Die neuen Einwanderer : Auswandern aus Langeweile

Die Biochemikerin Justyna Kulig kam nach Deutschland, weil sie sich daheim in Polen langweilte. Jetzt will sie nicht mehr weg.
Justyna Kulig über ihre Arbeit Die Polin Justyna Kulig kam vor zwei Jahren nach Deutschland. Sie schätzt vor allem die kulturelle Nähe zu ihrem Heimatland und die besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Wörter, die sie nicht kennt, schreibt Justyna Kulig auf Karteikarten. Die steckt sie in ihren Laborkittel, um auf dem Weg zwischen Labor und Büro immer mal wieder nachschauen zu können. Gerade am Anfang verstand sie wenig. Wenn es um die Wissenschaft ging, redeten die Kollegen auf Englisch, privat aber wurde Deutsch gesprochen. Manchmal hätten die Kollegen einen Witz gemacht, den sie nicht verstanden habe, sagt Kulig. Es sei schwer gewesen, Freundschaften zu knüpfen.

Vor rund einem Jahr hat die 28-jährige Polin ihre Heimat verlassen, um in Deutschland zu promovieren. Sie schreibt ihre Doktorarbeit im Forschungszentrum Jülich, betreut wird sie von der Universität Düsseldorf. Als Biochemikerin im polnischen Oppeln habe sie jeden Tag untersuchen müssen, wie hoch die Konzentration von Metallen im Wasser ist. "Das war nichts, was ich mein ganzes Leben machen wollte", sagt Kulig. Deshalb bewarb sie sich in Schweden, Irland und Deutschland um eine Doktorandenstelle. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich irgendwo genommen werden würde." Vielleicht wollte sie auch nicht zu viel darüber nachdenken. "Schließlich musste ich meine Familie zurücklassen."

Doch sie bekam Zusagen und musste sich entscheiden. Die bessere Ausstattung der Labore und die geringe Entfernung gaben den Ausschlag für das benachbarte Deutschland. "Deutschland und Polen sind von der Kultur sehr ähnlich", sagt sie. Dennoch gebe es Unterschiede: In Polen sei das Gehalt auf Ostniveau, die Preise seien jedoch auf Westniveau gestiegen. In Deutschland lebe es sich heute leichter. "Nach dem Studium wollte ich unabhängig sein und nicht mehr in einer Wohngemeinschaft oder bei meinen Eltern wohnen", sagt sie. Diesen Wunsch hätte sie sich von ihrem Gehalt in Oppeln nicht erfüllen können. Sich wie andere junge Polen ein Haus zu kaufen und den Kredit viele Jahre lang abzustottern, das kam für sie nicht in Frage.

Kulig wohnt heute in der Kleinstadt Jülich, in der Nähe ihres Arbeitsplatzes. Für ihre Doktorarbeit untersucht sie die Eigenschaften von Enzymen, die etwa in Dünge- und Arzneimittel verwendet werden. Sie will verstehen, wie Enzyme in gewissen Reaktionen wirken, um sie besser einsetzen zu können. Dafür bleibt sie oft bis spät nachts im Labor. "Meine Arbeit macht mir so viel Spaß, dass ich nicht ständig auf die Uhr schauen muss", sagt Kulig. Sie arbeite, so lange sie Lust habe. Zweimal in der Woche besucht sie einen Deutschkurs am Goethe-Institut in Düsseldorf.

Noch ein Jahr will sie bleiben. Dann sollen ihre Untersuchungen abgeschlossen, die Doktorarbeit geschrieben sein. Ihr größtes Ziel: Ein sehr gutes Ergebnis. Denn sie will weiterziehen. Den Plan, nach Polen zurückzugehen, hat sie nicht. Heimweh auch nicht.
 

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

"Dafür bleibt sie oft bis spät nachts im Labor."

So ist das nämlich mit den "neuen Einwanderern". Man sucht sie aus diesem Grund aus und bietet ihnen Stellen in Deutschland an: sie arbeiten doppelt so lange wie Deutsche, haben keinerlei Ansprüche (an ihren Arbeitgeber und oft an sich selbst, außer "gute Ergebnisse" zu liefern).

Ich finde diesen Artikel sehr bedenklich. Er stellt die offensichtlichen Fehlentwicklungen gerade im Hochtechnologie- und Wissenschaftsarbeitsmarkt als positiv dar. Dabei ist dies Ausdruck der grassierenden Entbürgerlichung der Gesellschaft.

Bravo, ZEIT!

