Ökonomie"Viele sind geblendet worden"

Die Grundsatzkritik an den Ökonomen ist falsch, sagt der Chef des Vereins für Socialpolitik, Michael Burda. Die Mehrheit habe vor der Krise aber kaum Kritik zugelassen. von 

Eine Anhängerin der Occupy-Bewegung in New York

Eine Anhängerin der Occupy-Bewegung in New York  |  © Spencer Platt/Getty Images

ZEIT ONLINE: Vor dem Büro des konservativen US-Ökonomen Gregory Mankiw hat vor einiger Zeit die Occupy-Bewegung demonstriert. Mainstream-Volkswirte seien mitverantwortlich für die Krise. Haben Sie auch schon Demonstranten vor dem Büro?

Michael Burda: Nein. Unsere Studenten haben vielleicht eine etwas rationalere Sicht auf die Funktionsweise der Ökonomie. Und dass es sich in den USA ausgerechnet an Greg Mankiw entlädt, finde ich ein bisschen unfair.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Das hohe öffentliche Ansehen der Ökonomen hat seit der Krise aber gelitten.

Burda: Es gibt in vielen Dingen des Lebens Zyklen. Aber die Ökonomie wird manchmal verwechselt mit Wirtschaft. Wir werden gelegentlich als Vertreter der Wirtschaft oder der FDP wahrgenommen. Wenn Sie sich wirklich mit dem Wort Ökonomie beschäftigen – also, dann geht es um Haushalt. Es geht um Ressourcenverwaltung im weitesten Sinne.

ZEIT ONLINE: Die Ressourcen sind in der Krise nicht gerade super verwaltet worden.

Michael Burda
Michael Burda

Michael Burda hat in Harvard und Göttingen studiert und ist heute Professor für Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität in Berlin. Er ist Chef des Vereins für Socialpolitik und Fellow der European Economic Association.

Burda: Ich glaube aber, dass die grundsätzliche Kritik an der volkswirtschaftlichen Lehre überhaupt keinen Bestand hat. Es gab immer Stimmen, die sich gegen bestimmte Entwicklungen gewehrt haben. Das war keine Grundsatzkritik am Kapitalismus, sondern einfach: Wie viel freie Hand gibt man den Finanzmärkten, wie viel Selbstaufsicht gesteht man ihnen zu, wohl wissend, dass vor der großen Wirtschaftskrise die gleichen Situationen aufgetreten sind. Auch damals gab es Exzesse, auch damals gab es Zusammenbrüche. Und ebenso gab es damals Gegenbewegungen nach dem Zusammenbruch: Manche wollten am liebsten alle Banker aufhängen. Damals wie heute sind viele einfach geblendet worden von bestimmten Entwicklungen. Die Ökonomen zum Teil auch.

ZEIT ONLINE: Haben Sie den Film Inside Job gesehen?

Burda: Ja, ich habe ihn mit meinen Studenten gesehen. Man kann da eigentlich nur den Kopf schütteln – aber es gab auch Gegenstimmen unter den Ökonomen, und darüber war in der Presse wenig zu hören. Allerdings muss ich sagen: Jeder Wissenschaftler unterliegt der Versuchung, einfach mit dem großen Strom zu schwimmen, weil dort die Erfolgs- und Veröffentlichungschancen am größten sind. Wer aufsteht und sagt: Diese Entwicklung ist gefährlich, der muss es schon gut belegen können. Es gibt solche aus dem vergangenen Jahrzehnt. Raghuram Rajan zum Beispiel oder Nouriel Roubini haben lange Cassandra gespielt, wurden lange ignoriert und werden jetzt hofiert. Solche Bewegungen haben Sie auch in der Physik, in der Chemie und so weiter. Leute wollen Erfolg haben. Sie wollen natürlich Ihrem Doktorvater gefallen.

ZEIT ONLINE: Man kann immer sagen, dass es abweichenden Stimmen gegeben hat. Aber worüber man sich wirklich unterhalten muss, ist der ökonomische Mainstream. Die herrschende Meinung, die am Ende die Politik berät und die in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Burda: Zum Problem wird es, wenn Ökonomen gegen die Stabilität des Systems wirken. Die Finanzmarktwissenschaftler haben lange die Aufmerksamkeit gerade weg von dem Risiko gelenkt, das mit dem Handelspartner verbunden ist. 2004 war ich auf der Vereinstagung in Dresden , da trat Stanley Fischer auf, der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds ( IWF ) und heutige Präsident der israelischen Notenbank. Es ging darum, wie groß und toll diese Derivategeschäfte waren. In der anschließenden Diskussionsrunde wurde folgende Frage gestellt: Wie sieht es aus mit Risiko der Gegenseite? Alle haben sich gegenseitig mit Derivaten versichert, aber war das zusammengenommen nicht ein großes Kartenhaus? Anstatt zuzugeben, dass es potenziell eine Risikoquelle sein könnte, hat Fischer gesagt: Es ist kein Problem, wir haben alles unter Kontrolle. Daraufhin fühlte ich mich so klein, vor meinen ganzen Kollegen diesen großen Volkswirt in Frage gestellt zu haben.

