Händler in der New Yorker Börse © Spencer Platt/Getty Images

ZEIT ONLINE: Das Image der Ökonomen in der Öffentlichkeit hat in der Finanzkrise gelitten. Welche Agenda muss man jetzt für Forschung und Lehre setzen, um das wieder zu beheben?

Thomas Straubhaar: Ob wir als Disziplin nun gelitten haben oder nicht – das kann man so oder anders sehen. Sicher sind herkömmliche Lehrmeinungen unter Druck geraten. Andererseits waren wir noch nie so stark und von den verschiedensten Seiten gefragt wie in diesen vergangenen Jahren. Es ist jetzt wichtig zu verstehen, was sich auf den verschiedenen Ebenen abspielt, auf der Finanzebene und auf der realen Ebene, und welche Wechselwirkungen sich daraus ergeben. Sicherlich bestehen da noch riesige Forschungs- und Erkenntnislücken.

ZEIT ONLINE: Was genau müsste jetzt erforscht werden, damit man das nächste Mal besser vorbereitet ist?

Straubhaar: Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir die neuen Forschungsfragen jetzt nicht vorgeben sollten. Wissenschaft ist ein stetiges und ständiges Suchen nach neuer Erkenntnis von unten – ausgehend von der forschenden Person – und kann eben gerade nicht von oben – also von einer Behörde – verordnet werden.

Richtig ist: Ganz offensichtlich gibt es durch die Krise jetzt neue empirische Ergebnisse, und die schreien nach einer guten, neuen, theoretischen Erklärung. Und hoffentlich werden dann in Verbindung von Empirie und neuerer theoretischer Erkenntnis auch kluge wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen gezogen, so dass künftig weniger Fehler gemacht werden. Weder ich noch andere sollten Ihnen jetzt aber vorgeben, man müsste in der Forschung mehr in Finanzmarkttheorie machen oder in Makroökonomie oder in Globalisierung oder was auch immer.

Ich vermute aber, dass der wichtigste und nützlichste Erkenntnisgewinn über stärker verhaltens- und institutionen-ökonomische Betrachtungen gehen wird. Dazu gehören auch Fragen der neuen politischen Ökonomie – also wie ticken Menschen, welche Interessen verfolgen sie, welcher Instrumente bedienen sie sich?

ZEIT ONLINE: Ist das in der letzten Krise nicht ausreichend beachtet worden? Hat man die Finanzinstitutionen von innen nicht genug verstanden?

"Man hat schon in den neunziger Jahren erkannt, dass Finanzmärkte eine neue Dimension erlangen"

Straubhaar: Eigentlich hat man im Prinzip schon in den neunziger Jahren erkannt, dass Finanzmärkte eine neue Dimension erlangen. Einmal geographisch durch den Abbau von nationalen Schranken , dann aber ganz sicher vor allem durch neue Technologien, Internet, neue leistungsfähigere Computer, die ein Suchen nach kleinsten Unterschieden Preisunterschieden auf weltweiten Märkten möglich gemacht haben, um sofort Transaktionen loszutreten. Dann Computerhandel, dann neue, andere Finanzmarktinstrumente, die durch Deregulierungsprozesse – vor allem in Amerika – ermöglicht wurden. Da hat nicht die Wissenschaft an sich versagt, sondern die wirtschaftspolitischen Folgerungen, die gezogen wurden, waren falsch.

ZEIT ONLINE: Ist das dann also weniger ein Problem der Forschung oder der Fachrichtung als des Mainstreams innerhalb dieser Fachrichtung?

Straubhaar: Ich glaube, das ist der entscheidende Punkt. Hier muss man gewisse Konsequenzen ziehen. Was wissenschaftlich publiziert wird, was zu wissenschaftlichen Karrieren führt, ist eben ein hoch komplexer Prozess mit vielen Akteuren, denen es nicht nur um relevante Erkenntnisse, sondern – ganz banal – auch um ganz persönliche Interessen geht. Und da gab es in den vergangenen Jahren zu viele Anreize, die zu einer Herdenbildung innerhalb der Ökonomie geführt haben. Das ist empirisch feststellbar. In Amerika wurden Standards gesetzt, die hierzulande nachgeahmt worden sind.