Dan ArielyDer Paradiesvogel der Ökonomie

Der US-Volkswirt Dan Ariely zeigt mit Schock-Experimenten, wann der Verstand aussetzt. In seinem neuen Buch untersucht er, wie Menschen zu Lügnern werden. von Christine Mattauch

Es ist ein ungewöhnlicher Ort, den der Professor für das Treffen vorschlägt: Ein Spielkasino im New Yorker Stadtteil Queens . Warum ausgerechnet hier? In seiner knappen E-Mail erklärt Dan Ariely das mit keinem einzigen Wort.

Der Wissenschaftler, einer der erfolgreichsten und kreativsten Verhaltensökonomen der Welt, wartet an der Bar, umtost von Big-Band-Musik und dem "Bim-Bam" der Spielautomaten. Mit Jeans und hellblauer Sportjacke sieht der Professor und Bestsellerautor ( Predictably Irrational , The Upside of Irrationality ) sehr jung aus, fast wie ein Student. Schnell wird klar, was den 43-Jährigen ins Spielkasino gezogen hat: die Irrationalität der Besucher ist es, die Ariely fasziniert. Hunderte Dollar setzen die Menschen ein, obwohl sie wissen, dass fast immer die Bank gewinnt.

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Damit ist Ariely direkt bei seinem Thema: Warum tun Menschen das, was sie tun? Hunderte Experimente hat der Professor der Duke University angestellt, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Tabus kennt er dabei kaum. So lud er Studenten zum Masturbieren in sein Experimentallabor und ließ sie dabei am Computer Fragen beantworten. Zum Beispiel, ob sie ungeschützten Geschlechtsverkehr riskieren würden. Selbst Musterknaben, die die gleichen Fragen zuvor hochmoralisch beantwortet hatten, warfen plötzlich alle Bedenken über Bord. Für Ariely ein Beleg, "dass wir die Wirkung von Leidenschaft auf unser Verhalten systematisch unterschätzen".

Der Mensch, ein rationaler Gewinnmaximierer?

Menschen agieren irrational und damit ganz anders, als es traditionelle Volkswirte in ihren Modellen unterstellen. Das ist Arielys große These, und Belege dafür meint er überall zu finden. Auch hier im Kasino in Queens, wo die Kasinobesucher längst im Rentenalter sind. Warum ist das so? Vielleicht hätten Ältere ein besseres Gedächtnis für Positives, sinniert Ariely. "Eventuell prägen sich bei ihnen die Gewinne stärker ein als die Verluste?"

Die Wahl seines Fachgebiets hat eine sehr persönliche Vorgeschichte. Als Ariely 18 Jahre alt ist, wird seine Haut bei der Explosion einer Magnesium-Leuchtrakete zu 70 Prozent verbrannt. Jahrelange Krankenhausbehandlungen sind die Folge. Bis heute leidet er unter Schmerzen, etwa wenn er schreibt. Deshalb fallen auch seine E-Mails meist so knapp aus. Während der Behandlungen hat er viel Zeit und beobachtet Pfleger und Ärzte. Oft versteht er ihr Verhalten nicht – ein Thema, das ihn nicht mehr loslässt. Er studiert Psychologie und Ökonomie, seine erste Professorenstelle tritt er am MIT in Boston an. Seine Forschungsthemen greift er mitten aus dem Leben. Ariely untersucht Präferenzen für Bier, Ergebnisse des Online-Datings, Betrug im Klassenzimmer. "Ich interessiere mich für das, was um mich herum vorgeht", sagt er selbst.

Der Mensch, ein rationaler Gewinnmaximierer? Von wegen. Ariely weist nach, wie der Verstand aussetzt, wenn ein Produkt scheinbar gratis ist, und wie sehr wir danach streben, sinnvolle Dinge zu tun.

Leserkommentare
  1. http://www.ted.com/talks/...
    http://www.youtube.com/wa...

