner, Billiglohnarbeiter, Leiharbeiter, hat keine Möglichkeit, z.B. an der zu erwartenden Ehrensold-Zahlung an Wulff etwas zu ändern. Gelten hier nicht gleiches Recht für alle? Müssen wir dann als Deutsche nicht mit gutem Beispiel vorangehen und sagen: Jetzt ist Schluss! Wir machen nicht mehr mit! Wir dulden so etwas nicht!
Da bin ich ja mal gespannt, wie erfolgreich wir sein werden?

Korruption

im alltäglichen Umgang kann man sehr wohl begegnen auch als Hartz4ler. Ist halt nur etwas unbequemer (ich sage das aus eigener Erfahrung, allerdings nicht in Deutschland, da habe ich sowas selber noch nicht erlebt). Immerhin hat hier die breite Bevölkerung schon dafür gesorgt (ausser natürlich einigen), dass Fälle wie Wulff/Guttenberg nicht totgeschwiegen wurden und die Debatte um den Ehrensold entbrannte. Wir in Deutschland schieben ja gerne so etwas in die "Neidecke". Nun gut die Causa Wulff ist jetzt ein zu spezieller Fall, um dies mit den alltäglichen "Missgeschicken" in Griechenland zu vergleichen, die auch mitbewirkt haben, dass Solidarität und Vertrauen in den Staat flöten gegangen sind. Wohin aber allzugroße Toleranz führen kann sehen wir nun an Griechenland. Ich bleibe dabei, eine bestimmte Gruppe kann sich eben nur erfolgreich bereichern, wenn sie es schafft die Schwächeren gegeneinander auszuspielen. Ein Trend kann man hierzulande verfolgen, in dem sich die Mittelschicht zunehmend von sozial schwachen und der sogenannten "Unterschicht" loszusagen versucht.

Es ist eine Schande für Europa,

daß in Europa Menschen in Armut und Elend leben müssen und hungern und frieren müssen - im 21. Jahrhundert und in einem Europa, das so reich ist wie niemals zuvor.
Gebt die 130 Milliarden direkt an die Rentner und Armen, sie kommen zurück, sie werden wieder in den Wirtschaftskreislauf eingespeist und hätten wenigstens eine positive Wirkung, anstatt daß womöglich irgendwelche Banken Teile davon als Gebühren einziehen - und die Schuldner, die jahrelang profitiert haben, auch die griechischen Millionäre und Milliardäre, sollten sich ernsthaft überlegen, ihre Landsleute zu ernähren und zu behausen.

......

Wäre schön, wenn es so wäre. Diese dramatischen Szenen spielen sich ja deshalb ab, weil in Griechenland das geliehene Geld der letzten Jahrzehnte genau auf die von Ihnen geforderte Art und Weise unter die Leute gebracht wurde. Das Ergebnis sieht man jetzt. Sie wollen eine solch sinnlose Politik also weiter fortsetzen?

Wäre das Geld sinnvoll in Infrastruktur investiert worden, wäre der Absturz nicht so krass gewesen!

Richtig

Bislang (seit der Euro-Einführung) lief das Spiel so: Europa leiht Griechenland Geld und Griechenland kauft dafür Konsumgüter ein.

Auf diese Weise floss zwar zumindest ein Teil der Kredite wieder zurück, aber eben im Tausch gegen Waren und nicht als Kreditrückzahlung. Vereinfacht könnte man sagen: Griechenland hat die letzten 10 Jahre zwar groß im Ausland eingekauft, aber eben nur auf Rechnung - und diese Rechnung wurde nie bezahlt.

Außerdem war die Produktivität Griechenlands nie groß genug, um den allgemeinen Lebensstandard zu finanzieren.

Beides zusammen schlägt jetzt doppelt durch: der auf Kredit finanzierte Anteil am Lebensstandard fällt weg. Das allein ist schon hart, wäre aber verkraftbar und vergleichbar mit einer Privatperson, die plötzlich ihren Job verliert und zwar einen neuen findet, aber dort nur noch 70% des früheren Lohns verdient (Zahlenbeispiel: jetzt 28.000€ statt früher 40.000€). Es ist plötzlich weniger Geld da, die Person muss sich nun einschränken, aber irgendwie kommt sie über die Runden.

Richtig problematisch im Fall Griechenland sind aber die Schulden aus früheren Krediten, die verkonsumiert statt investiert wurden. Die Privatperson verdient nun nicht nur weniger, sie hat aus früheren Zeiten auch noch über 60.000€ Konsumschulden, die nie in bleibende Werte investiert wurden. Es ist kein Häuschen da, das notfalls zur Begleichung der Schulden verkauft werden kann. Und diese Altschulden schränken den Lebensstandard jetzt noch weiter ein.

traurige realitaeten

aus einem staat der steuern per stromrechnung direkt einzieht,
samt sanktionen per stromabschaltung.
ein sinbild der viel kritisierten, scheinbar nicht existenten, verwaltung griechenlands.

"wenn der rentner nicht weiter weiß"

ist uebrigens eine verniedlichung existenzieller probleme dieser menschen. da findet sich sicherlich auch eine bessere formulierung.

Wie soll so ein Staat wieder auf die Beine kommen?

Mit "so ein Staat" meine ich einen Staat, der am Boden ist aber auf den wir weiter eintreten.

Natürlich, die Schulden müssen gesenkt werden aber gleichzeitig würgen diese Maßnahmen die Wirtschaft ab. Ergebnis: Griechenland wird immer auf Hilfe angewiesen sein, weil es keine funktionierende Wirtschaft mehr hat.

Und fernab aller wirtschaftlichen Betrachtungen: Was sich dort abspielt ist eine menschliche Tragödie, das kann doch niemand guten Gewissens wollen?