GriechenlandWenn der Rentner nicht weiterweiß

Alte Menschen können die Stromrechnung nicht mehr zahlen, Arbeitslose betteln um Essen. Der Sparkurs treibt viele Griechen in die Armut. von 

Es ist noch früh am Morgen, aber die Schlange ist schon lang vor der Geschäftsstelle der staatlichen griechischen Elektrizitätswerke DEI im Athener Vorort Ano Glyfada. Ungeduldig warten die Menschen darauf, dass die Schalter öffnen. Die meisten haben ihre Stromrechnung in der Hand. Wie Vyron Nikolopoulos.

"Ich bin ein Opfer der Krise", sagt der 72-jährige Rentner. Das sind die meisten Menschen, die an diesem regnerischen Februarmorgen vor dem DEI-Büro anstehen. Sie könnten ihre Stromrechnung auch bei der Bank oder auf einem Postamt bezahlen. Aber sie haben nicht genug Geld. Deshalb stehen sie hier an. Sie wollen über einen Nachlass verhandeln. Oder einen Zahlungsaufschub.

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825 Euro Pension bekam Nikolopoulos vor der Krise. Jetzt sind es wegen der Rentenkürzungen nur noch 715 Euro . "Hier, sehen Sie", sagt der alte Mann und zeigt mit zitternder Hand die Stromrechnung vor: 326 Euro. Davon gehen 240 Euro auf das Konto der Immobilien-Sondersteuer, mit der Finanzminister Evangelos Venizelos Haushaltslöcher zu stopfen versucht.

480 Euro soll Nikolopoulos für die 60 Quadratmeter große Eigentumswohnung bezahlen, die er mit seiner 71-jährigen Frau bewohnt. Die Steuer wird mit der Stromrechnung eingezogen. Im Dezember kam die erste Rate, jetzt die zweite. Wer nicht zahlt, dem lässt der Finanzminister den Strom abdrehen. "Ich weiß nicht, wo ich das Geld auftreiben soll", sagt der Rentner. 150 Euro hat er mitgebracht, die will er wenigstens anzahlen. "Wenn die uns den Strom kappen, dann erfrieren wir", sagt der alte Mann.

490 Euro Witwenrente – 60 Euro weniger als vor der Krise

Die Griechen im Jahr drei der Krise: ein gedemütigtes, verzagtes Volk, zermürbt von immer neuen Hiobsbotschaften , enttäuscht, weil sich Hoffnungen, die man kaum zu hegen wagte, in den vergangenen Monaten immer wieder zerschlagen haben. Wie die von den Politikern verbreiteten Erwartung, die wirtschaftliche Talfahrt werde endlich gestoppt.

Doch stattdessen stürzt das Land immer tiefer in die Rezession. Um fast sieben Prozent ist die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr eingebrochen, in diesem Jahr dürfte sich der Absturz ähnlich steil fortsetzen. Weil die Wirtschaft schrumpft, steigen Defizit- und Schuldenquoten. Der Finanzminister muss deshalb die Steuerschraube noch weiter anziehen und noch mehr Ausgaben streichen, um die Sparvorgaben zu erreichen. Damit entzieht er dem Wirtschaftskreislauf noch mehr Geld und treibt das Land tiefer in die Rezession – ein Teufelskreis.

Gerade wurde Griechenland vor dem Staatsbankrott bewahrt, wieder einmal. Die Euro-Finanzminister haben am Dienstag das neue Hilfspaket in Höhe von 130 Milliarden Euro beschlossen. Griechenland – gerettet? "Das ist doch nur eine Galgenfrist", sagt Evanthia Zigouli. Auch die 74-jährige Witwe steht an diesem nasskalten Morgen vor der DEI-Geschäftsstelle an, um über einen Zahlungsaufschub für die Stromrechnung zu bitten.

"Machen wir uns nichts vor, Griechenland ist pleite", sagt sie. "Und bei uns kommt von dem Hilfsgeld doch kein einziger Euro an", meint sie. Die Frau, die für ihre Familie fünf Jahrzehnte lang den Haushalt geführt hat, bekommt monatlich 490 Euro Witwenrente – 60 Euro weniger als vor der Krise.

