Energiewende"Wir können nicht ewig debattieren"

Matthias Kurth hat genug von Grundsatzdebatten über die Energiewende. Bürgerinteressen müssen stärker beachtet werden, fordert der scheidende Chef der Bundesnetzagentur. von 

Reparaturarbeiten am Stromnetz

Reparaturarbeiten am Stromnetz  |  © Strdel/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Kurth , die Energiewende ist beschlossen, der Netzausbau ist eine der größten Baustellen. Wie ist es, in der spannendsten Zeit zu gehen?

Matthias Kurth : Die entscheiden Weichen sind gestellt und die Bundesnetzagentur hat sich beim Thema Energiewende erhebliche Kompetenz und Respekt erworben. Die Energiewende wird Jahrzehnte dauern und auch ein Nachfolger wird das nicht vollenden können. Sie ist ein Mammutprojekt und auf Jahrzehnte angelegt. Für mich waren die vergangenen zwölf Jahre eine unglaublich produktive Phase und ich übergebe eine eingespielte und gut funktionierende Organisation.

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ZEIT ONLINE : Sind die Deutschen ausreichend auf die Folgen der Energiewende vorbereitet?

Kurth : Nur zum Teil. Sie haben den Ausstieg aus der Atomenergie akzeptiert und wollen ihn auch. Aber sicherlich haben sie noch nicht die Konsequenzen für den Ausbau der erneuerbaren Energiequellen und den Stromnetzausbau realisiert. Das wird in den kommenden fünf Jahren konkret. Wir brauchen außerdem neue Gas- und Kohlekraftwerke sowie Speicher. Dafür müssen wir noch stärker werben.

Matthias Kurth
Matthias Kurth

Matthias Kurth, 59, ist seit zwölf Jahren Präsident der Bundesnetzagentur. In seine Amtszeit fiel die Privatisierung der Telekommunikationsmärkte und die Liberalisierung der Energiemärkte. Der studierte Jurist und Sozialdemokrat hat ein Schlüsselamt für die Energiewende inne, denn das Stromnetz bedarf eines enormen Ausbaus, um den dezentral und an der Küste produzierten Ökostrom abzutransportieren. Zum Ende seiner zweiten Amtszeit Ende Februar 2012 löst Jochen Homann, derzeit Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Kurth ab.

ZEIT ONLINE : Wie überzeugt man die Bürger von neuen Leitungen, Windrädern im Garten und dem Gaskraftwerk auf der anderen Straßenseite?

Kurth : Wir brauchen mehr Dialog und Diskussion. Wir haben uns ausführlich mit Umweltverbänden wie der Deutschen Umwelthilfe beraten. Sie begrüßen unsere Szenarien für den Netzausbau. Das ist doch schon mal etwas, früher war das immer kontrovers. Ende Februar fangen wir außerdem schon damit an, uns zum Thema Umweltverträglichkeitsprüfung zusammenzusetzen.

ZEIT ONLINE : Worum geht es konkret?

Kurth : Wir wollen zukünftig die Umweltfragen und die Folgen für Anwohner schon am Anfang der Planungsverfahren diskutieren. Wie lässt sich der Eingriff in die Umwelt minimieren? Mir ist wichtig, dass nicht nur Wirtschaftlichkeit und Kosten geprüft werden. Die Umwelt muss gleichwertig beachtet werden.

ZEIT ONLINE : Also öfter mal ein Erdkabel verlegen?

Kurth : Bei Erdkabeln gibt es noch viel Aufklärungsbedarf: Viele Bürger denken, das sei eine umweltfreundliche Option. Das stimmt so pauschal nicht. Unsere Erfahrung zeigt: Wenn einmal klar war, was Erdkabel eigentlich bedeuten und welche Rodungen und Belastungen des Bodens erfolgen, sagen die Bürger, dass sie vielleicht doch lieber eine Freileitung haben wollen. Deswegen ist mir wichtig: Wir brauchen mehr Dialog.

ZEIT ONLINE : Das heißt mehr Bürgerkonferenzen? Noch mehr Anhörungen?

