GetreidemarktDie Rohstoff-Zocker

Neue Studien lassen vermuten, dass Spekulanten Lebensmittelpreise nach oben treiben. Damit sind sie mitschuldig an Hungersnöten. von Hans Christian Müller

Auf einem Markt in Niamey, der Hauptstadt von Niger, wird Getreide verkauft.

Auf einem Markt in Niamey, der Hauptstadt von Niger, wird Getreide verkauft.  |  © Sia Kambou/AFP/Getty Images

Der Protest, er wächst täglich: Rund 165.000 Menschen haben inzwischen eine Onlinepetition unterzeichnet, die die Finanzindustrie zum Ausstieg aus spekulativen Geschäften mit Lebensmitteln auffordert. Adressat des Aufrufs ist Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der auch Vorsitzender des weltweiten Bankenverbands IIF ist.

Die Aktivisten machen Geldhäuser und Börsen für die enorm gestiegenen Preise für Grundnahrungsmittel verantwortlich – und damit für die Welthungerkrise der Jahre 2007 und 2008. Innerhalb von zwei Jahren hatten sich damals die Preise für Weizen, Mais und Reis mehr als verdoppelt. Zwar fielen sie danach wieder, doch heute liegen sie erneut auf einem gefährlich hohen Niveau. Weltweit hungern jetzt eine Milliarde Menschen, schätzen die Vereinten Nationen.

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Doch was ist dran an dem Vorwurf, die Finanzinvestoren hätten Spekulationsblasen erzeugt und Hungersnöte mitverursacht? Mehrere Forscherteams haben jetzt Studien vorgelegt, die die Spekulanten in Erklärungsnöte bringen.

So kommen drei Volkswirte der Universität Münster zu dem Schluss: Spekulanten haben den Weltmarkt für Getreide in den vergangenen zehn Jahren deutlich instabiler und schwankungsanfälliger gemacht. Die Ökonomen Philipp Adämmer, Martin Bohl und Patrick Stephan werteten die Börsenkurse für Weizen und Mais der letzten 25 Jahre aus. Der Anteil der Akteure, die nur aus Spekulationszwecken auf dem Markt agieren, ist in dieser Zeit deutlich gestiegen.

Parallel dazu wichen die Preise immer häufiger von dem fundamental gerechtfertigten Wert ab, der durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. "Unsere Ergebnisse zeigen genau an den Zeitpunkten Spekulationsblasen, wo man sie erwartet hätte", sagt Patrick Stephan: 2008 und 2011, den Jahren mit besonders hohen Nahrungsmittelpreisen.

Die Arbeit stützt die Ergebnisse eines Forscherteams der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung (Unctad), das die Preisbildung nicht nur für Nahrungsmittel, sondern für Rohstoffe insgesamt untersuchte. Die Wissenschaftler kamen ebenfalls zu dem Schluss, dass die fundamentalen Faktoren von Angebot und Nachfrage für die Preisbildung an Bedeutung verloren haben und Finanzspekulationen die Preisausschläge verstärken.

Als eigene Anlageklasse haben sich Rohstoffe erst im vergangenen Jahrzehnt etabliert. Beliebt sind sie bei Investoren vor allem deshalb, weil sich ihre Preise meist unabhängig von Aktien und Anleihen entwickeln. Anleger können so ihre Risiken besser streuen. Traditionell nutzen Produzenten und Lebensmittelhändler Warentermingeschäfte, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern: Ein Landwirt kann sich bereits im Frühjahr mit dem Händler auf den Preis seiner Ernte einigen und hat Planungssicherheit.

Heute handeln auch Spekulanten mit diesen Finanzprodukten. Sie sind nicht an der Ware interessiert, sondern wollen an Preisschwankungen verdienen. Die gehandelte Menge an Getreide ist so um ein Vielfaches höher als die Ernte. 

Leserkommentare
  1. Meine These ist nicht gewagt, sondern belegt. Ich bin selber Christ, arbeite aber auf der "anderen" Seite. Für lau, während der Papst seinen Kardinälen goldene Ringe an die Finger steckt. Lies es einfach nach und lass mich Georg Schramm zitieren: "Die Wut wird zwar größer, aber die intellektuelle Verwirrung läßt nach".

    • Nibbla
    • 23. Februar 2012 23:59 Uhr

    Solange man Ergebnis nicht direkt sieht, fühlt man sich nicht verantwortlich und der einzelne Käufer beeinflusst ja nur "indirekt" den Preis.

    Vergleiche Milgram-Experiment.

    Auch gut sieht man bei Pelzmode, wo viele geschockt sind wenn sie zum ersten mal ein Video sehn wie Haut abgezogen wird beim lebendigen Leib.

  2. Auch ich war etwas überrascht, dass es im Artikel so klingt, als seien die schädlichen Folgen der Spekulation mit Nahrungsmitteln erst seit kurzem bekannt.

    Im Video "Dirk Müller und Ernst Prost sprechen Klartext" sind sich beide dagegen absolut einig, dass diese Formen der Spekulation schädlich sind und eigentlich verboten werden sollten:

    http://www.youtube.com/watch?v=egsDqI3Ty84

    An solchen Auswüchsen wird übrigens sehr deutlich, dass weltweit keineswegs ein Mangel an Geld herrscht, es ist nur in den falschen Händen und wird für zum Teil perverse Zwecke verwendet. Dass sich die meisten Menschen bis dato damit abfinden, liegt nicht zuletzt daran, dass sie keine Ahnung haben, was da vor sich geht. Das muss aber kein Dauerzustand bleiben.