ZEIT ONLINE: Es gab einen Mainstream, der Abweichler ruhiggestellt hat?

Burda: Noch ein Beispiel. In den neunziger Jahren gab es Anwälte, die in ökonomischen Fragen sehr versiert waren, die die Derivatenmärkte regulieren wollten, wie es bei den Terminbörsen seit Jahrzehnten der Fall ist. Dagegen stand die geballte Wirtschaftsclique der Clinton-Regierung: Das geht nicht, das wollen wir nicht. Die nächsten Jahre waren dann nur freie Fahrt für Lobbyisten. Fünf Jahre später hat Rajan in Jackson Hole genau diese Frage erneut gestellt. Und er wurde von dem Ökonomengranden Larry Summers vor versammelten Zentralbankern zum Fortschrittsfeind erklärt. Schlimmer kann es nicht kommen! Das ist die Macht der Mehrheit.

ZEIT ONLINE: Dass Ökonomen so zu reden beginnen, wenn sie in mächtige Beraterpositionen wechseln – davon kann man die Disziplin aber nicht ganz frei sprechen. Das hat etwas mit einem unterentwickelten Berufsethos zu tun.

Burda: Ich will auch niemanden freisprechen. Ich will nur sagen: Einerseits kann man seine Gegenstimme erheben – andererseits will man auch seine Jobs behalten. Wir werden ja nachgefragt. Gerade Ökonomen, die dem Finanzmarkt nahestehen, können nützliche Dienste anbieten. VWL ist eindeutig besser bei der Symptomerkennung als bei der Prognose. Die muss aber auch erst angefordert werden. Vor allem muss es eine Nachfrage danach geben. 

Leserkommentare
    • Marlem
    • 14. Februar 2012 15:42 Uhr

    Es ist gut, dass es Ökonomen gibt und es ist auch gut,dass man weiterhin forscht und auf sie hört.Wir haben die soziale Marktwirtschaft als ein erfolgreiches Model kennengelernt. Wir sind reicher geworden Wir produzieren unglaublich viel und haben unglaubliche Produktivitäts-steigerungen zu verzeichnen.Menschliches Handeln ist unglaublich kompliziert und es ist doch im Grunde phantastisch wie unsere Wirtschaft funktioniert. Doch es verlangt, dass wir uns über viele Dinge im Vorraus klar werden und danch unser Gesellschaftsmodel steuern, welches eine Sache der Politik ist. Hier geht es um die Verwaltung unseres Klima's, von sich vermindernden Resourcen, Einkommens- und Vermögensverteilung, Vorzüge und Nachteile des Freihandels; auch, wie schafft man immer wieder neue Arbeit, die dank Produktivität die von Machinen übernommene Arbeit ersetzen kann,usw. Klar, wissen wir die meisten Antworten, doch sind uns über die poltische Zielsetzung nicht einig. Als das weithin sozialdemokratische Model, das uns viel Erfolg gebracht hat, Anfang der 60'ger Jahre zu viel des Guten war, kam das Rückrudern angeführt von Reagan and Thatcher. Und wiederum haben wir oder unsere Politiker es zu weit laufen lassen und eine Marktwirschaft sich selbst überlassen, die die soziale Orientierung und Umwelt beschützende Massnahmen nicht richtig in den Griff bekommen.Oder eine Politik erweist sich nach einiger Zeit als unwirksam oder falsch. Wir müssen immer wieder nachbessern und immer wieder lernen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • AFX
    • 14. Februar 2012 17:20 Uhr

    "... Wir müssen immer wieder nachbessern und immer wieder lernen. ..."
    nur sehe ich das nicht. es WILL niemand nachbessern. wieso auch? läuft ja alles zu deren gunsten. nach mir die sintflut. und menschen, die an den machtstrukturen was auszusetzen haben, werden mit tränengas eingeneblet und aus dem park verhaftet.
    ich frage mich, wieviel tiefer muss der karren noch in den dreck, bis mal eine lernkurve einsetzt.

    • Ranjit
    • 14. Februar 2012 15:50 Uhr

    Die Wirtschaftswissenschaften sind durchaus wissenschaftlicher als man annehmen könnte. Die Meinung die sich dann aber durchsetzt ist häufig nicht die wissenschaftlich plausibelste sondern die politisch nützlichste.

