EnergiewendeBürger fürchten sich vor Elektrosmog

Schleswig-Holstein will das Stromnetz möglichst rasch ausbauen. Das geht nur im Konsens mit den Bürgern. Doch die sorgen sich um ihre Gesundheit.

Schleswig-Holstein benötigt rund 600 Kilometer neue 380-kv-Stromleitungen.

Schleswig-Holstein benötigt rund 600 Kilometer neue 380-kv-Stromleitungen.

Kay Evers hat Angst vor dem Unsichtbaren, vor elektromagnetischen Feldern. Der Landwirt aus Norderwöhrden lebt mit seiner Familie auf einem alten Hof nahe Heide/Holstein. Weite Felder, weiter Blick, weite Pampa. Idylle Pur.

Wenn da nur nicht der Ausbau des Stromnetzes wäre. Genau über seinen Hof hinweg könnte zukünftig eine Höchstspannungsleitung verlaufen. So sehen es zumindest die ersten Vorplanungen des Stromnetzbetreibers Tennet vor. Riesige, 60 Meter hohe Masten würden dann Stromkabel über sein Wohnhaus spannen. "Gar nicht gut" findet das der 47-Jährige, der auch Bürgermeister des Ortes ist. "Man kann doch die Gefahren durch Elektrosmog gar nicht abschätzen."

Anzeige

So wie Evers denken zurzeit viele Menschen in Schleswig-Holstein. Das zeigen die Bürgerkonferenzen zum Stromnetzausbau, die die Landesregierung seit Herbst vergangenen Jahres in der Region organisiert. Kaum ein Friese oder Dithmarscher stellt die neue Leitung grundsätzlich in Frage, schließlich profitieren die meisten vom Ausbau der Windenergie und sind oft selbst an Bürgerwindparks beteiligt.

Aber Sorgen machen sie sich trotzdem. Und kein anderes Thema treibt die Bürger mehr um als die gesundheitlichen Gefahren elektromagnetischer Felder, salopp gesagt: Elektrosmog. Das zeigt auch eine aktuelle Auswertung von mehr als 200 Bürgerfragen, die die Landesregierung vergangene Woche präsentierte.

Das Thema ist sensibel, denn es betrifft die Gesundheit der Bürger. Die Brisanz ist auch der Landesregierung bewusst, die einen massiven Ausbau des Stromnetzes plant. Mehr als 600 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen benötigt Schleswig-Holstein, um den produzierten Windstrom abzutransportieren. Das entspricht der Entfernung Hamburg-Nürnberg. Wie kein anderes Bundesland macht Schleswig-Holstein Tempo (siehe Kasten). Bis 2019 soll etwa die Westtrasse stehen, die entlang der Nordsee zwischen Brunsbüttel und Niebüll den Windstrom einsammeln soll.

Windenergie im Norden

Die Landesregierung plant einen massiven Ausbau der Windenergie. In den kommenden Jahren verdoppelt sich in Schleswig-Holstein die Fläche, die für Windparks vorgesehen ist, auf 1,5 Prozent der Landesfläche. Die Folge: Allein in den kommenden vier Jahren wird die das Windpotenzial an Land verdreifachen, auf etwa 9.000 Megawatt. Zählt man noch die Windanlagen auf See hinzu, könnte sich sogar die Kapazität vervierfachen. Dieser Strom muss in die Verbrauchszentren nach Süddeutschland abtransportiert werden.

Das Schnellverfahren

Damit der Netzausbau zügiger voranschreitet, haben die Landesregierung, die Netzbetreiber und die Verwaltungen eine Beschleunigungsvereinbarung beschlossen. In nur vier Jahren, im Jahr 2015, soll bereits mit dem Bau einer Höchstspannungsleitung an der Westküste begonnen werden - ein ambitioniertes Unterfangen. Insgesamt benötigt das Land rund 600 Kilometer neue Höchstspannungsleitung. Um die Planungen zu beschleunigen, können die Netzbetreiber zwei Planungsverfahren (das Raumordnungsverfahren und das Planfeststellungsverfahren) kombinieren. Vier Landkreise, darunter Dithmarschen, bilden eine Pilotregion. Hier beteiligen Netzbetreiber und Verwaltungen die Bürger in einem informellen Verfahren.

