SchuldenkriseGebt Griechenland eine Chance!

Auch nach dem neuen Hilfsprogramm gilt: Europa muss den Griechen eine Chance innerhalb der Währungsunion geben – selbst wenn das teuer wird. Ein Kommentar von 

Niemand kann sagen, ob Griechenland mit dem nun vereinbarten neuen Hilfspaket gerettet ist. Die Herausforderungen, vor denen das Land steht – der neueste Bericht der Troika hat es noch einmal deutlich gemacht – sind enorm.

Selbst wenn alles gut geht, wird der Schuldenstand nach den aktuellen Projektionen im Jahr 2020 die jährliche Wirtschaftsleistung erheblich übersteigen – obwohl die privaten Gläubiger massiv auf ihre Forderungen verzichten . Griechenlandanleihen sind praktisch nichts mehr wert, Hauptgläubiger des Landes wird schon bald die Staatengemeinschaft sein. Die Banken sind von den Vertretern der EU regelrecht vorgeführt worden, soviel zur Macht des globalen Geldgewerbes.

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Das alles ist noch das Positivszenario. Wenn die Wirtschaft nicht wie erwartet anspringt oder die Privatisierungen stocken, wird der Schuldenstand Griechenlands regelrecht explodieren. Die Griechen wären für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, auf Finanzhilfe angewiesen.

Niemand kann also sagen, ob es aus rein ökonomischer Sicht nicht doch besser wäre, Griechenland würde auf den Euro verzichten . Die Griechen müssten in diesem Fall ebenfalls Hilfsgelder erhalten, weil die neu eingeführte Drachme abwerten und die zu erwartende Kapitalflucht den Finanzsektor zerstören würde. Zusätzlich würde das Land sich zunächst wichtige Importe wie Öl oder Medikamente nicht mehr leisten können. Immerhin besteht die Hoffnung, dass die Billigwährung der Exportindustrie zugute kommt. Schon bald werden die Rettungstöpfe so gut gefüllt sein, dass eine Ausbreitung der Krise auf Spanien oder Italien verhindert werden kann. Dann also raus mit den Griechen?

Es gibt ein gewichtiges Argument gegen diesen Weg. Es ist nicht ökonomischer, sondern politischer Natur. Die Griechen wollen den Euro behalten. Eine große Mehrheit der Bevölkerung will die Sanierung innerhalb des Währungsraums schaffen – und die Regierung hält ebenfalls daran fest. Und sie ist bereit, dafür auf weitgehende Souveränitätsrechte zu verzichten.

Die Frage ist also, ob die Europäer ein Land verstoßen wollen. Gerade eine deutsche Regierung sollte sich diese Entscheidung nicht leicht machen. Es spricht eine unangenehme Überheblichkeit aus den Empfehlungen deutscher Ökonomen und Manager, die ihrer Forderung nach einem Austritt Griechenlands Legitimität verleihen, indem sie diesen als das ureigenste Interesse des Landes darstellen. Die Griechen können selbst rechnen. Sie haben sich die Erfahrung Argentiniens nach der Staatspleite angesehen und fürchten das Chaos, dass der Bankrott dort ausgelöst hat – auch wenn das Land heute wieder ganz gut dasteht.

Klar ist aber auch: Man muss dem Land eine realistische Überlebenschance im Euro-Raum geben. Das bedeutet: Lockerung der Sparauflagen und Investitionsprogramme. Der Bericht der Troika weist selbst auf die Widersprüchlichkeit der derzeitigen Strategie hin: Je stärker die Löhne gekürzt werden, um die Wirtschaft langfristig wieder wettbewerbsfähig zu machen, desto rasanter der kurzfristige Konjunktureinbruch. Und die Erfahrung lehrt: Die kurze Frist kann ziemlich lange dauern.

Aus deutscher Sicht gilt: Teuer wird es allemal. Entweder fließt das Geld in Rettungsschirme und Hilfsprogramme für einen zerfallenden Staat. Oder es fließt in neue Hilfsprogramme für Griechenland. Man sollte die Griechen unterstützen – solange sie es wollen.

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Leserkommentare
  1. "Es spricht eine unangenehme Überheblichkeit aus den Empfehlungen deutscher Ökonomen und Manager..."

