Es ist ein ungewöhnlicher Ort, den der Professor für das Treffen vorschlägt: Ein Spielkasino im New Yorker Stadtteil Queens . Warum ausgerechnet hier? In seiner knappen E-Mail erklärt Dan Ariely das mit keinem einzigen Wort.

Der Wissenschaftler, einer der erfolgreichsten und kreativsten Verhaltensökonomen der Welt, wartet an der Bar, umtost von Big-Band-Musik und dem "Bim-Bam" der Spielautomaten. Mit Jeans und hellblauer Sportjacke sieht der Professor und Bestsellerautor ( Predictably Irrational , The Upside of Irrationality ) sehr jung aus, fast wie ein Student. Schnell wird klar, was den 43-Jährigen ins Spielkasino gezogen hat: die Irrationalität der Besucher ist es, die Ariely fasziniert. Hunderte Dollar setzen die Menschen ein, obwohl sie wissen, dass fast immer die Bank gewinnt.

Damit ist Ariely direkt bei seinem Thema: Warum tun Menschen das, was sie tun? Hunderte Experimente hat der Professor der Duke University angestellt, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Tabus kennt er dabei kaum. So lud er Studenten zum Masturbieren in sein Experimentallabor und ließ sie dabei am Computer Fragen beantworten. Zum Beispiel, ob sie ungeschützten Geschlechtsverkehr riskieren würden. Selbst Musterknaben, die die gleichen Fragen zuvor hochmoralisch beantwortet hatten, warfen plötzlich alle Bedenken über Bord. Für Ariely ein Beleg, "dass wir die Wirkung von Leidenschaft auf unser Verhalten systematisch unterschätzen".

Der Mensch, ein rationaler Gewinnmaximierer?

Menschen agieren irrational und damit ganz anders, als es traditionelle Volkswirte in ihren Modellen unterstellen. Das ist Arielys große These, und Belege dafür meint er überall zu finden. Auch hier im Kasino in Queens, wo die Kasinobesucher längst im Rentenalter sind. Warum ist das so? Vielleicht hätten Ältere ein besseres Gedächtnis für Positives, sinniert Ariely. "Eventuell prägen sich bei ihnen die Gewinne stärker ein als die Verluste?"

Die Wahl seines Fachgebiets hat eine sehr persönliche Vorgeschichte. Als Ariely 18 Jahre alt ist, wird seine Haut bei der Explosion einer Magnesium-Leuchtrakete zu 70 Prozent verbrannt. Jahrelange Krankenhausbehandlungen sind die Folge. Bis heute leidet er unter Schmerzen, etwa wenn er schreibt. Deshalb fallen auch seine E-Mails meist so knapp aus. Während der Behandlungen hat er viel Zeit und beobachtet Pfleger und Ärzte. Oft versteht er ihr Verhalten nicht – ein Thema, das ihn nicht mehr loslässt. Er studiert Psychologie und Ökonomie, seine erste Professorenstelle tritt er am MIT in Boston an. Seine Forschungsthemen greift er mitten aus dem Leben. Ariely untersucht Präferenzen für Bier, Ergebnisse des Online-Datings, Betrug im Klassenzimmer. "Ich interessiere mich für das, was um mich herum vorgeht", sagt er selbst.

Der Mensch, ein rationaler Gewinnmaximierer? Von wegen. Ariely weist nach, wie der Verstand aussetzt, wenn ein Produkt scheinbar gratis ist, und wie sehr wir danach streben, sinnvolle Dinge zu tun.