ZEIT ONLINE: Vor dem Büro des konservativen US-Ökonomen Gregory Mankiw hat vor einiger Zeit die Occupy-Bewegung demonstriert. Mainstream-Volkswirte seien mitverantwortlich für die Krise. Haben Sie auch schon Demonstranten vor dem Büro?

Michael Burda: Nein. Unsere Studenten haben vielleicht eine etwas rationalere Sicht auf die Funktionsweise der Ökonomie. Und dass es sich in den USA ausgerechnet an Greg Mankiw entlädt, finde ich ein bisschen unfair.

ZEIT ONLINE: Das hohe öffentliche Ansehen der Ökonomen hat seit der Krise aber gelitten.

Burda: Es gibt in vielen Dingen des Lebens Zyklen. Aber die Ökonomie wird manchmal verwechselt mit Wirtschaft. Wir werden gelegentlich als Vertreter der Wirtschaft oder der FDP wahrgenommen. Wenn Sie sich wirklich mit dem Wort Ökonomie beschäftigen – also, dann geht es um Haushalt. Es geht um Ressourcenverwaltung im weitesten Sinne.

ZEIT ONLINE: Die Ressourcen sind in der Krise nicht gerade super verwaltet worden.

Burda: Ich glaube aber, dass die grundsätzliche Kritik an der volkswirtschaftlichen Lehre überhaupt keinen Bestand hat. Es gab immer Stimmen, die sich gegen bestimmte Entwicklungen gewehrt haben. Das war keine Grundsatzkritik am Kapitalismus, sondern einfach: Wie viel freie Hand gibt man den Finanzmärkten, wie viel Selbstaufsicht gesteht man ihnen zu, wohl wissend, dass vor der großen Wirtschaftskrise die gleichen Situationen aufgetreten sind. Auch damals gab es Exzesse, auch damals gab es Zusammenbrüche. Und ebenso gab es damals Gegenbewegungen nach dem Zusammenbruch: Manche wollten am liebsten alle Banker aufhängen. Damals wie heute sind viele einfach geblendet worden von bestimmten Entwicklungen. Die Ökonomen zum Teil auch.

ZEIT ONLINE: Haben Sie den Film Inside Job gesehen?

Burda: Ja, ich habe ihn mit meinen Studenten gesehen. Man kann da eigentlich nur den Kopf schütteln – aber es gab auch Gegenstimmen unter den Ökonomen, und darüber war in der Presse wenig zu hören. Allerdings muss ich sagen: Jeder Wissenschaftler unterliegt der Versuchung, einfach mit dem großen Strom zu schwimmen, weil dort die Erfolgs- und Veröffentlichungschancen am größten sind. Wer aufsteht und sagt: Diese Entwicklung ist gefährlich, der muss es schon gut belegen können. Es gibt solche aus dem vergangenen Jahrzehnt. Raghuram Rajan zum Beispiel oder Nouriel Roubini haben lange Cassandra gespielt, wurden lange ignoriert und werden jetzt hofiert. Solche Bewegungen haben Sie auch in der Physik, in der Chemie und so weiter. Leute wollen Erfolg haben. Sie wollen natürlich Ihrem Doktorvater gefallen.

ZEIT ONLINE: Man kann immer sagen, dass es abweichenden Stimmen gegeben hat. Aber worüber man sich wirklich unterhalten muss, ist der ökonomische Mainstream. Die herrschende Meinung, die am Ende die Politik berät und die in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Burda: Zum Problem wird es, wenn Ökonomen gegen die Stabilität des Systems wirken. Die Finanzmarktwissenschaftler haben lange die Aufmerksamkeit gerade weg von dem Risiko gelenkt, das mit dem Handelspartner verbunden ist. 2004 war ich auf der Vereinstagung in Dresden , da trat Stanley Fischer auf, der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds ( IWF ) und heutige Präsident der israelischen Notenbank. Es ging darum, wie groß und toll diese Derivategeschäfte waren. In der anschließenden Diskussionsrunde wurde folgende Frage gestellt: Wie sieht es aus mit Risiko der Gegenseite? Alle haben sich gegenseitig mit Derivaten versichert, aber war das zusammengenommen nicht ein großes Kartenhaus? Anstatt zuzugeben, dass es potenziell eine Risikoquelle sein könnte, hat Fischer gesagt: Es ist kein Problem, wir haben alles unter Kontrolle. Daraufhin fühlte ich mich so klein, vor meinen ganzen Kollegen diesen großen Volkswirt in Frage gestellt zu haben.

ZEIT ONLINE: Es gab einen Mainstream, der Abweichler ruhiggestellt hat?

Burda: Noch ein Beispiel. In den neunziger Jahren gab es Anwälte, die in ökonomischen Fragen sehr versiert waren, die die Derivatenmärkte regulieren wollten, wie es bei den Terminbörsen seit Jahrzehnten der Fall ist. Dagegen stand die geballte Wirtschaftsclique der Clinton-Regierung: Das geht nicht, das wollen wir nicht. Die nächsten Jahre waren dann nur freie Fahrt für Lobbyisten. Fünf Jahre später hat Rajan in Jackson Hole genau diese Frage erneut gestellt. Und er wurde von dem Ökonomengranden Larry Summers vor versammelten Zentralbankern zum Fortschrittsfeind erklärt. Schlimmer kann es nicht kommen! Das ist die Macht der Mehrheit.

ZEIT ONLINE: Dass Ökonomen so zu reden beginnen, wenn sie in mächtige Beraterpositionen wechseln – davon kann man die Disziplin aber nicht ganz frei sprechen. Das hat etwas mit einem unterentwickelten Berufsethos zu tun.

Burda: Ich will auch niemanden freisprechen. Ich will nur sagen: Einerseits kann man seine Gegenstimme erheben – andererseits will man auch seine Jobs behalten. Wir werden ja nachgefragt. Gerade Ökonomen, die dem Finanzmarkt nahestehen, können nützliche Dienste anbieten. VWL ist eindeutig besser bei der Symptomerkennung als bei der Prognose. Die muss aber auch erst angefordert werden. Vor allem muss es eine Nachfrage danach geben.