ZEIT ONLINE: Frau Falk, was hat der Valentinstag mit dem Hunger in der Welt zu tun?

Gertrud Falk: Die Schnittblumen, die am Valentinstag verschenkt werden, kommen zunehmend aus Billiglohnländern. Was die Arbeiter dort verdienen, reicht nicht aus, um eine Familie zu ernähren. Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Menschen hungern. Aber sie essen einseitig, nährstoffarm und damit ungesund. Das ist der ganz direkte Zusammenhang zwischen Blumengeschäft und Unterernährung.

ZEIT ONLINE: Was wäre der indirekte?

Falk: Die Blumenindustrie setzt massiv Pestizide ein. Es kommt immer wieder zu Unfällen – wenn Arbeitern beim Mischen der Stoffe das Gift ins Gesicht spritzt, zum Beispiel. Das kann bis hin zur Erblindung führen. In einem Fall in Uganda starb ein Arbeiter, weil er nicht rechtzeitig ärztlich behandelt wurde. Andere werden arbeitsunfähig.

Zudem gibt es massive Langzeitfolgen. Wir wissen von schleichenden Vergiftungen, die sich manchmal erst nach Jahrzehnten bemerkbar machen. Die Arbeiterinnen in den Betrieben – ein Großteil der Beschäftigten sind Frauen – sind einer Unmenge von Giften ausgesetzt. Häufig erhalten sie keine ausreichende Schutzkleidung oder sie benutzen sie nicht, weil dicke Handschuhe sie bei der Arbeit behindern. Viele sind Analphabeten, sie wissen gar nicht, wie gefährlich die Mittel sind.

ZEIT ONLINE: Was sind die Folgen der Pestizide?

Falk: Kopfschmerzen, Schwindel und Sehstörungen. Die Beschäftigten haben Atem- und Hautbeschwerden. Auch Fruchtbarkeitsstörungen treten auf, bis hin zu Fehlgeburten. Untersuchungen aus Ecuador haben ergeben, dass die Kinder von Blumenarbeiterinnen körperlich nicht auf dem Stand von Gleichaltrigen sind. Das Risiko, dass sie auch geistig zurückbleiben, ist hoch.

Das Problem ist, dass die schädlichen Folgen von einzelnen Stoffen zum Teil untersucht sind; aber man weiß sehr wenig darüber, wie Mischungen aus verschiedenen Pestiziden zusammenwirken.

ZEIT ONLINE: Betreffen die Vergiftungen nur die in der Blumenindustrie Angestellten und ihre Familien?

Falk: Nein. Über Abwässer gelangen die Gifte auch in die Umgebung der Plantagen, wo sie Böden, Trink- und Grundwasser verseuchen. Die Planen, aus denen die Gewächshäuser gemacht sind, halten maximal zwei Jahre. Danach werden sie oft nicht als Giftmüll entsorgt, wie es nötig wäre – die Unternehmen überlassen sie anderen zum Gebrauch. Wer Nahrung zu sich nimmt, die in der Nähe von Blumenplantagen gewachsen ist oder auf andere Art mit den Giftabfällen zu tun hat, unterliegt ebenfalls dem Risiko, sich zu vergiften. 

ZEIT ONLINE: Wie hoch ist der Anteil an Blumen aus Entwicklungsländern am deutschen Markt überhaupt?

Falk: Das ist schwer zu sagen. Die Statistiken erfassen nur das Land, aus dem nach Deutschland importiert wurde – oft sind das die Niederlande , die Blumen aus Entwicklungsländern einführen und dann weiterverkaufen. Wir gehen davon aus, dass im Jahresdurchschnitt etwa 30 Prozent der in Deutschland gehandelten Schnittblumen aus Entwicklungsländern kommen. Jetzt in der kalten Jahreszeit sind es natürlich viel mehr.

ZEIT ONLINE: Welche Länder sind denn die wichtigsten Lieferanten?

Falk:Kenia , Äthiopien , Uganda , Kolumbien und Ecuador .