In vielen Athener Mietshäusern bleiben in diesem Winter die Zentralheizungen ausgeschaltet, weil die Mieter kein Geld für das Heizöl haben, das sich wegen Steuererhöhungen kräftig verteuert hat. Auch hier trifft der Sparkurs der Athener Regierung vor allem jene, die ohnehin zu kurz kommen.

In vielen Supermärkten stehen neben den Kassen Behälter mit der Aufschrift "Gemeinsam schaffen wir es". Hier können jene, die Geld übrig haben, Lebensmittel für Bedürftige spenden. Davon gibt viele: 250.000 Menschen werden Tag für Tag allein in den Armenspeisungen der orthodoxen Kirche verköstigt.

Welche Schicksale sich hinter den Armutsstatistiken verbergen, weiß auch Nikitas Kanakis von der griechischen Sektion der Hilfsorganisation Ärzte der Welt. Sie betreibt in vier griechischen Städten Krankenstationen, wo Bedürftige kostenlos behandelt werden. "Wir sind mit einer humanitären Krise konfrontiert", sagt der Zahnarzt Kanakis.

Das staatliche Gesundheitssystem steht vor dem Zusammenbruch. Auf Weisung der Troika muss der Staat in diesem Jahr bei den Ausgaben für Medikamente weitere 1,1 Milliarden Euro sparen und den Ärzten Überstunden streichen. Ein Brennpunkt der Arbeit der Ärzte der Welt ist Perama, eine Industriestadt westlich Athens.


Früher war Perama das Zentrum der griechischen Schiffsbauindustrie. Heute hat der 25.000 Einwohner zählende Ort die wohl höchste Arbeitslosenquote Griechenlands, rund 60 Prozent. Wenn die Arbeitslosenhilfe nach spätestens zwölf Monaten ausläuft, verliert man in Griechenland automatisch auch seine Krankenversicherung.

Immer mehr Menschen suchen deshalb Hilfe bei der Krankenstation der Ärzte der Welt in Perama. "Und immer mehr Menschen, die zu uns kommen, fragen nicht nach Medikamenten", berichtet Nikitas Kanakis, "sie sind hungrig und bitten um etwas zu Essen". Was sich in seinem Land abspiele, sei "beschämend und schockierend", sagt der Arzt.

So weit, dass er um Essen betteln muss, ist Vyron Nikolopoulos noch nicht. Ihm fehlt nur das Geld für die Stromrechnung. Nach zwei Stunden tritt er aus der Geschäftsstelle der Elektrizitätsgesellschaft wieder auf die Straße. Die Rechnung hat er noch in der Hand, unbezahlt. "Die Angestellte war sehr freundlich und verständnisvoll", berichtet der Rentner. Aber viel Hoffnung hat sie ihm nicht machen können. "Letztlich müssen Sie bezahlen", hat sie mir gesagt. Nur einen kleinen Aufschub hat Nikolopoulos herausgehandelt – eine Galgenfrist.