Kurth : Ich glaube, wir müssen die Bürger frühzeitig beteiligen. Aber das darf nicht noch zehn Jahre dauern, sondern nur noch fünf. Mehr Bürgerbeteiligung und eine erhebliche Beschleunigung der Planungsprozesse sind entscheidend für den Erfolg der Energiewende. Das muss kein Widerspruch sein. Stuttgart21 hatte auch deswegen so viele Probleme, weil der ganze Prozess so lange gedauert hat und dadurch die Akzeptanz auf der Strecke blieb.

ZEIT ONLINE : Ist die Neuausrichtung eine Folge der heftigen Proteste gegen neue Trassen wie etwa in Niedersachsen ?

Kurth : Sicherlich. Gerade bei umstrittenen Strecken sieht man Folgendes: Vor Ort werden immer wieder energiepolitische Grundsatzfragen diskutiert. Damit muss aber bald Schluss sein. Wir können nicht ewig debattieren. Jetzt werden wir nur noch eine Grundsatzdebatte führen und daraus einen Bundesbedarfsplan entwickeln. Dann aber muss man vor Ort über die konkrete Trasse reden – aber nicht, ob wir grundsätzlich neue Stromleitungen brauchen. Das ist dann entschieden.

ZEIT ONLINE : In Schleswig-Holstein würden Landwirte gern in Stromtrassen investieren und so von den Netzentgelten profitieren. Was halten Sie von diesen Bürgernetzen?

Leserkommentare
  1. Vergessen wir bitte nicht, dass diese Kosten zusätzlich zur Subvention von den Verbrauchern zu erbringen sind.
    Ohne die Windkraft würden die Freileitungen / Kabel nicht gebraucht.
    Vergessen wir auch nicht, dass für die Zeit der Flaute konventionelle Kraftwerke im Standby Betrieb übernehmen müssen, wenn sie das überhaupt so kurzfristig können.
    Dafür müssen diese ( im unwirtschaftlichen Pausenbetrieb ) auch gebaut und subventioniert werden, da sich der Betrieb sonst nicht lohnt.
    wo also soll das ´´Nullsummenspiel´´ bitte herkommen ?

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    größte Vernichtung von Volksvermögen seit der Währungsreform 1948.

    Die Milliarden von Subventionen die an die Atomkonzerne gehen, würden weit reichen! Wir brauchen keine Konventionellen mehr. Wir brauchen kombinierte Speicherysteme, dezentrale Energieverrsorgung verschiedener Technologien und Smart Grids!
    Letzendlich kommt der Bürger sogar billiger weg als vorher. Die Zwischenlagerung, bzw. die Endlagerung allein ist so was von teuer, das alles würde ja wegfallen von den Schultern der Bürger. Gut, oder? Nur Angie will nicht mitmachen und sie auch nicht. Schade!

    Jede Investition kann man mit den von Ihnen vorgebrachten Argumenten kritisieren, denn wieso sollte man in ein neues Pferd investieren, wenn das alte noch nicht ganz tot ist und aufgehört hat, sich zu bewegen.

    In diesem Fall geht es darum, dass man darauf spekuliert, dass die Rohstoffe teurer werden. Wenn wir uns nun durch den Umbau von diesen (was nicht gleichbedeutend ist von allen) Rohstoffen unabhängiger machen, zahlt sich das beim nächsten Preisanstieg der Rohstoffe aus.

    Wenn wir richtig liegen, werden wir weiterhin wettbewerbsfähig bleiben, weil unsere Stromkosten relativ zu anderen Ländern günstiger werden. Sprich, wir werden mehr Firmen und damit Arbeitsplätze in unserem Land halten können. Oder anders ausgedrückt, wir können unseren Wohlstand mehren (oder halten).

    Wenn wir falsch liegen und die Rohstoffpreise konstant bleiben bzw. eine technische Revolution stattfindet, haben wir in der Tat das Investitionsvolumen verzockt und müssen dauerhaft mit einem erhöhten Strompreis leben. In diesem Fall werden wir Wohlstand verlieren.

    Es bleibt also die Gretchenfrage: wie werden sich die Rohstoffpreise (Kohle, Gas und Öl) in Zukunft entwickeln?

  2. größte Vernichtung von Volksvermögen seit der Währungsreform 1948.

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    Pardon, aber das ist Quark. Hier wird überhaupt nichts enteignet, es wird Infrastruktur geschaffen.