Die Info-Kampagne

Seit September 2011 informiert die Landesregierung zusammen mit den Netzbetreibern auf Regionalkonferenzen über die Ausbaupläne im Stromnetz. Dies geschieht, bevor die offiziellen Planungen begonnen haben. So können Bürger noch ihre Einwände und Wünsche geltend machen. Per E-mail konnten sie sich bis Ende 2011 direkt an das Wirtschaftsministerium wenden – eine Auswertung der Bürgerfragen findet sich auf den Seiten des Wirtschaftsministeriums. Die Veranstaltungen stoßen – trotz der vielen technischen Details – auf großes Interesse in der Bevölkerung.

ZEIT ONLINE begleitet den ambitionierten Netzausbau in Schleswig-Holstein und berichtet seit Herbst 2011 regelmäßig darüber. Die aktuellsten Artikel finden Sie hier.

Um den ehrgeizigen Zeitplan einzuhalten, kommt es vor allem auf die Bürger an. Nur wer von der neuen 380-kv-Leitung vor seiner Haustür überzeugt ist, wird den Bau nicht mit einer Klage verzögern. Sieben Bürgerkonferenzen hat Kiel bereits organisiert, um die Anwohner zu informieren und über Elektrosmog aufzuklären.

An eine Physikstunde erinnert denn auch der Vortrag von Johannes Grützner, Referatsleiter im Kieler Umweltministerium. Die Deutsche Umwelthilfe und der Landkreis Dithmarschen haben ihn an diesem Abend in den Festsaal Zur Erheiterung eingeladen, um über Elektrosmog zu sprechen. Strahlenspezialist Grützner ist in seinem Element, er spricht von "felderzeugten Körperstromdichten", jongliert mit Fachbegriffen wie Mikrotesla, Kilovolt und Hertz. Die Dithmarscher hören ihm mit stoischer Regungslosigkeit zu. Kaum einer traut sich am Ende noch eine Frage zu stellen.

Leserkommentare
    • FZ
    • 28.02.2012 um 15:47 Uhr

    "Ein Meter Erdkabel kann bis zu sieben Mal so teuer sein wie ein Kilometer Freilandleitung."

    Im Ernst? Oder steckt da der Fehlerteufel drin?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kann schon hinkommen, ein Meter lang, ca 2m tief buddeln kostet. Wohingegen Freinlandleitung salopp gesagt nur "aufgehangen" werden muss. Grüße

    ...eine Bekannte wird gerade verklagt, weil sie auf ihrem(!) Land keine Überlandleitung gebaut haben will.
    Sie hat vorgeschlagen dass der Betreiber unter die Erde geht und sie würde keinerlei Entschädigung verlangen, aber der Betreiber meint, dass es eben 7x so teuer sei wie Überland.
    Urteil steht noch aus...

    Redaktion

    Lieber MaxEmilJan,

    nein. Es muss natürlich an beiden Stellen Kilometer heißen. Wir haben den Fehler korrigiert.

    Danke für den Hinweis.

    Herzlichen Gruß aus der Redaktion,

    Marcus Gatzke

    Ausserdem wirds ziemlich teuer, wenn die Leitung mal kaputt geht. Dann heisst es: mühsam die beschädigte stelle unter der erde suchen, ausgraben, flicken, wieder eingraben. Nicht nur teuer, sondern auch sehr zeitintensiv.

    Kann schon hinkommen, ein Meter lang, ca 2m tief buddeln kostet. Wohingegen Freinlandleitung salopp gesagt nur "aufgehangen" werden muss. Grüße

    ...eine Bekannte wird gerade verklagt, weil sie auf ihrem(!) Land keine Überlandleitung gebaut haben will.
    Sie hat vorgeschlagen dass der Betreiber unter die Erde geht und sie würde keinerlei Entschädigung verlangen, aber der Betreiber meint, dass es eben 7x so teuer sei wie Überland.
    Urteil steht noch aus...

    Redaktion

    Lieber MaxEmilJan,

    nein. Es muss natürlich an beiden Stellen Kilometer heißen. Wir haben den Fehler korrigiert.

    Danke für den Hinweis.

    Herzlichen Gruß aus der Redaktion,

    Marcus Gatzke

    Ausserdem wirds ziemlich teuer, wenn die Leitung mal kaputt geht. Dann heisst es: mühsam die beschädigte stelle unter der erde suchen, ausgraben, flicken, wieder eingraben. Nicht nur teuer, sondern auch sehr zeitintensiv.

