Kay Evers hat Angst vor dem Unsichtbaren, vor elektromagnetischen Feldern. Der Landwirt aus Norderwöhrden lebt mit seiner Familie auf einem alten Hof nahe Heide/Holstein. Weite Felder, weiter Blick, weite Pampa. Idylle Pur.

Elektrosmog - Angst vor Elektrosmog?

Wenn da nur nicht der Ausbau des Stromnetzes wäre. Genau über seinen Hof hinweg könnte zukünftig eine Höchstspannungsleitung verlaufen. So sehen es zumindest die ersten Vorplanungen des Stromnetzbetreibers Tennet vor. Riesige, 60 Meter hohe Masten würden dann Stromkabel über sein Wohnhaus spannen. "Gar nicht gut" findet das der 47-Jährige, der auch Bürgermeister des Ortes ist. "Man kann doch die Gefahren durch Elektrosmog gar nicht abschätzen."

So wie Evers denken zurzeit viele Menschen in Schleswig-Holstein . Das zeigen die Bürgerkonferenzen zum Stromnetzausbau, die die Landesregierung seit Herbst vergangenen Jahres in der Region organisiert. Kaum ein Friese oder Dithmarscher stellt die neue Leitung grundsätzlich in Frage, schließlich profitieren die meisten vom Ausbau der Windenergie und sind oft selbst an Bürgerwindparks beteiligt.

Aber Sorgen machen sie sich trotzdem. Und kein anderes Thema treibt die Bürger mehr um als die gesundheitlichen Gefahren elektromagnetischer Felder, salopp gesagt: Elektrosmog. Das zeigt auch eine aktuelle Auswertung von mehr als 200 Bürgerfragen, die die Landesregierung vergangene Woche präsentierte.

Das Thema ist sensibel, denn es betrifft die Gesundheit der Bürger. Die Brisanz ist auch der Landesregierung bewusst, die einen massiven Ausbau des Stromnetzes plant. Mehr als 600 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen benötigt Schleswig-Holstein, um den produzierten Windstrom abzutransportieren. Das entspricht der Entfernung Hamburg-Nürnberg. Wie kein anderes Bundesland macht Schleswig-Holstein Tempo (siehe Kasten). Bis 2019 soll etwa die Westtrasse stehen, die entlang der Nordsee zwischen Brunsbüttel und Niebüll den Windstrom einsammeln soll.

Um den ehrgeizigen Zeitplan einzuhalten, kommt es vor allem auf die Bürger an. Nur wer von der neuen 380-kv-Leitung vor seiner Haustür überzeugt ist, wird den Bau nicht mit einer Klage verzögern. Sieben Bürgerkonferenzen hat Kiel bereits organisiert, um die Anwohner zu informieren und über Elektrosmog aufzuklären.

An eine Physikstunde erinnert denn auch der Vortrag von Johannes Grützner, Referatsleiter im Kieler Umweltministerium. Die Deutsche Umwelthilfe und der Landkreis Dithmarschen haben ihn an diesem Abend in den Festsaal Zur Erheiterung eingeladen, um über Elektrosmog zu sprechen. Strahlenspezialist Grützner ist in seinem Element, er spricht von "felderzeugten Körperstromdichten", jongliert mit Fachbegriffen wie Mikrotesla, Kilovolt und Hertz. Die Dithmarscher hören ihm mit stoischer Regungslosigkeit zu. Kaum einer traut sich am Ende noch eine Frage zu stellen.