    Anmerkung: Bitte beteiligen Sie sich mit eigenen Argumenten und Beiträgen an der Diskussion. Danke, die Redaktion/jz

  2. Es kommt freilich auch darauf an, wie eng man den Begriff des Homo Oeconomicus auslegt. Denn der Mensch ist nicht nur ein Nutzen- sondern auch ein Lustmaximierer. Lustgewinn ist dabei ein Payoff, das viele Ökonomen gar nicht in die Betrachtung mit einbeziehen. Dabei stellt der Lustgewinn sogar den größtmöglichen Nutzen dar. So erklärt sich vermeintlich irrationales Verhalten und der Homo Oeconomicus steht am Ende auf einer ganz anderen Grundlage. Aber er steht. Das ist das Verdienst von Ariely - aber auch vieler anderer Ökonomen und Hirnforscher (wie z.B. Damasio, Roth, Kandel usw).

    • DerM
    • 06. Februar 2012 17:52 Uhr

    "Während der Behandlungen hat er viel Zeit und beobachtet Pfleger und Ärzte. Oft versteht er ihr Verhalten nicht – ein Thema, das ihn nicht mehr loslässt."
    Ich kenne dieses Gefühl. Man geht durch die einem selbst bekannte Welt, jeden Tag. Und man hat dadurch natürlich immer wieder in ähnlichen Situationen mit den selben Menschen zu tun, nur die Themen und Problemstellungen unterscheiden sich. Und ob gescheit oder nicht, die Vorgehensweisen meiner Mitmenschen sind oft so irrational und unsinnig. Die Lösungsansätze oft so offensichtlich falsch. Man meint, man müsste den ganzen Tag ständig den anderen, ob älter oder jünger, ob qualifizierter oder nicht, hinterherlaufen und die Weichen korrigieren. Man sieht immer öfter, wie falsch sie handeln, aber oft kann man es ihnen nicht mitteilen. Letztlich geschieht ständig das, was ich mir gedacht habe, was passieren wird. Das Lustige ist, sie merken gar nicht, dass man ihnen vorher sagte, dass das so kommen wird. Manchmal lache ich einfach in mich rein und denke, "löffelt doch die Suppe aus, ich hab`s euch gesagt."

    • Ascag
    • 06. Februar 2012 18:01 Uhr

    Gerade Amateure schaffen es am Aktienmarkt, mit schönster Regelmäßigkeit das falsche zu machen. Wohl deshalb, weil die Emotionen die der Aktienmarkt in der breiten Bevölkerung hervorruft, genau dem entgegengesetzt ist was eigentlich sinnvolles Investieren ausmachen würde.

    Meist werden dann Lebensversicherungen und Sparbücher aufgelöst, wenn die Aktienmärkte bereits extrem teuer sind, und alles Geld wird in das neueste Modethema investiert bezüglich dessen gerade die Emotionen hochschlagen. Dafür gibt es unzählige Beispiele, wie 2000 Internetaktien, 2007 Solarfirmen (Beispiel Q-Cells 2007 60 Euro die Aktie, jetzt < 0,3 Euro), oder eventuell 2011 Gold (bei letzterem wird die Zukunft zeigen, ob Gold für 1900$ die Feinunze wirklich ein werterhaltendes Investment war...)

    Im Gegenzug schwört man sich dann Aktien nie wieder anzufassen, wenn die Märkte spottbillig sind, weil dann in der Presse allgemein von Wirtschaftskrise und Weltuntergang die Rede ist. Siehe 2003 oder 2008, und vielleicht demnächst ja wieder. Und äquivalent 1999 Gold, was damals zu 200$ die Unze keiner haben wollte, weil sich alle irrationalerweise gesagt haben "Was will man mit Gold? Das ist doch nur totes Metall was keine Erträge abwirft! Yahoo, Cargolifter und Gigabell! Das ist die Zukunft!"

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    Ich glaube, es wird im ersten verlinkten Video skizziert.

    Davon ab: Auch die Gold-Blase platzt irgendwann.

    @ Abaelard:

    Der Homo oeconomicus steht mitnichten, wenn man die Befunde der behavioral economics auch nur halbwegs ernst nimmt. Auch Ihre Lust-Maximierungshypothese greift nicht.

  3. Ich glaube, es wird im ersten verlinkten Video skizziert.

    Davon ab: Auch die Gold-Blase platzt irgendwann.

