ZEIT ONLINE: Herr Kurth , die Energiewende ist beschlossen, der Netzausbau ist eine der größten Baustellen. Wie ist es, in der spannendsten Zeit zu gehen?

Matthias Kurth : Die entscheiden Weichen sind gestellt und die Bundesnetzagentur hat sich beim Thema Energiewende erhebliche Kompetenz und Respekt erworben. Die Energiewende wird Jahrzehnte dauern und auch ein Nachfolger wird das nicht vollenden können. Sie ist ein Mammutprojekt und auf Jahrzehnte angelegt. Für mich waren die vergangenen zwölf Jahre eine unglaublich produktive Phase und ich übergebe eine eingespielte und gut funktionierende Organisation.

ZEIT ONLINE : Sind die Deutschen ausreichend auf die Folgen der Energiewende vorbereitet?

Kurth : Nur zum Teil. Sie haben den Ausstieg aus der Atomenergie akzeptiert und wollen ihn auch. Aber sicherlich haben sie noch nicht die Konsequenzen für den Ausbau der erneuerbaren Energiequellen und den Stromnetzausbau realisiert. Das wird in den kommenden fünf Jahren konkret. Wir brauchen außerdem neue Gas- und Kohlekraftwerke sowie Speicher. Dafür müssen wir noch stärker werben.

ZEIT ONLINE : Wie überzeugt man die Bürger von neuen Leitungen, Windrädern im Garten und dem Gaskraftwerk auf der anderen Straßenseite?

Kurth : Wir brauchen mehr Dialog und Diskussion. Wir haben uns ausführlich mit Umweltverbänden wie der Deutschen Umwelthilfe beraten. Sie begrüßen unsere Szenarien für den Netzausbau. Das ist doch schon mal etwas, früher war das immer kontrovers. Ende Februar fangen wir außerdem schon damit an, uns zum Thema Umweltverträglichkeitsprüfung zusammenzusetzen.

ZEIT ONLINE : Worum geht es konkret?

Kurth : Wir wollen zukünftig die Umweltfragen und die Folgen für Anwohner schon am Anfang der Planungsverfahren diskutieren. Wie lässt sich der Eingriff in die Umwelt minimieren? Mir ist wichtig, dass nicht nur Wirtschaftlichkeit und Kosten geprüft werden. Die Umwelt muss gleichwertig beachtet werden.

ZEIT ONLINE : Also öfter mal ein Erdkabel verlegen?

Kurth : Bei Erdkabeln gibt es noch viel Aufklärungsbedarf: Viele Bürger denken, das sei eine umweltfreundliche Option. Das stimmt so pauschal nicht. Unsere Erfahrung zeigt: Wenn einmal klar war, was Erdkabel eigentlich bedeuten und welche Rodungen und Belastungen des Bodens erfolgen, sagen die Bürger, dass sie vielleicht doch lieber eine Freileitung haben wollen. Deswegen ist mir wichtig: Wir brauchen mehr Dialog.

ZEIT ONLINE : Das heißt mehr Bürgerkonferenzen? Noch mehr Anhörungen?

Kurth : Ich glaube, wir müssen die Bürger frühzeitig beteiligen. Aber das darf nicht noch zehn Jahre dauern, sondern nur noch fünf. Mehr Bürgerbeteiligung und eine erhebliche Beschleunigung der Planungsprozesse sind entscheidend für den Erfolg der Energiewende. Das muss kein Widerspruch sein. Stuttgart21 hatte auch deswegen so viele Probleme, weil der ganze Prozess so lange gedauert hat und dadurch die Akzeptanz auf der Strecke blieb.

ZEIT ONLINE : Ist die Neuausrichtung eine Folge der heftigen Proteste gegen neue Trassen wie etwa in Niedersachsen ?

Kurth : Sicherlich. Gerade bei umstrittenen Strecken sieht man Folgendes: Vor Ort werden immer wieder energiepolitische Grundsatzfragen diskutiert. Damit muss aber bald Schluss sein. Wir können nicht ewig debattieren. Jetzt werden wir nur noch eine Grundsatzdebatte führen und daraus einen Bundesbedarfsplan entwickeln. Dann aber muss man vor Ort über die konkrete Trasse reden – aber nicht, ob wir grundsätzlich neue Stromleitungen brauchen. Das ist dann entschieden.

ZEIT ONLINE : In Schleswig-Holstein würden Landwirte gern in Stromtrassen investieren und so von den Netzentgelten profitieren. Was halten Sie von diesen Bürgernetzen?