Deutsches Elend

Lesen Sie doch mal im Zusammenhang:

"Dafür bleibt sie oft bis spät nachts im Labor. "Meine Arbeit macht mir so viel Spaß, dass ich nicht ständig auf die Uhr schauen muss", sagt Kulig. Sie arbeite, so lange sie Lust habe."

Das klingt weder nach Anspruchslosigkeit, noch nach Ausbeutung. Sondern nach Motivation und Freude an dem, was sie tut.

Leider ist es so, dass man in Deutschland eher eine Jammer-, Schwarzmal- und Meckerkultur pflegt. Alles wird grundsätzlich negativ gesehen, das ist eine Art Naturgesetz hier bei uns.

Daher ist klar, dass es verstörend ist, wenn Einwanderer die tollen Seiten unseres Landes entdecken und darüber begeistert sind. Bitte noch mehr davon.

Konditioniert zur Unehrlichkeit.

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wie man auf derartige Ignoranz antworten soll.

Denken Sie, die Dame spricht die Wahrheit, wenn sie behauptet, es mache ihr Spaß bis in die Nacht zu arbeiten? Denken Sie an die Art des Beschäftigungsverhältnisses, in dem sie sich befindet und wie allein diese Art der "Anstellung"/ des "Stipendiums" die PhD-Studenten auf Kritiklosigkeit konditioniert und daran, ob sie sich Offenheit leisten kann!

Ich war auch ein wenig sprachlos, ob der Anschuldigung meine Vorstellungen würden in die DDR führen. Eine Wahrung von Arbeitnehmerrechten führte uns zu den erfolgreichen Jahren der BRD zurück, das haben viele Menschen leider nicht begriffen.

Berufung und Beruf sollte man halt unterscheiden können

Niemand erwartet von einer Kassiererin, dass Sie sich derartig für ihren Beruf entscheidet, dass sie freiwillig und unbezahlt Sonderschichten schiebt. Dies gilt für alle Berufe, die mit einer gewissen Routine ausgeführt werden. Wer aber eine Berufung für sich in seinem Leben entdeckt - und dies ist gerade bei Wissenschaftlern der Fall - dient einer Sache, die ihn zu höherem beflügelt. Auch ein Schriftsteller lässt nicht unversehens um fünf den Griffel fallen, weil die Zeit nun um ist, oder ein Mahler, oder ein Architekt, der an einem genialen Entwurf knobelt. Vielleicht erkennen Sie den Unterschied.

Bleibt sie als einzige bis spät nachts im Labor?

Lieber ahlibaba2,

wie kommen Sie darauf, dass sie die einzige ist, die lange arbeitet? Jeder der sich im Wissenschaftsbetrieb ein wenig auskennt weiß, das es bei dieser Thematik keinen Unterschied zwischen Einheimischen und Zugezogenen gibt. Zumal man bei einer Doktorarbeit einen normalerweise auf drei Jahre zeitlich befristeten Arbeitsvertrag hat, der keinen Schlendrian zulässt. Wer in drei Jahren fertig werden will, muss eben ranklotzen, da haben es die Einheimischen auch nicht leichter - kein Grund also zur Aufregung bzw. zur Kritik. Und falls doch, dann an dem System als solches, welches Ausbeutung in dieser Art und Weise zulässt!

@ahlibaba2

Waren Sie schon mal am Forschungszentrum Juelich? oder Haben Sie schon mal eine Doktorarbeit geschrieben?

Wenn Sie eine dieser Fragen mit "Ja" beantworten könnten, wüssten Sie, dass die Aussage der Doktorandin sogar sehr glaubwürdig ist.

Es ist zwar richtig, dass man als ausländische Doktorandin in der Regel weniger Kontakt zur Bevölkerung hat, so dass man eher mal abends länger bleibt, weil in der Kneipe kein Stammtisch wartet.

Richtig ist aber auch, dass es bei dieser Art von Tätigkeit, nämlich der Forschung, die eigene Motivation *der* entscheidende Antrieb ist. Im Gegenzug muss sie nicht Tag für Tag dieselben Routineaufgaben im Akkord erledigen.

@ 2 ahlibaba 2

Verstehen tu ich Ihr Argument, aber ob sie da so Recht haben?. Die Menschen, die den Mut haben zu wandern, sind auch sehr spontan. Und m. E. ist Deutschland in dem Sinne zu bürgerlich, weil die Möglichkeiten dazu für die Nachkommenden immer weniger und teurer werden.

Und das ist auch der Tatsache geschuldet, dass zu Viele zu sehr "auf die Uhr schauen". Und das sind nicht die Geringverdiener, Prekären oder Migranten.