    • Guido3
    • 24. Februar 2012 6:57 Uhr

    Die Spekulanten nehmen zur Gewinnmaximierung vorsätzlich den Tod von hunderttausenden Menschen in Kauf. Wie nennt man so einen Tatbestand strafrechtlich? Fahrlässige Tötung ist es nicht. Es ist vorsätzlich. Ist Mord die richtige Einstufung oder gibt es einen anderen passenden Tatbestand? Es wird meines Erachtens Zeit, das diese Spekulanten sich alle vor Gericht wieder finden.

    Sicher werden auch noch wieder "Experten" auftauchen, die das alles verneinen und steigende Nachfrage, Missernten u,ä, für die Preisanstiege bei Lebensmittelrohstoffen verantwortlich machen.

    Das ganze Schema hatten wir schon mal. 2008 stieg der Ölpreis auf 100; 110; 120; 130; 140; fast 150 USD/Barrel. Medien und Menschen in Aufruhr. Die meistinterviewte Expertin zum Thema in den Medien war Claudia Kemfert vom DIW. Die war sich nicht zu blöd, immer wieder zu behaupten, dass die Preisexplosion nicht an Spekulanten sondern nur an der steigenden Nachfrage der Schwellenländer lag.

    Es kam die Immobilien- und Finanzkrise mit anschließender Rezension in vielen Ländern. Der weltweite Ölverbrauch ging 2009 dadurch um gut 3 Prozent zurück. Der Ölpreis sackte von 150 USD/Barrel auf 40 USD/Barrel ab. Das war denn der Beweis, dass der Preis vorher primär von Spekulanten getrieben war. In einem auf Basis von realem Angebot und realer Nachfrage funktionierenden Markt ist es ansonsten selbst unter Berücksichtigung von Grenzeffekten nicht erklärbar, das 3 Prozent Nachfragerückgang über 70% Preisrückgang verursachen.

    • inquam
    • 24. Februar 2012 8:00 Uhr

    ..ein Beweis mehr für die Studie die im letzten Herbst die Hypothese aufstellte (und wohl belegte) dass sich Zocker wie Psychopathen benehmen. Dabei war die Vergleichsgruppe der nachweislich getesteten Psychopathen am Ende in (zumindest in der Börsensimulation) sogar noch erfolgreicher. Wenn das mal nicht zynisch ist. Was lässt sich daraus schliessen ? Unsere Finanzmärkte werden von Menschen gesteuert, die weder die intellektuellen noch die mental-reifen und gesunden Strukturen besitzen um die Verantwortung die sich daraus ergibt im Griff zu haben. Und die Politik schaut zu!

    • sheldon
    • 24. Februar 2012 8:56 Uhr

    Ethikbank, Umweltbank, Fonds die nach ethischen Kriterien handeln, Kredite von privat nehmen oder an privat geben- Möglichkeiten gibt es viele und die sind auch einfach zu finden.
    Hier spekulieren nicht irgendwelche Zocker die sich dann Yachten o.ä. kaufen.
    Das sind die Lebensversicherungen, VWL Fonds, private Rentenversicherungen in die wir alle einzahlen.
    Es möge jeder mal bei seiner Versicherung, Bank usw nachfragen welche Auschlußkriterien dort bei der Geldanlage bestehen.

    Antwort auf "aber dann ohne mich."
  3. Schon vor etwa 20 Jahren habe ich als Fotograf eine mehrere hundert Meter lange und ca. 30 Meter breite Lagerhalle fotografiert, in der das Getreide etwa vier Meter hoch lagerte. Dauerhaft und mit dem einzigen Zweck, den Preis hochzuhalten. Hier wurde (und wird wohl auch noch) das verknappte Getreide eingelagert. Ich habe nur eine dieser Hallen gesehen. Wieviele mag es allein in Deutschland geben und wieviele weltweit? Dieses Getreide kann man kaufen und verkaufen, ohne dass es jemals angerührt wird.

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    • Peugeot
    • 24. Februar 2012 10:56 Uhr

    ... es gibt für jeden (nicht leicht verderblichen) Rohstoff derartige Lagerhäuser -und Gesellschaften, die diese betreiben. Industriemetalle sind ein Beispiel. Es ist seit Jahren der Trend zu erkennen, dass sich Banken und Riesen-Rohstoffhändler in das Geschäft einkaufen- um zu manipulieren.

    Goldman Sachs, Meryll Lynch, Glencore ... die üblichen Verdächtigen.

    "Die an der LME [London metal excanche] registrierten Vorräte haben sich seit Ende 2008 verdreifacht. 2009 gab es etwa 550 LME-Lagerstätten in 14 Ländern mit 6 Millionen Tonnen Metall. Aluminium hat sich innerhalb eines Jahres um 60 Prozent verteuert, Nickel um 130 Prozent"

    http://www.faz.net/aktuell/finanzen/devisen-rohstoffe/industriemetalle-b...

    Marktwirtschaft ade. Angebot und Nachfrage? Regelt sich heute anders.

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