ZEIT ONLINE: Herr Panagopoulus, in Athen streiken Zehntausende Menschen , um gegen Lohnkürzungen zu protestieren. Sie sind Präsident des größten Gewerkschaftsbundes für die privaten Unternehmen (GSSE). Warum halten Sie sich in dieser Situation in Deutschland auf?

Ioannis Panagopoulos: Der Streik wurde erst am Montag beschlossen. Offenbar versucht die Troika die griechische Regierung zu erpressen, statt mit ihr zu verhandeln. Unsere Regierung muss die Forderungen von Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und EU annehmen, um weitere Kredite zu bekommen. Es wird Zeit, dass die deutsche Öffentlichkeit erfährt, was in Griechenland wirklich geschieht!

ZEIT ONLINE: Gegen welche Forderungen der Troika richtet sich ihr Protest?

Panagopoulos: Die internationalen Geldgeber fordern Einschnitte bei den Gehältern im privaten Sektor. Das Lohnniveau soll generell um 20 bis 30 Prozent sinken. Dabei sind die Löhne bereits um 14 Prozent gekürzt worden. Auch soll Griechenland seinen Mindestlohn absenken. Auf das Jahr gerechnet beträgt dieser im Moment rund 10.000 Euro brutto. Zieht man alle Sonderabgaben ab, bleibt etwa die Hälfte übrig – also 5.000 Euro. Die Menschen können nicht mehr von dem Geld leben, das sie verdienen.

ZEIT ONLINE: Ihre Gewerkschaft fordert, dass das 13. und 14. Monatsgehalt auf keinen Fall gestrichen werden darf. In Deutschland gibt es darüber Verwunderung. Dort zahlen viele Unternehmen nicht einmal mehr das 13. Monatsgehalt.

Panagopoulos: Es geht nicht um 13, 14 oder 20 Gehälter. Es geht um die Höhe des Jahresgehalts insgesamt. Wenn wir das Lohnniveau in Griechenland mit dem gesamteuropäischen Niveau vergleichen, zeigt sich: Das Durchschnittsgehalt in Griechenland ist in der Krise von etwa 80 auf weniger als 70 Prozent des europäischen Niveaus gefallen. In der untersten Gehaltsstufe verdienen die Menschen sogar nur 52 Prozent des EU-Durchschnitts. Auf der anderen Seite ist das Preisniveau deutlich höher als der europäische Durchschnitt. In Griechenland zahlen sie für einen Liter Milch momentan 1,56 Euro.

ZEIT ONLINE: Die Gewerkschaften halten die Sparvorschläge für falsch. Was bieten Sie als Alternative an?

Panagopoulos: Wir sagen nicht kategorisch Nein. Wir haben auch nichts gegen eine solidere Haushaltsführung , vor allem im öffentlichen Sektor. Das ist sogar dringend notwendig. Aber dieser überzogene Sparzwang zerstört die Produktivität nicht allein in Griechenland, sondern auch in anderen Teilen Europas. Diese Politik führt direkt in die Rezession und zu steigender Arbeitslosigkeit.

ZEIT ONLINE: Ihr Land steckt in einer schweren wirtschaftlichen Krise.

Panagopoulos:Wir sind im fünften Jahr der Rezession. Nicht einmal während oder nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in unserem Land eine derart lange und tiefe Wirtschaftskrise. Nach jüngsten Schätzungen wird die griechische Wirtschaft in diesem Jahr nicht um 3,5 Prozent, sondern sogar um mehr als acht Prozent schrumpfen. Die Sparmaßnahmen müssen also kombiniert werden mit einem Programm der wirtschaftlichen Entwicklung. Dazu gibt es bisher nichts Konkretes.