    Falsch. Es spricht vielmehr eine unangenehme Überheblichkeit aus den Empfehlungen deutscher "Qualitäts"-Journalisten, die ihrer Forderung nach immer weiteren deutschen Steuermilliarden für Griechenland Legitimität verleihen, in dem sie diese Milliarden als das ureigenste Interesse unseres Landes darstellen.

    30 Leserempfehlungen
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    • joG
    • 21. Februar 2012 10:58 Uhr

    ....scheint mir aus Ihrem kurzen Beitrag zu sprechen. Mag sein, dass Sie das begründen können, was Sie da sagen. Morgentau hat seine Lösung des deutschen Problems auch sehr nachvollziehbar begründet. Lediglich die Erfahrung mit Versailles warf einen Schatten auf die Folgen solcher Gerechtigkeit.

    • serins
    • 21. Februar 2012 11:08 Uhr

    denn damit wird, ob man es in D wahr haben will oder nicht, die dt. Finanzwirtschaft und auch die französische, sowie der großindustrielle Komplex (Rüstung Bau) in D gestützt. Daher ist es auch alternativlos.
    Bestes Bsp. ist die Coba, es hat sich im Prinzip fundamental nichts geändert, ausser das der dt. Steuerzahler für die Milliardenkredite mit einsteht. Der Kurs der Aktie hat sich in einem Monat fast verdoppelt, da nun die Risiken Dank der Hilfe kleiner geworden sind.
    Also wo sitzen die Nutzniesser.

    Daher den Ball flach halten, denn die Kredite kommen nicht "den" Griechen zu Gute, Parallelen zur Wiederveinigung sind da auch nicht zu übersehen.

    Immer noch eine der besten Analysen findet man in der Haaretz, dort einfach mal nach "The Greek quagmire / Litany of losers" suchen.

    • Peterra
    • 21. Februar 2012 10:44 Uhr

    Erneut wurde ein Haufen Geld in den Peloponnes überwiesen - begleitet von viel Hoffnung, guten Gebeten und dem Wunsch: "es wird schon gut gehen", der allerdings auch nicht wahrscheinlicher wird, wenn man ihn öfter wiederholt.

    Das "Programm", mit dem die Wirtschaft Griechenlands wieder auf die Beine kommen soll - Einsparung öffentlicher Ausgaben, Entlassungen, Gehalts- und Pensionsreduzierungen... ein Gruselkatalog erster Güte.

    Die Folgen - Unruhen, Proteste, Gewalt - führen zu weiter sinkender Produktivität und vor allem zu sozialen Spannungen, die das Land schon in die Nähe eines Bürgerkriegs rücken.

    Das Klima ist für Investoren alles andere als attraktiv, zumal auch der Tourismus auf absehbare Zeit zusammen brechen wird.

    Jeder Kreditgeber dreht irgendwann den Hahn zu. Es ist Zeit für einen Schlußstrich. Je später, desto schmerzvoller.
    Der einzig erfolgversprechende Weg scheint mir der Aufbau eines wirkungsvollen Steuersystems. Doch selbst dies kann dauerhaft das Problem nicht lösen.

    14 Leserempfehlungen
  2. Es ist nicht ökonomischer, sondern politischer Natur. Die Griechen wollen den Euro behalten.

    Ach so, wenn "die Griechen" das wollen, dann ist ja alles in Butter. Ich glaube, "die Griechen" wollen aber auch weiterhin günstige Kredite und EU-Zahlungen, ohne selber irgendwelche Verpflichtungen eingehen zu müssen, von daher sind irgendwelche geäußerten Wünsche nicht viel mehr als warme Luft.

    Wenn man Griechenland im Euro retten kann, ohne dass darunter andere Länder leiden (und nein, damit meine ich nicht nur D), ist es schön und gut, aber ansonsten würde ich mal sagen, dass die Sicherheiten Rest-Europas gegenwärtig einen höheren Stellenwert genießen sollten.

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    "...ohne selber irgendwelche Verpflichtungen eingehen zu müssen". Dann lesen sie erstmal das Memorandum, und dann koennen wir weiterreden....

    Wie gesagt - es war die Rede von dem, was sie wollen. Die griechischen Entscheidungsträger waren sich ja seit ihrem Beitritt nicht zu schade, Hilfen ohne Gegenleistung anzunehmen. Angenommen, die anderen Staaten würden weiter mitspielen - warum sollte das jetzt auf einmal anders sein?

