Nachrichten aus einem geteilten Europa : Deutschland steigert die Ausfuhren erstmals auf eine Billion Euro. Die Konjunktur brummt, die Steuereinnahmen wachsen, die Arbeitslosigkeit sinkt, die IG Metall fordert wegen der guten Ertragslage der Unternehmen Lohnerhöhungen von 6,5 Prozent. Deutschland: eine Insel der Seeligen.

Griechenland dagegen: ein Land am Abgrund und in Aufruhr . Die Übergangsregierung beschließt, unter dem Druck der Troika aus EU , EZB und IWF , ein neues drastisches Sparpaket . Die Löhne sollen um 20 bis 30 Prozent sinken. Im öffentlichen Dienst werden bis 2015 150.000 Menschen entlassen. Die Wirtschaft schrumpft, in diesem Jahr vielleicht sogar um mehr als acht Prozent. Das Land steht unverändert vor dem Bankrott.

Das zweite Hilfspaket der EU mit einem Volumen von 130 Milliarden Euro wird dennoch zurückgehalten. Die Euro-Finanzminister zweifeln daran , dass die Regierung Papademos und die sie tragenden Parteien die angekündigten Sparmaßnahmen tatsächlich umsetzen werden. Zu Recht. Denn die bereits beschlossenen Einschnitte gehen nicht auf. Weil sie die Probleme nur verschärfen. Und weil der Widerstand der Griechen gegen das Verarmungsprogramm und die Entmündigung ihres Landes verständlicherweise groß ist.

Ist das die Perspektive eines geeinten Europas? Ein Ursprungsland der abendländischen Kultur und Demokratie , das faktisch zum Brüsseler Protektorat wird – ohne Hoffnung auf Besserung. Ein Kontinent, der sich immer tiefer spaltet in einen wohlhabenden Norden und einen Not leidenden Süden, wo Menschen kaum mehr wissen, wie sie ihr tägliches Brot bezahlen sollen. Während in Deutschland die Regierungskoalition ernsthaft daran denkt, mitten in der schwersten Finanzkrise seit Jahrzehnten die Steuern zu senken.

Doch was auf dem übrigen Kontinent um uns herum geschieht, kann uns nicht egal sein. Nicht allein deshalb, weil es eine gefährliche politische Radikalisierung und Renationalisierung schürt, wie sich schon bei der bevorstehenden Neuwahl in Griechenland zeigen wird.

Sorgen sollten wir uns auch, weil diese verhängnisvolle, von der deutschen Regierung wesentlich vorangetriebene Entwicklung unser eigenes Erfolgsmodell gefährdet: Deutschlands Wirtschaft boomt nur deshalb, weil unsere Unternehmen Geschäfte und Gewinne auf Kosten der schwächeren Länder machen. Weil dort die Löhne im Verhältnis zu der weit schwächeren Produktivität (noch) zu hoch sind, während gleichzeitig aufgrund des gewaltigen Spardrucks die Inlandsnachfrage schrumpft. Wohingegen hierzulande jahrelang maßvolle Tariferhöhungen und die rot-grünen Arbeitsmarktreformen die heimische Wirtschaft so wettbewerbsfähig gemacht haben, dass sie die anderer EU-Länder wie selbst Frankreichs zu erdrücken droht.

Wer aber soll dann in Zukunft noch die deutschen Waren kaufen? Brauchen wir die Krisenstaaten nicht mehr, weil sie nur unser gutes Geld kosten?