    Das versteht man allerdings erst Dann, wenn man von der Unsäglichen und viel zu kurz gegriffenen debatte um den Ersatz der Atomkraftwerke wegkommt und sich intensiv mit dem Thema Erdölfördermaximum beschäftigt.

    Sogar die Internationale Energieagentur warnt inzwischen eindringlich davor. Bereits 2015 können wir unter umständen den Bedarf weltweit nicht mehr decken. Manche Studien erwarten bereits den Peak Fossil Energie um 2020...

    Wir müssen nicht nur Elektrizität mit EE ermöglichen sondern mittelfristig und da spreche ich von wenigen Jahrzehnten, unsere Mobilität.

    Das ist die eigentliche Herausforderung. Nicht die "paar" Atomkraftwerke..

    Und dafür muss man eben langfristig planen und lange vorraus anfangen mit dem Umbau (ca 20 Jahre vor dem peak...) Es ist also eigentlich schon fast zu spät.

  3. Auf dieser Seite wird auch für ´´Hanburg Energie´´ geworben.
    Diese landeseigene Firma macht natürlich Verluste, wenn die Werbung keine Preiserhöhung verspricht, dann deshalb weil der Steuerzahler für den Verlust aufkommt.
    Haben wir nicht von ineffizienten Staatsbetrieben genug und Geschäfte auf Kosten der Steuerzahler ? Die Führungspositionen solcher Firmen werden natürlich nach Kompetenz vergeben.

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    Was macht es für einen Unterschied, ob ein staatliches/öffentliches Unternehmen die Kosten direkt über Verbrauchspreise oder indirekt über Steuern deckt?

    Ich denke, die Unterschiede sind gering. Verbrauchspreise sind nutzungsabhängig und werden damit gerechter erhoben, ein paar Prozent aus dem Steuersäckel bringen die Welt aber nicht ins wanken.

    Subventionen für private Unternehmen sind dagegen was anderes ...

  4. Pardon, aber das ist Quark. Hier wird überhaupt nichts enteignet, es wird Infrastruktur geschaffen.

    Antwort auf "Das ist die ..."
    • keibe
    • 03. Februar 2012 12:15 Uhr

    Erst gestern erhielt ich ein Schreiben meines Stromanbieters:

    "Sehr geehrte...

    leider haben wir keine guten Nachrichten für Sie. Zum 1. April 2012 steigen die Strompreise... . Was sind die Ursachen? Unsere Bezugskosten sind, insbesondere durch den Atomunfall in Fukushima und die folgende Energiewende, gestiegen. Zusätzlich wurden die Netzentgelte deutlich angehoben und eine neue Abgabe zur Entlastung energieintensiver Unternehmen durch die Bundesregierung eingeführt. ..."

    Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir genauso die Beachtung der Bürgerinteressen vorgestellt.

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    wir müssen vor allem darauf achten dass die mehrkosten nicht in dem maße diejenigen treffen, die ohnehin finanziell weniger spielraum haben.

    Aber allen sollte bewußt werden dass darann kein WEg vorbei führt. Nicht weil wir auf Atomkraft verzichten müssten , sondern weil die Fossilen Energieträger innerhalb der nächsten wenigen Jahrzehnte unaufhaltsam immer weniger gefördert und genutzt werden können. Allem vorann Peak Oil mit wirklich umwälzenden Folgen für unsere Gesellschaft.

    infos gibts dafür auf Peakoil.com

    und wer sich für die folgewirkungen interessiert , der lese sodenn er emotional stark genug ist doch die Bundeswehrstudie zum Thema Peak Oil vom herbst 2010.

    Das ist der eigentliche Grund für die notwendigkeit der Energiewende. Denn wer da zu spät kommt den Bestraft das Leben. Und in dem Fall wäre eine dramatische Wirtschaftskrise so gut wie unausweichlich.

  5. Was macht es für einen Unterschied, ob ein staatliches/öffentliches Unternehmen die Kosten direkt über Verbrauchspreise oder indirekt über Steuern deckt?

    Ich denke, die Unterschiede sind gering. Verbrauchspreise sind nutzungsabhängig und werden damit gerechter erhoben, ein paar Prozent aus dem Steuersäckel bringen die Welt aber nicht ins wanken.

    Subventionen für private Unternehmen sind dagegen was anderes ...

