Der Sieger von heute ist der Verlierer von morgen. Und umgekehrt. Mit Hilfe dieser Formel lassen sich Tarifabschlüsse erklären. 2008, trotz Krise, setzte die IG Metall eine fette Einkommenserhöhung durch. 2010, trotz Ende der Krise, gab es dann kaum mehr Geld für die Metaller. In diesem Jahr schlägt das Pendel wieder zurück. "Die Arbeitnehmer sind geduldig gewesen", erinnert der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber in Frankfurt am Main an die vergangenen Jahre. Die Geduld war auch erforderlich, weil die Gewerkschaftsspitze bei der Einschätzung der Krise falsch lag, wie Huber jetzt einräumt: "Wir hatten uns für ein U entschieden, doch es wurde ein V." Nach dem Absturz ging es sofort wieder bergauf mit der Wirtschaft, viele Unternehmen erreichten Rekordgewinne, doch bei den Metallarbeitern kam der Aufschwung nicht so richtig an. Das soll sich nun ändern.

Diskutiert wurden in den vergangenen Wochen Forderungen zwischen 5,5 und 7,5 Prozent, bisweilen gab es sogar zweistellige Prozentwünsche. Die am Dienstag vom Vorstand beschlossenen 6,5 Prozent wirken deshalb auch wie eine Erwartungsbremse und beinahe bescheiden. Doch es geht nicht allein ums Geld. Die IG Metall will per Tarifvertrag die Firmen zur unbefristeten Übernahme aller Ausgebildeten verpflichten und schließlich die Leiharbeit stärker regulieren und besser bezahlen. "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" – mit dieser Parole müssen die Arbeitgeber sich in diesem Frühjahr auseinandersetzten, weil die größte deutsche Gewerkschaft sich die "Zivilisierung des Arbeitsmarktes" auf die rote Fahne geschrieben hat. "Der Arbeitsmarkt ist kein Kartoffelmarkt", sagt Huber. Der Mensch sei keine Ware.

Mehr Geld wird es geben – für den "normalen" Metallbeschäftigten ebenso wie für den Leiharbeiter, das hat Martin Kannegiesser , Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, schon signalisiert. Wie viel genau wird voraussichtlich bis Mai ausgehandelt. Was den Arbeitgebern aber überhaupt nicht passt, sind die beiden anderen Streitpunkte, also die Azubi-Übernahme und ein Mitbestimmungsrecht der Betriebsräte beim Einsatz von Leiharbeitern. Kannegiesser sieht die unternehmerische Freiheit eingeschränkt und befürchtet einen Rückschlag beim Ausbildungsengagement. Das Ausbildungsthema dürfte nach dem Vorbild der Stahlindustrie zu lösen sein. Dort gibt es seit letztem Herbst eine Übernahmeverpflichtung – inklusive Ausnahmetatbeständen, die den Betrieben reichlich Spielräume lassen.

Leiharbeit ist komplizierter. Seit Jahren ärgert sich die IG Metall über die Zustände in der Leiharbeit. Mit einer aufwändigen Kampagne konnte die Gewerkschaft inzwischen 38.000 Leiharbeiter organisieren – von rund 300.000, die schätzungsweise in der Metall- und Elektroindustrie beschäftigt sind. Die Einkommensunterschiede betragen bei angelernten Kräften rund 1.000 Euro im Monat. "Das Thema Leiharbeit steht uns hier oben", sagt Huber und zeigt auf die Unterkante seiner Oberlippe. Man sei "betrogen" worden, denn Politik und Arbeitgeber hätten die Leiharbeit als Flexibilisierungsinstrument gepriesen, doch tatsächlich gehe es um "schändliche" Lohndrückerei. "Wir akzeptieren nicht mehr, dass Leiharbeit genutzt wird, um Stammarbeitskräfte zu verdrängen."

Dazu fährt die IG Metall eine Doppelstrategie: In den Tarifverhandlungen mit den Metallarbeitgebern sollen die Kompetenzen der Betriebsräte erweitert werden. Da die Mitbestimmung für Huber ein "Stabilitätsfaktor der Wirtschaft" ist und sich "niemand so stark an langfristigen Unternehmensinteressen orientiert wie die Arbeitnehmer", ist eine Ausweitung dieser Mitbestimmung beim Einsatz von Leiharbeitnehmer nur folgerichtig. Der zweite Punkt betrifft das Geld: Mit den Arbeitgeberverbänden der Leiharbeitsbranche verhandelt die IG Metall über Branchenzuschläge. Zusätzlich soll es Zulagen geben für die Zeitarbeitskräfte, die in den Betrieben, also von Geschäftsführern und Betriebsräten festzulegen sind. Die Summe aus Grundgehalt, Branchenzuschlag und betrieblicher Zulage könnte dann equal pay ergeben, also gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Erschienen im Tagesspiegel