  1. Kann schon hinkommen, ein Meter lang, ca 2m tief buddeln kostet. Wohingegen Freinlandleitung salopp gesagt nur "aufgehangen" werden muss. Grüße

    Antwort auf "Faktor 7.000?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    noch echt "schön gerechnet". da werden wohl mehr nötig sein, wenn die normalerweise zig dutzend meter über dem boden hängen...

    noch echt "schön gerechnet". da werden wohl mehr nötig sein, wenn die normalerweise zig dutzend meter über dem boden hängen...

  2. ...eine Bekannte wird gerade verklagt, weil sie auf ihrem(!) Land keine Überlandleitung gebaut haben will.
    Sie hat vorgeschlagen dass der Betreiber unter die Erde geht und sie würde keinerlei Entschädigung verlangen, aber der Betreiber meint, dass es eben 7x so teuer sei wie Überland.
    Urteil steht noch aus...

    Antwort auf "Faktor 7.000?"
  3. noch echt "schön gerechnet". da werden wohl mehr nötig sein, wenn die normalerweise zig dutzend meter über dem boden hängen...

  4. Erkabel haben zwar viel hoehere Investionskosten als Freileitungen, sind aber im Betrieb billiger und effizienter (weniger Verlust).
    In Summe sind die Gesamtkosten in etwa gleich.
    Wenn man noch den Landschaftsverbrauch mit einrechnet ist die Loesung klar: Erdkabel.
    Ausserdem sind sie viel einfacher und schneller im Genehmigungsverfahren.
    Aber das kurzfristige Denken der Netzbetreiber verhindert die bessere Loesung.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • JK009
    • 28.02.2012 um 16:05 Uhr

    Wie kommen Sie darauf, dass Erdkabel weniger Verlustbehaftet sind? Das Material bleibt ja wohl das gleiche.

    Dem kann ich nicht wirklich zustimmen. Wenn ich die Wahl habe zwischen 1km Erdkabel verlegen und 1km Freiland werde ich sicher nicht lange überlegen. Auch der 'Energieverlustunterschied' ist minimal. Hinzu kommt, dass die Wartung bei Freilandleitungen wesentlich einfacher ist als alles wieder rausgraben und wieder eingraben (auch ein Tick schneller (-; ).

    Warum soll sich der Preis beider im Betrieb unterscheiden?

    • tobmat
    • 28.02.2012 um 16:17 Uhr

    "In Summe sind die Gesamtkosten in etwa gleich."
    Können sie das auch belegen? Insbesondere die Wartungskosten sind für Erdkabel wesentlich höher als für Freileitungen.

    "Ausserdem sind sie viel einfacher und schneller im Genehmigungsverfahren."
    Dafür hätte ich auch gerne eine Quelle. Im Artikel steht nämlich etwas anderes:

    "Nur für vier Pilotprojekte in Deutschland sieht das Energieleitungsausbaugesetz Erdkabel vor"

    @naemberch Hast du eine Quelle dafür?

    Eine recht anschauliche Untersuchung findet sich hier:
    http://tinyurl.com/7dhupnf
    Demnach sind Erdkabel im Übertragungsnetz zu aufwendig und damit teuer.

    • JK009
    • 28.02.2012 um 16:05 Uhr

    Wie kommen Sie darauf, dass Erdkabel weniger Verlustbehaftet sind? Das Material bleibt ja wohl das gleiche.

    Dem kann ich nicht wirklich zustimmen. Wenn ich die Wahl habe zwischen 1km Erdkabel verlegen und 1km Freiland werde ich sicher nicht lange überlegen. Auch der 'Energieverlustunterschied' ist minimal. Hinzu kommt, dass die Wartung bei Freilandleitungen wesentlich einfacher ist als alles wieder rausgraben und wieder eingraben (auch ein Tick schneller (-; ).

    Warum soll sich der Preis beider im Betrieb unterscheiden?

    • tobmat
    • 28.02.2012 um 16:17 Uhr

    "In Summe sind die Gesamtkosten in etwa gleich."
    Können sie das auch belegen? Insbesondere die Wartungskosten sind für Erdkabel wesentlich höher als für Freileitungen.

    "Ausserdem sind sie viel einfacher und schneller im Genehmigungsverfahren."
    Dafür hätte ich auch gerne eine Quelle. Im Artikel steht nämlich etwas anderes:

    "Nur für vier Pilotprojekte in Deutschland sieht das Energieleitungsausbaugesetz Erdkabel vor"

    @naemberch Hast du eine Quelle dafür?

    Eine recht anschauliche Untersuchung findet sich hier:
    http://tinyurl.com/7dhupnf
    Demnach sind Erdkabel im Übertragungsnetz zu aufwendig und damit teuer.