Leserkommentare
  1. Griechenland hat jahrzehntelang über seine Verhältnisse gelebt. Griechenland importier drei bis vier mal soviel wie es exportiert. Ca. 91% des BIPs werden verkonsumiert, der höchste Wert in der Welt. Löhne, Gehälter und Preise waren in Griechenland viel zu hoch. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Griechenlands entspricht dem eines Dritte-Welt-Landes. Beim Konsum gehörte man aber zur Weltspitze. Die Schuld daran, dass nun Löhne uns Renten sinken, haben die Griechen ganz allein. Griechenland hat nun mal über Jahrzehnte auf Kosten anderer Länder gelebt. Jedem Griechen musste klar sein, dass das auf Dauer nicht funktionieren kann. Dieses Desaster hat sich Griechenland selbst zuzuschreiben. Die Griechen sind ständig für höhere Löhne auf die Straße gegangen. Die griechische Wirtschaft verlor dadurch ständig an Wettbewerbsfähigkeit. Die Politik, egal welches Lager, machte ständig Wahlgeschenke, und das alles natürlich auf Pump. Bezahlt dafür hat stets das Ausland. Jedes Jahr ca 10% bis 15% des BIPs.

    Mir tun die wirklich armen Leute in Griechenland auch leid. Zu drastischen Preis-, Lohn- und Rentensenkungen gibt es meiner Meinung nach aber keine Alternative. weil genau dort der Grund des griechischen Problems liegt. Es wäre aber wünschenswert wenn die soziale Balance stärker gewahrt würde.

    Vermutlich wird es noch einige Jahre dauern bis die Talsohle in Griechenland erreicht ist. Der sinkende Wohlstand in Griechenland zeigt, dass es voran geht.

    Antwort auf "Unser Versagen"
  2. wer regiert denn??? Die Troika, EZB, IWF und Schaeuble !!!Die alle haben die renten gekuerzt aber tun nix gegen Filz, Korruption etc, denn das System beschaeftig zb Ruestung in Deutschland Zehntausende...

  3. Sie schreiben:
    "während sie auf der anderen Seite die teuerste Art und Weise benutzen, um ihre Wohnungen zu heizen: mit Strom! Dieses kleine Detail aus der privaten Misswirtschaft vieler Griechen ist sehr bezeichnend"

    Zu ihrer Information. Fast ganz Südfrankreich heizt mit Atomstrom. Die Wohnungen haben teilweise gar keine Heizungen, sondern man besorgt sich elektrische Heizkörper in Baumärkten, die auch "Wandtoaster" genannt werden.

    Die griechische Tragödie ist ja erst am Anfang und enthüllt schon dermaßen grausame Details. Kommt da gar kein Aufschrei? Wie viele Suizide mag es schon gegeben haben? Wie viele Kinder hungern oder leben schon auf der Straße?

    Die Erniedrigung und Ausraubung Griechenlands zeigt die hässliche Fratze des Neoliberalismus. Ich bin wütend.

    Dass das Konzept nicht funktionnieren würde, musste doch jedem klar sein.

    Man kann Unmengen von Benzin in einen Tank schütten. Wenn man gleichzeitig den Anlasser und den Motor ausbaut, wird das Auto nicht fahren.

    Aus Verzweiflung fangen die Griechen an, Bäume zu fällen, um ein bisschen heizen zu können.

    Dass die Reichen und Mächtigen dieser Welt so weit gehen würden, hätte ich nicht gedacht.

    Antwort auf "mit Strom heizen??!"
    • liborum
    • 22. Februar 2012 13:55 Uhr
    92. @okmijn

    Sie sagen es

    NOCH

    Antwort auf "in Deutschland"
  4. Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Das waren 240 Euro im Halbjahr, also 40 Euro Pro Monat. Sicher immer noch viel. Man darf aber auch nicht vergessen, dass auch die Rentner jahrzehntelang über ihre Verhältnisse gelebt hat. Griechenland hat zuletzt 91% seines BIPs verkonsumiert. Da kann man dann natürlich nicht mehr viel fürs Alter zurücklegen und es sicher auch nicht fair ständig zu erwarten, dass das Ausland zahlt.

