Die Frage lag auf der Hand, die Antwort war entwaffnend. "Warum haben sich die Finanzminister der Euro-Gruppe überhaupt getroffen?", wollte ein Journalist wissen, nachdem der Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker , in Brüssel kurz vor Mitternacht erläutert hatte, dass über Griechenland zwar beraten, aber nichts entschieden worden sei. "Wenn wir die Sitzung nicht angesetzt hätten", entgegnete Juncker kühl, "glaube ich nicht, dass heute morgen in Athen eine Einigung erzielt worden wäre."

So weit ist es also gekommen: 16 Finanzminister müssen nach Brüssel reisen, damit sich die Parteien in Athen zu weiteren Anstrengungen verpflichten. Keine Frage, der Ton, den die anderen Europäer gegenüber der Regierung in Athen anschlagen, ist in den vergangenen Wochen rauer geworden, die Nerven sind arg strapaziert. Und dass die Regierungsparteien in Athen die EU seit Tagen hinhalten, hat das ohnehin geringe Vertrauen weiter untergraben. Aus dem Ringen um Griechenland ist längst ein Ringen mit Griechenland geworden.

Und doch sollte man sich von dem Frust, den selbst Juncker kaum noch verbirgt, nicht täuschen lassen. Die Atmosphäre zwischen Brüssel und Athen ist frostig, doch die gegenseitige Abhängigkeit bleibt groß. Die bisherige Rettungspolitik wird daher fortgesetzt werden, wenn auch unter verschärften Bedingungen.

Drei Forderungen haben die Finanzminister ihrem griechischen Kollegen Evangelos Venizelos mit auf den Weg gegeben. Zunächst muss das griechische Parlament am kommenden Sonntag einer Reihe von Gesetzen zustimmen, die den Weg für weitere Reformen und Einsparungen freimachen. Dann muss die Regierung bis spätestens Mittwoch Vorschläge vorlegen, wie sie weitere 225 Millionen Euro einsparen will. Die Summe entspricht offensichtlich der ursprünglich geforderten Kürzung von Zusatzrenten, auf die sich die Vorsitzenden der Regierungsparteien bislang nicht einigen konnten. Schließlich sollen sich alle drei Regierungsparteien verbindlich zu dem neuen Reform- und Sparprogramm bekennen; in welcher Form, ließ Juncker offen. Erst wenn diese drei Forderungen erfüllt sind, bekommt Griechenland frisches Geld. "Es können nicht immer Versprechungen gemacht werden, ohne dass sie umgesetzt werden", so Juncker. Es gebe "keine Auszahlung, bevor nicht implementiert wird".

Zugleich ließ der Euro-Gruppenchef allerdings wenig Zweifel daran, wie die Sache ausgehen wird. Auf die Frage, was geschehe, wenn das Parlament in Athen nicht zustimme, antwortete er knapp: "Das griechische Parlament wird nicht gegen das Programm stimmen." Auch sonst zeichnet sich eine Verständigung ab. Das Abkommen zwischen der griechischen Regierung und den Banken über einen Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger sei "fast unter Dach und Fach", teilte EU-Währungskommissar Olli Rehn mit. Die EU-Kommission sei mit dem Ergebnis "sehr zufrieden". Zahlen nannte er allerdings nicht. Nach den Vorgaben der Regierungschefs sollen die Banken auf mindestens 100 Milliarden Euro verzichten. Wahrscheinlich wird auch die Europäische Zentralbank (EZB), die griechische Anleihen im Wert von etwa 55 Milliarden Euro hält, einen Teil beitragen.

Wie es nun weitergeht? Am kommenden Mittwoch werden sich die Finanzminister der Eurogruppe erneut in Brüssel treffen. Sie werden Griechenland dann noch einmal 130 Milliarden Euro bis 2020 zusagen – und hoffen, dass dort endlich etwas Ruhe einkehrt. Denn noch mehr, das wissen sie, werden sie Athen nicht abverlangen können. Souverän ist das Land ohnehin nur noch auf dem Papier. Und mit jedem weiteren Schritt riskieren die Partner das, was sie eigentlich verhindern wollen, trotz aller Missstimmungen: eine unkontrollierte Pleite.