    Antwort auf "Werbung"
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    Wenn eine staatliche Firma als Wettbewerb zu einer privaten auftritt und mit besonderen Anreizen wirbt, die nicht der Kunde sondern der Steuerzahler bezahlen muss , finden sie dass ok ?
    Private Firmen gehen pleite , wenn sie Verluste machen.
    Staatliche Firmen werden dann subventioniert.

  6. Statt über die Planung millionenschwerer Projekte zu berichten bzw. zu diskutieren, sollte lieber einmal der Fokus auf die Abhängigkeit von Technik gelegt werden. Viele Deutsche können ihren Beitrag zu sparsamen Ressourcenumgang und Kampf gegen Energieverschwendung beitragen, indem sie statt Öl und Gas Holz zum Heizen verwenden, elektrisches Licht sparen und elektrische Geräte nur bedingt einsetzen.

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    da hab ich zweifel.. würden alle 80 Millionen holz verwenden, dann wäre es in 3 Tagen vorbei mit unseren letzen waldstücklein..

    aber im Prinzp was die Notwendigkeit einer änderung des Lebensstiles betrifft stimmmts natürlich

  7. Die Milliarden von Subventionen die an die Atomkonzerne gehen, würden weit reichen! Wir brauchen keine Konventionellen mehr. Wir brauchen kombinierte Speicherysteme, dezentrale Energieverrsorgung verschiedener Technologien und Smart Grids!
    Letzendlich kommt der Bürger sogar billiger weg als vorher. Die Zwischenlagerung, bzw. die Endlagerung allein ist so was von teuer, das alles würde ja wegfallen von den Schultern der Bürger. Gut, oder? Nur Angie will nicht mitmachen und sie auch nicht. Schade!

    Antwort auf "Energiewende"
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    • tobmat
    • 03. Februar 2012 13:11 Uhr

    "Wir brauchen kombinierte Speicherysteme, dezentrale Energieverrsorgung verschiedener Technologien und Smart Grids!"
    Ersteres befindet sich noch in der Grundlagenforschung und wäre auch sehr teuer und langwierig umzusetzen. Der Zweite Punkt ist ebenso sehr teuer und der Dritte Punkt wird auf massiven Protest der Bürger und der Datenschutzbeauftragten stoßen. Da dann praktisch der Smart Grid die Kontrolle über die privaten Elektrogeräte übernimmt und der Energieversorger alle Daten über den privaten Gebrauch von Elektrogeräten ksotenlos geschenkt bekommt (wer denkt da auch an Facebook und Co. ;))

    "Die Zwischenlagerung, bzw. die Endlagerung allein ist so was von teuer, das alles würde ja wegfallen von den Schultern der Bürger."

    Nö die würde nicht wegfallen, oder was wollen sie mit dem ganzen angefallenen Atommüll machen?

    Kombinierte Speichersysteme kommen in energieautarken Dörfern und einzelnen Stadteilen in Deutschland schon länger zum Zuge. Und ja, ich gebe ihnen Recht, Smart Grids sind noch in der Grundlagenforschung. Jede neue Technolgie bringt Ihre Probleme und Widersprüche mit sich. Wenn man aber erkannt hat, dass alte Technolgien nicht mehr zeitgemäß sind, was sollte einen davon abhalten weiter zu gehen und neue Ideen aus zu probieren? Selbst wenn wir Smart Grids weglassen, weil Sie es nicht mögen: die Energiewende wird irgendwann wg. Resourcenknappheit (auch Uran wird knapp!) herbeigewungen. Menschen die bei den kleinsten Zweifeln gleich Ablehnung gegenüber dem Neuen und Unbekannten nach aussen tragen und die Energiewende dadurch verzögern machen es nur noch schlimmer, weil wir dann später im Ernstfall nicht vorbereitet sind. Immerhin würde kein weiterer Atommüll mehr anfallen, der weitere Kosten verursacht. Mir ist durchaus klar, dass man ein KKW nicht einfach abschalten kann und gut ist. Die Nachkühlung und Aufbereitung dauert ewig und ist fast genauso gefährlich, ich weiß! Müssen ja aber nicht noch mehr Müll produzieren, wenn wir für den der vorhanden ist noch keine Lösung gefunden haben, oder?
    Nichts für ungut. Jedem seine Meinung.

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