    Antwort auf "Arroganter Kommentar!"
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    • Klüger
    • 22. Februar 2012 15:14 Uhr

    Kann das auch bei nochmaligem Lesen nicht finden.

    Beim zweiten Durchlesen finde ich selber, dass es etwas schwammig formuliert ist (erste Rate im Dezember, zweite jetzt im Februar), aber wenn 240 EUR eine Rate sein soll, dann wäre diese jeweils für zwei Monate zu leisten = 120 EUR im Monat und 720 EUR im Halbjahr, nicht 240 im Halbjahr wie Sie behaupten.

    Also für Sie nochmal im Klartext: ZWEI KOMPLETTE MONATSRENTEN im Jahr nur für Strom und Grundsteuer, da der Mann jetzt nur noch 715 EUR Rente bekommt.

    Wollen Sie so etwas verteidigen? Gar mit der Aussage, die griechischen Rentner hätten ja jahrelang zu hohe Renten kassiert?

    Mal abgesehen von dem Versprechen der EU an die Griechen (und uns) vom Schlaraffenland, das uns durch den Euro erblüht?

    • caro-v
    • 22. Februar 2012 15:47 Uhr

    Was heißt hier über die Verhältnisse???
    Haben Sie schon mal daran gedacht, dass alles verkonsumiert wurde, weil es zum Sparen nicht reicht? Wer nur gerade so über die Runden kommt, muss alles verkonsumieren, der hat nichts zum Sparen und zurücklegen!!!
    Viele Eigenheime in Griechenland wurden von Gastarbeitern erbaut und das ist gut so, da sonst noch viel mehr jetzt auf der Straße wären. Wenn Griechenland Mietverhältnisse wie in Deutschland hätten, wäre dort schon längst Bürgerkrieg!

  5. @99 woher wissen sie das in Griechenland die Rentner ueber ihre Verhaeltnisse lebten.
    Belege bitte....
    Immer der selbe Schwachsinn

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    Allein schon die Tatsache, dass Sie dafür Belege brauchen, zeigt schon, dass Sie nichts von VWL verstehen. Jeder Renter lebt volkswirtschaftlich über seine Verhältnisse. Per Definition geht ein Rentner keiner Beschäftigung nach und generiert somit auch kein Einkommen. Er konsumiert mehr Güter als er erzeugt, damit lebt er natürlich über seine Verhältnisse. Das macht jeder Rentner. Ist das so schwer zu verstehen?

    Ich wollte aber auf was anderes hinaus. Die heutigen Rentner haben früher ja auch mal gearbeitet. Da Griechenland aber auch früher schon mehr importiert als es exportiert hat, hat es auch früher schon über seine Verhältnisse gelebt. Eine Volkswirtschaft die fast stets das komplette BIP verkonsumiert kann nun mal praktisch nichts fürs Alter "zurücklegen". Griechenland hat nie etwas für seine Rentner zurückgelegt da fast immer das gesammte BIP sofort für den Konsum ausgegeben wurde. Bitte eignen Sie sich VWL Kenntnisse an bevor Sie weiter so einen Mist schreiben.
    Ein guter Teil der deutschen Alterssicherung steckt in den angesammelten Exportüberschüssen. Diese sind gerade akut gefährdet. Der Target2 Saldo der Bundesbank liegt momentan bei ca. 500 Mrd Euro. Sollte der Euro scheitern, wären die unwiederbringlich verloren. Und damit ein guter Teil unserer Altersvorsorge. Das begreifen viele Deutsche aber nicht.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/ls

    • mixpan
    • 22. Februar 2012 14:09 Uhr

    Das ist nur ein Missverständnis. Die meisten griechischen Gebäude sind alt und werden mit Heizöl gewärmt. Das Heizöl ist aber auch sehr teuer wegen neuen Steuert des gr. Staates geworden, so dass viele Wohnungen in alten Wohnhäusern, wo alle Einwohner sich zusammen über die Heizung entscheiden müssen, kein Heizöl kaufen konnten. Sie benutzen deshalb nur Strom. Auch für Warmwassen wird Strom benutzt.

    Antwort auf "mit Strom heizen??!"
  6. hat der Kapitalismus gute Lösungen geboten?

    Antwort auf "Und was?"

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