    Ich finde zwei Dinge müssen konsequenter beachtet werden, damit die Wirtschaftswissenschaft wieder gesamtgesellschaftlich nützlicher wird:
    1. Die Idee rationaler, eigennütziger Menschen ist eine vereinfachende Annahme für grobe Berechnungen. Diese Annahme technisch praktisch und kann zu akzeptablen Vorhersagen führen. Sie ist aber auch falsch. Das ist kein Widerspruch sondern die Idee eines Modells. Schädlich wird es erst, wenn man diese Modellannahmen ungefiltert auf echte Menschen anwendet. So entsteht dann die Idee vom faulen, nur durch Geld(entzug) motivierbaren Arbeiter oder die Idee der angeblich existierenden Chancengleichheit.
    2. Die Wirtschaftswissenschaften sollten sich auf den empirischen Kern besinnen. Elegante Modell sind zwar befriedigend, aber im Endeffekt nur genau so nützlich wie ihre Vorhersagekraft realer Phänomene. Und daran hapert es gewaltig.

    Aber Herr Burda nennt auch schon die Lösung: "können mächtige Portionen Psychologie und Zufall eine Rolle spielen". Also weg vom "rationalen Menschen" hin zum menschlichen Menschen. Die Sozial- und Verhaltenswissenschaften helfen gerne.
    Und dieser Weg wird beschritten. Nur noch nicht von allen.

  1. Heute muss man sich als Ökonom auch die Frage stellen ob Wachstum, immer mehr Produktion, Konsumgesellschaft und Arbeitsplätze für alle wirklich in Zukunft noch funktionieren können.

    Und die Politik müsste die Frage stellen, ob wir diese Arbeits- und Konsumgesellschaft noch so universell haben wollen, oder ob es da nicht vieleicht auch Alternativen gibt, denen Raum geschaffen werden sollte.

  2. Gar nicht erwähnt wird in dem Artikel, dass die Ökonomen durchaus hätten wissen können, was genau da auch mit ihrer ideologischen Hilfe veranstaltet wird. Schließlich war der letzte größere Plünderungs- und Raubzug der Banken und Spekulanten gerade mal 80ig Jahre her, heute immer noch fälschlich als Weltwirtschaftskrise bezeichnet. Die aus dem Feudalismus stammenden privaten Banken haben eben die Macht, ganze Volkswirtschaften zu ruinieren. Und sie tun das auch immer wieder, denn das ist ihr eigentlicher Zweck.

    Auch wird verschwiegen, wer genau was gemacht hat. Man mag das Netz mal nach Reagonomics und Thatcherismus durchsuchen. In Deutschland wurde das Plünderungsprogramm von den Herren Lambsdorff und Tietmeyer ideologisch vorbereitet, wodurch auch die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt aufgekündigt wurde. http://www.1000dokumente.... .

  3. "Jeder Wissenschaftler unterliegt der Versuchung, einfach mit dem großen Strom zu schwimmen, weil dort die Erfolgs- und Veröffentlichungschancen am größten sind. ... Solche Bewegungen haben Sie auch in der Physik, in der Chemie und so weiter. Leute wollen Erfolg haben."

    • bigbull
    • 14. Februar 2012 16:44 Uhr

    Der Mensch bedarf der Wärme,der Nahrung und des Lichts.

    Ideologischen Philosophen der Ökonomie,je nach Zugehörigkeit zu
    der einen oder anderen Partei,mit absoluter Sicherheit nicht.

  4. Die Ökonomen erzählen alles und sein Gegenteil, man wird schon einen finden, der die Zukunft vorhergesehen hat. Ein bisschen wie Astrologie, nur mit mehr Gleichungen. Die Ökonomie beruht auf die Spieltheorie, da wo die Mathematiker von Anfang an gewarnt haben, ihre Ergebnisse sind überhaupt nicht auf menschliches Verhalten übertragbar...

    Die Himmelbeobachtung ist zur Wissenschaft geworden, als das Zurückkommen der Halley-Komete vorhergesehen wurde, und das wurde bestätigt.
    An dem Tag, wo die Ökonomie so was schafft, also ein genaues ökonomisches Ereignis genau vorherzusehen, dann wird sie zur Wissenschaft.
    Aber bis jetzt ist es nur Hokuspokus mit Zahlen.

  5. Und dahinter steckt ein Mensch, der sich von jeglicher Verantwortung frei spricht.

    wäre er eine verantwortlich handelnde Person, hätte er die Möglichkeiten als Wissenschaftler, die darin bestehen, keinerlei Erfolgsdruck zu unterliegen dazu genutzt, vor Fehlentwicklungen zu warnen - und zwar immer wieder. In seiner Eigenschaft als Professor hat er eine Stellung, die ihm auch die nötige finanzielle Grundlage gibt.

    Genutzt hat er sie nicht.

    Wahrscheinlich ist ihm das auch egal, solange seine eigene Existenz gesichert ist.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service