Dissertation

Ich bin mir sicher, dass sie nicht die Einzige ist, die bis spaet in die Nacht im Labor arbeitet. Wenn man eine Doktorarbeit in einem naturwissenschaftlich-analytischen Bereich schreibt, dann gehoeren Nachtschichten oft dazu.

Schade an der Situation in DLand ist, dass sich die ganze harte Arbeit oftmals hinterher nicht lohnt. Jemand der nach dem Master/Diplom bei einem Konzern eingestiegen ist, hat dann evtl. schon 4-6 Jahre auf dem Buckel und wird dem entsprechend bezahlt und befoerdert. Ein Dr. Titel macht dann keinen Unterschied mehr.
Und auf eine gut bezahlte akademische Laufbahn darf man als Doktorand ohnehin nicht mehr hoffen - besonders nicht, wenn man auch noch Familie haben will.

Meinen Sie Gustav Mahler?

Wenn Sie folgendes behaupten: "Auch ein Schriftsteller lässt nicht unversehens um fünf den Griffel fallen, weil die Zeit nun um ist, oder ein Mahler, oder ein Architekt, der an einem genialen Entwurf knobelt."

Ich darf Ihnen da widersprechen:- ich lege punkt 10 Uhr meinen Füllfederhalter beiseite und lese ersteinmal die Zeitungen.
Die genaue Zeitdisziplin ist für jeden schöpferisch Tätigen eine Notwendigkeit.

alsoo

ein architekt verdient idr wahres geld.
selbst geniale maler verabscheuen fremdbestimmtes leben.
wenn der berufliche alltag sich mit unter menschenverachtenden umständen darbietet - fällt der griffel sicherlich schon vor zwölf.
sagen sie mal einem hartz4empfänger ins gesicht - seine arbeit sei nicht zu entlohnen allein ob der sozialwirtschaftlichen hintergründe.
die wissenschaft lebt von der vernunft.

@ ahlibaba2

Es ist geradezu erstaunlich, wie man an allem etwas bedenklich und schlecht finden kann. Ich gebe zu bedenken, dass Einstellung von ahlibaba2 geadewegs in die Arbeitswelt der ddr führen wird. Ich weiß, wovon ich rede. Im Übrigen, woher weiß ahlibaba2, dass die junge Polin keine Ansprüche hat? Früher hieß es "...Lehrjahre sind keine Herrenjahre..". Das ist vielleicht tatsächlich etwas altbacken, aber das "Phänomen", dass man als junger Mensch erstmal arbeiten muss, ist nicht neu. Und es ist mit Sicherheit nicht schlecht.
Genau solche Leute, wie die junge Polin, sorgen dafür, dass sich in diesem Land etwas bewegt, dass es vorwärts geht. Und es ist schön zu lesen, dass zumindest die jungen Polen offenbar ganz gern in Deutschland leben.

Danke, ZEIT, für den Artikel.

Gesellschaft fällt vom Himmel

"Genau solche Leute, wie die junge Polin, sorgen dafür, dass sich in diesem Land etwas bewegt, dass es vorwärts geht. Und es ist schön zu lesen, dass zumindest die jungen Polen offenbar ganz gern in Deutschland leben."

Wäre dies logisch nicht etwas widersinnig eine momentane Erstarrung zu diagnostizieren, die dann durch eingewanderte Polen zu einer dynamischen (Aufwärts-)Bewegung aufgebrochen werden soll - und gleichzeitig darüber zu berichten, dass hierzulande die Studien-, Forschungs- und Lebens-Bedingungen besser als in Polen seien - wer hat dann bitteschön diese tollen freien und fortschrittsorientierten Lebensbedingungen hierzulande geschaffen - es darf gehofft werden, dass zumindest Spurenelemente des demokratischen und wissenschaftlichen Engagements der bundesdeutschen Bevölkerung - auch von Polen - entdeckt werden, durch die hierzulande Wiedervereinigung, Einwanderung und Islamisierung so mal eben weggesteckt worden sind.

Es bestätigt

auch meinen Eindruck, dass es v.a. in der jungen Generation Polens eine erfrischende Offenheit Deutschland gegenüber gibt.
Nicht umsonst gehören Polen zu den größten Einwanderergruppen nach D.
Berlin gehört zu einer der beliebtesten Destinationen junger Polen.

Das ist Balsam, wenn man manche hitzige Diskussionen hierzulande zum deutsch-polnischen Verhältnis durchkauen musste;-)