    • ngw16
    • 21. Februar 2012 10:46 Uhr

    >>Niemand kann sagen, ob Griechenland mit dem nun vereinbarten neuen Hilfspaket gerettet ist.

    Doch, eigentlich jeder.
    Es wird nicht reichen.
    Es wird sogar nie reichen.

    Denn so lange die reichen Griechen "ihr" Geld ins Ausland retten, und weiter Steuer hinterziehen können, so lange hat Griechenland keine Chance auf Heilung.
    Denn die griechische Staatsverwaltung besteht faktisch nicht.

    Und hohen Lebensstandard auf Pump, den andere bezahlen sollen, so stolz ist man ja, diese Form der Lebensplanung ist am Ende angelangt.

    19 Leserempfehlungen
  3. Ja.

    Den Griechen ihr Schicksal selbst bestimmen lassen, im Wettbewerb der Nationen.

    Der Eurosozialismus (in Wahrheit ist es die Spitze eines nicht mehr funktionierenden Kaptitalismus) wird ein Ende finden,
    für die Griechen vielleicht zuerst,
    entweder aus eigener Einsicht,
    oder aus anderer Einsicht.

    Gruß Max Stockhaus

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    [Den Griechen ihr Schicksal selbst bestimmen lassen, im Wettbewerb der Nationen.]

    Anders als mit dem "green Buck" haben die einzelnen Währungen dazu geführt, dass die Wettbewerbsvorteile einzelner Staaten aufgebrochen wurden - wenn ein Land nicht mehr den Wettbewerb halten konnte.

    Auch mit einer Einheitswährung kann man das bewerkstelligen, aber mit anderen "Adaptern". Der größte Fehler war es, dass man in der EU den Zoll praktisch aufgelöst und sich keine Grenzen bei Handelsbilanzüberschüssen/-defiziten eingeführt hat.

    • NoG
    • 21. Februar 2012 10:48 Uhr
    6. falsch

    entscheidend ist nicht was die regierung will bzw wozu sie gezwungen wurde (abgabe von souveraenitaetsrechten), sondern was die bevoelkerung will. sie will den euro behalten, behauptet der autor - das mag sein.
    ob sie souveraenitaetsrechte abgeben will, kann man an der kommenden wahl ablesen. wird sie den aktuellen regierungsparteien folgen - dann hat der autor auch hier recht.
    momentan spricht aber nichts dafuer.

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    ...weiß niemand. Weder hat es Informationen zu den Alternativen gegeben, noch öffentliche Diskussionen. Und das Referendum wurde schon im Ansatz abgewürgt.

    Das einzige was bleibt, sind die üblichen tendenziösen Umfragen. Nicht mehr als Momentaufnahmen der gerade laufenden "ohne Euro geht die Welt unter" Propaganda.

    • joG
    • 21. Februar 2012 10:58 Uhr

    ....scheint mir aus Ihrem kurzen Beitrag zu sprechen. Mag sein, dass Sie das begründen können, was Sie da sagen. Morgentau hat seine Lösung des deutschen Problems auch sehr nachvollziehbar begründet. Lediglich die Erfahrung mit Versailles warf einen Schatten auf die Folgen solcher Gerechtigkeit.

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    Antwort auf "Soso..."
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    Sie können die Bedingungen des Vertrags von Versailles nicht mit den Auflagen der Troika gegenüber Griechenland vergleichen.Sie übertreiben masslos.

  4. Und ich verspreche hoch und heilig, dass ich mich an die Abmachung halten werde, die Bevölkerung weiterhin unterdrücke und die Elite in meinem Land nicht anfassen werde.

    Die Korruption und die Armee lasse ich jedoch außen vor, das steht erst gar nicht zur Debatte, denn sonst muss ich ja doch was tun, was auch möglicherweise ein Beispiel machen könnte und das gefällt den anderen EU-Staaten sicher nicht, wenn da jemand plötzlich mit gutem Beispiel voran geht und es auch möglicherweise funktioniert, dann wollen deren Bevölkerungsschichten auch noch nachziehen!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Europäische Union | Chaos | Euro | Griechenland | Import | Kapitalflucht
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