    @ Abaelard:

    Der Homo oeconomicus steht mitnichten, wenn man die Befunde der behavioral economics auch nur halbwegs ernst nimmt. Auch Ihre Lust-Maximierungshypothese greift nicht.

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    • joG
    • 06. Februar 2012 19:15 Uhr

    ... Ich hatte eher gedacht, dass sie gilt. Was will man sonst tun, als was man nach allen nachdenken, vergleichen der Schmerzen und Freuden, der Bedeutung und Miesheit, des guten und Bösen am meisten will. So ist der Konsument. So ist der Altruist. Der Unterschied liegt oft im Betrachter.

    Der Homo oeconomicus ( Econ ) ist ein Modellkonstrukt, um normative Theorien aufzubauen. Die Wirtschaftswissenschaften sind eigentlich eine Gesellschaftswissenschaft mit mathematischen Methoden aus der Physik und ähnlichen experimentellen Methoden wie die Psychologie. Die Unnübersichtlichkeit menschlichen Verhaltens macht die Prognose menschlichen Verhaltens auf dem Fundament sicheren Wissens unmöglich. Daher behilft man sich mit idealisierten Modellwelten und erforscht erst einmal das Modell, anschliessend kann man experimentell oder empirisch Evidenz für das eine oder andere Modell sammeln, und vor allem auch um zu erfahren, wie weit vom Homo oeconomicus abgewichen wird.

    Noch besser wäre ein interdisziplinären Austausch zwischen den anderen Humanwissenschaften hinzuzuziehen, um die eigenen blinden Flecken im Auge zu behalten - natürlich wird das kaum gemacht.

    Wirtschaftswissenschaften allein sollte man nie für die Legitimation von Politik verwenden, weil Ökonomen normalerweise ausdrücklich ausschliessen über sicheres Wissen zu verfügen. Die Nutzung des Wissens geschieht auf eigene Gefahr.

    Dass Dan Ariely eine stärker psychologisch ausgerichtete Ausbildung hat, macht ihn weniger geeignet, um Evidenz für die Modellselektion konkurrierender mikroökonomischer Theorien zu sammeln. Um in einer wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlichen zu können, braucht er sich nur an die Methodenkonvention zu halten.

    • Ranjit
    • 06. Februar 2012 18:43 Uhr

    Seine Ausbildungsweg verlief über den Bachelor in Psychologie, einem Master in Kognitionspsychologie und einem Doktor im gleichen Fach. Danach folgte ein Doktor der Betriebswirtschaftslehre(!). An der Duke-University ist er "professor of psychology and behavioral economics".

    Folgerichtig bauen viele seiner Studien auch auf Größen der verhaltensökonomischen Psychologie auf, wie z.B. Amos Tversky und Daniel Kahneman.

    Richtig ist natürlich, dass er (auch) Phänomene betrachtet die traditionell unter den Bereich der VWL fielen. Die Verhaltensökonomie ist jedoch interdisziplinär und Dan Ariely offensichtlich Psychologe in Ausbildung, theoretischem Hintergrund und Methode.

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    Wie folgendes Beispiel - http://www.nzz.ch/nachric... - zeigt, ist Psychologie zum Verständnis der Ökonomie wichtiger denn je.

  4. Wie folgendes Beispiel - http://www.nzz.ch/nachric... - zeigt, ist Psychologie zum Verständnis der Ökonomie wichtiger denn je.

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    • Ranjit
    • 08. Februar 2012 15:03 Uhr

    "Der US-Volkswirt Dan Ariely... "

    • joG
    • 06. Februar 2012 19:03 Uhr

    ....aber auch Gintis recht geben. Jedem auf seine Art. Die Experimente sind hoch interessant. Er macht weniger daraus als er sollte und wir wussten bereits als ich auf der Schule war, dass das Kriterium der Rationalität (wie auch einige andere des grundmodells nicht stimmten. Sie sind Ausgangspunkt, wie in der Physik die Annahme die Schwere konzentriere sich in einem Punkt.

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  • Schlagworte Bernard Madoff | Halloween | Boston | Queens
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