  5. Redaktion
    6. Fehler

    Lieber MaxEmilJan,

    nein. Es muss natürlich an beiden Stellen Kilometer heißen. Wir haben den Fehler korrigiert.

    Danke für den Hinweis.

    Herzlichen Gruß aus der Redaktion,

    Marcus Gatzke

    Antwort auf "Faktor 7.000?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sicher, dass wenn Sie über eine Strecke von 10km Erdboden ausheben, Leitung verlegen und wieder schließen nur 7x mehr bezahlen als 10km Freilandleitung zu verlegen? Klingt wenig, aber danke für die Info, falls dem wirklich so ist. Wahrscheinlich muss ich das in Dimensionen abstufen.

    Sicher, dass wenn Sie über eine Strecke von 10km Erdboden ausheben, Leitung verlegen und wieder schließen nur 7x mehr bezahlen als 10km Freilandleitung zu verlegen? Klingt wenig, aber danke für die Info, falls dem wirklich so ist. Wahrscheinlich muss ich das in Dimensionen abstufen.

  6. Neulich in der Süddeutschen gelesen: Zuckerkügelchen gegen Elektrosmog Sollen die doch einfach ein paar Tonnen Kügelchen kaufen und an die Anrainer verteilen, vielleicht noch eines dieser hübschen Elektrosmog-Abschirm-Beutelchen, damit der Strom die Arzenei auch nicht verdirbt, und alles wird gut...

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wie CDU-Sprecher Gröhe nach der Vorstellung Gaucks beim NRW-Landesverband dem Sender ntv berichtete, verstehe sich der künftige Bundespräsident

    als "Ermutiger", der gegen übertriebene Ängste anargumentieren wolle" und

    "er wolle in seiner Zeit als Bundespräsident den Menschen die Sorge vor neuen Technologien nehmen"

    Alles wird gut!

    Wie CDU-Sprecher Gröhe nach der Vorstellung Gaucks beim NRW-Landesverband dem Sender ntv berichtete, verstehe sich der künftige Bundespräsident

    als "Ermutiger", der gegen übertriebene Ängste anargumentieren wolle" und

    "er wolle in seiner Zeit als Bundespräsident den Menschen die Sorge vor neuen Technologien nehmen"

    Alles wird gut!

  7. "Atomkraft Nein-Danke" und immer her mit den Regenerativen! Wenn dann aber ein Strommast oder Windrad in Blick- und Hörweite des eigenen Vorgartens steht, ist das Gejammere groß.

    Ich unterstelle dies keinesfalls den im Artikel genannten Personen. Jedoch gibt es gerade bei uns in der Gegend mehrere von dieser Sorte...

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Selbstverständlich halten wir in Bayern an der Atomkraft fest, das ist das Sicherste und Beste was wir an Energieerzeugung zu bieten haben. Das Endlager macht aber bitte in einem anderen Bundesland..."

    Mich stören Windräder in der Landschaft nicht, ich finde sie sogar ästhetisch ansprechend. Der Vater meiner Frau hat auf dem Feld hinterm Haus gleich drei Stück stehen. Und Blick auf das AKW Phillipsburg habe ich von da aus auch. Er erzählte mir, dass sein Haus bei einem Störfall direkt in der Evakuierungszone liegt. Bis jetzt ist nichts passiert und ich hoffe, das bleibt auch so... aber: Wenn eines der Windräder umfällt, ist die "Evakuierungszone" definitiv kleiner und man kann auch schneller wieder zurück ohne bleibende Schäden davon zu tragen...

    "Selbstverständlich halten wir in Bayern an der Atomkraft fest, das ist das Sicherste und Beste was wir an Energieerzeugung zu bieten haben. Das Endlager macht aber bitte in einem anderen Bundesland..."

    Mich stören Windräder in der Landschaft nicht, ich finde sie sogar ästhetisch ansprechend. Der Vater meiner Frau hat auf dem Feld hinterm Haus gleich drei Stück stehen. Und Blick auf das AKW Phillipsburg habe ich von da aus auch. Er erzählte mir, dass sein Haus bei einem Störfall direkt in der Evakuierungszone liegt. Bis jetzt ist nichts passiert und ich hoffe, das bleibt auch so... aber: Wenn eines der Windräder umfällt, ist die "Evakuierungszone" definitiv kleiner und man kann auch schneller wieder zurück ohne bleibende Schäden davon zu tragen...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service