ZEIT ONLINE: Herr Bareiß, die Energiewende kostet und die Belastungen sind ungleich verteilt: Im Gegensatz zu Privathaushalten genießt die Industrie zahlreiche Ausnahmen bei den Strompreisen. Ist das fair?

Thomas Bareiß: In der Tat werden die Kosten zur Achillesferse der Energiewende. Wenn wir diese nicht gerecht verteilen, dann gefährden wir das gesamte Projekt.

ZEIT ONLINE: Aber die Verbraucher werden durch die Ökostrom-Umlage belastet und zahlen steigende Netzentgelte. Unternehmen können sich dagegen von ihnen befreien.

Bareiß: Es gibt einen Konsens zwischen allen Parteien, dass wir gewisse Industriezweige, insbesondere die energieintensive Industrie, befreien müssen, wenn wir sie in Deutschland halten wollen. Wenn ein Unternehmen Energiekosten von mehr als 20 Prozent hat, dann ist es entscheidend, ob die Kilowattstunde sechs Cent oder, wie teilweise im Ausland, nur zwei Cent kostet. Die Unternehmen sind dann von heute auf morgen verschwunden. Und mit ihnen die Arbeitsplätze. 

ZEIT ONLINE: Teilweise genießen aber Unternehmen Ausnahmen von der EEG-Umlage, die nicht unbedingt im internationalen Wettbewerb stehen.

Bareiß: Da haben Sie Recht. Das prüfen wir auch sehr genau, aber Änderungen sind nicht immer leicht: Beispielsweise bei der Bodensee-Wasserversorgung, der die EEG Befreiung gestrichen wird, weil sie nicht im internationalen Wettbewerb steht. Das bedeutet dann leider auch höhere Wasserpreise in meiner Heimat. In der Übergangsphase ist die Energiewende sicher nicht umsonst. Da dürfen wir den Leuten auch keinen Sand in die Augen streuen.

ZEIT ONLINE: Wird die Bundesregierung weitere Ausnahmen für Firmen streichen?

Bareiß: Nein, im Gegenteil: Ich befürchte, es wird zukünftig noch mehr Vergünstigungen geben. Grund dafür sind die Energiemärkte, die flexibel auf das Angebot erneuerbarer Energien reagieren müssen. Schauen Sie sich etwa die Pumpspeicher-Kraftwerke an. Früher kamen sie mittags zum Einsatz und haben zu dieser Zeit Geld verdient. Inzwischen speisen aber die zahlreichen Solaranlagen ebenfalls zu dieser Zeit ein und übernehmen den Ausgleich der Spitzenlast.

Trotzdem brauchen wir die Pumpspeicherkraftwerke, weil die Sonne ja nicht immer scheint, der Wind nicht immer weht. Sie sind systemrelevant und haben eine netzstabilisierende Wirkung. Daher müssen wir sie mit der aktuellen Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes auch von der Ökostrom-Umlage befreien. Damit es sich überhaupt noch lohnt, Pumpspeicherkraftwerke zu betreiben.

ZEIT ONLINE: Gibt es im Gegenzug Überlegungen, einkommensschwache Haushalte gezielter zu entlasten, mit Zuschüssen oder Sozialtarifen?

Bareiß: Nein, davor warne ich auch. Man muss klar sagen: Jeder muss seinen Teil zur Energiewende beitragen, auch die Privathaushalte. Natürlich verstehe ich die Kritik, weil das genau die Leute sind, denen wir im Wahlkampf gesagt haben: Ihr werdet mehr netto vom brutto haben.

Aber das ist auch der Preis für den gewollten schnelleren Ausstieg aus der Kernenergie. Deshalb gestalten wir die Energiewende vernünftig und kürzen beispielsweise die Überförderung der Photovoltaik. Denn allein sieben Milliarden Euro zahlen die Stromkunden jedes Jahr für die Vergütung von Solarstrom. Dabei macht Solarstrom gerade einmal drei Prozent des Stromanteils aus. Wenn man Kosten einsparen will, dann muss man genau hier jetzt kürzen.