ZEIT ONLINE:  Nach langem Streit haben sich Umweltminister Norbert Röttgen und Wirtschaftsminister Philipp Rösler auf ein gemeinsames Solar-Konzept geeinigt. Wer hat gewonnen?

Felix Matthes: Keiner von beiden. Herausgekommen ist ein völlig verkorkster Kompromiss. 

ZEIT ONLINE: Alle Experten waren sich einig, dass die Subventionen sinken müssen. Was ist an den Plänen der Minister verkorkst?

Matthes: Es wäre wichtig gewesen, den überhitzten Photovoltaikmarkt ein wenig abzukühlen, mittelfristig in stabile Bahnen zu lenken und die Systemintegration der Solarenergie voranzutreiben. Der Kompromiss verfehlt alle diese Ziele. Wir werden in den kommenden Monaten erst recht einen Boom erleben, weil die Investoren Torschlusspanik bekommen.

ZEIT ONLINE:  Um das zu vermeiden, sollen die Kürzungen schon zum 9. März greifen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für Torschlusspanik.

Matthes: Wir werden sehen, wann die Vorschläge wirklich im Gesetzesblatt stehen. Aber auch danach wird es weitere Kürzungen geben, die noch beschleunigt werden, weil die Minister für den Ausbau der Photovoltaik klare und paradoxerweise mit der Zeit sinkende Obergrenzen setzen. Zudem wird jeder, der heute eine Anlage in Betrieb nimmt, auf 20 Jahre mit einem festen Satz gefördert. Das führt dazu, dass die Investoren neue Anlagen bauen werden – und zwar so schnell wie möglich.

ZEIT ONLINE:  Wäre es besser gewesen, die Subventionen weniger stark zu kürzen? 

Matthes: Nein. Eine massive Kürzung war angesichts des Kostenverfalls bei der Photovoltaik überfällig. Und im Prinzip ist auch die monatliche Anpassung der Fördersätze richtig. Notwendig wäre es aber gewesen, die Architektur der Förderung anzupassen: Der Platz, den der Markt für Photovoltaik hat, sollte sich über ein Preissignal abbilden, damit auch Innovationen der Photovoltaik-Systeme eine Perspektive bekommen, man denke nur an die Kombination mit Speichern oder ähnliches.

Stattdessen versuchen die Minister Rösler und Röttgen, den Investoren, Technologieanbietern und Netzbetreibern Signale über staatlich festgelegte und letztlich inkonsistente Ausbaukorridore zu geben. Das geht in die völlig falsche Richtung. Die absurdeste Konstruktion ist, dass man die kostengünstigsten Photovoltaikanlagen am restriktivsten behandelt.

ZEIT ONLINE: Durch die Kürzungen wird der Solar-Ausbau in Deutschland stark gebremst. Was bedeutet das für die Energiewende ?

Matthes:  Die Energiewende ist viel mehr als nur Photovoltaik – schließlich erzeugt auf lange Zeit die Windkraft den größten Teil des erneuerbaren Stroms. Die Pläne der Minister wirken aber über den Solarmarkt hinaus, denn sie zerstören das Vertrauen der Investoren in den stabilen und halbwegs konsistenten regulativen Rahmen, den wir mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz bisher hatten. Wie viel Schaden es anrichten kann, wenn Vertrauen verloren geht, sehen wir ja gerade an den Finanzmärkten.