NicaraguaWo Solidarität wichtiger als Gewinn ist

Mit dem Einstieg in den fairen Handel begann der Aufstieg: Früher waren die Kaffeepflücker auf der Finca Corinto in Nicaragua moderne Sklaven, jetzt sind sie Unternehmer. von 

Manchmal komme sie sich vor wie im Märchen, sagt Ana Maria González. Und märchenhaft sieht es auch aus auf ihrer Finca Corinto in den Bergen Nicaraguas . Wie ein Gemälde von Claude Monet : sanfte Hügel in allen nur erdenklichen Grünvarianten, dazwischen die Tupfer bunter Blüten, an denen sich Schmetterlinge und Kolibris laben. Ein einzigartiges Mikroklima auf knapp tausend Metern Höhe in den Tropen. Hier wächst einer der besten Hochlandkaffees weltweit. Gehegt, geerntet und exportiert wird er von den Kleinbauern der Region. Das war nicht immer so.

Das Land gehörte vor 30 Jahren der Familie des Diktators Somoza. González war damals noch keine 20 und arbeitete wie ihre gesamte Familie als Tagelöhnerin beim Kaffeepflücken. Während der Erntezeit erhielten sie einen mageren Lohn, aber den Rest des Jahres gab es kaum Verdienstmöglichkeiten, und auch das winzige Stückchen Land für den Eigenanbau gab nicht immer etwas zu essen her. Die Kaffeepflücker waren moderne Sklaven, ohne Bildung, ohne Gesundheitsfürsorge; Umweltgiften und Misshandlungen ausgesetzt. "Damals habe ich immer nur den Blick gesenkt und hätte es nie gewagt, mich mit jemandem zu unterhalten", sagt die heute so redselige Bäuerin und schickt ein selbstbewusstes Lachen hinterher.

Von der Tagelöhnerin hat es die 52-Jährige zur Unternehmerin gebracht. Heute ist sie Mitglied der Kaffeegenossenschaft Soppexcca, der 650 Bauern angehören. Gemeinsam haben sie aus der Genossenschaft ein florierendes Unternehmen gemacht, das in der Nähe der Provinzstadt Jinotega über eine eigene Verarbeitungsanlage verfügt und 100.000 Zentner Kaffee jährlich in alle Welt exportiert. Zur Erntezeit bietet die Genossenschaft Hunderten von Menschen Arbeitsplätze; die Kinder vieler Kaffeebauern haben studiert und überwachen heute als Betriebswirte, Ingenieure oder Kaffeevorkoster die Produktion statt abzuwandern in die großen Städte oder in die USA , wie so viele andere Jugendliche in Nicaragua.

Ernte wird vorfinanziert

"Geschafft haben wir das alles dank dem fairen Handel", sagt Yamil Portillo vom Vorstand der Genossenschaft. Die Sandinisten übergaben nach dem Sieg der Revolution 1980 zwar das Land den Bauern, doch es fehlte an Fachkenntnis über den Anbau und die Vermarktung. "Als dann auch noch der Kaffeepreis in den Keller fiel und wir nicht wussten, wie wir überleben sollten, zahlten uns die Vermarkter fairer Produkte das Doppelte und finanzierten uns die Ernte vor", erinnert sich Portillo.

Einer davon war damals die gepa Deutschland, die heute noch bei den Bauern von Soppexcca Edelkaffee kauft. "Die Zeiten der bitteren Sandino-Dröhnung sind längst vorbei, heute herrschen strenge Qualitätskontrollen, und der Kaffee kann mit jedem anderen Qualitätskaffee mithalten", sagt Petra Münchmeyer von der gepa. Der Preis wird zwischen Produzenten und Fairhandels-Gesellschaften jedes Jahr von Neuem ausgehandelt; er besteht aus dem Weltmarktpreis plus einem Aufschlag. 

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Leserkommentare
  1. Nicht Fairtrade zu kaufen, halte ich ehrlich gesagt bis zu einem gewissen Grad für unverantwortlich..

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    Leider müssen die Käufer heute den Arbeitern, die die Waren herstellen, nicht mehr in die Augen sehen und dir Produktionsstätten sind weit weg.

    Dabei wär's so einfach. Wenn die Verkäufer auf die Nahrungsmittelverpackungen nicht mehr Fantasie-Landschaften, -Hühner, -Kühe oder -Früchte und -Bezeichnungen drucken dürften, wäre der erste Vernebelung- und Täuschungsschleier schon gelüftet.

    Als zweiter Schritt könnte z. B. auf die Etiketten von Bangladesh-Shirts ein QR-Code gedruckt werden, der den interessierten Shirtkäufer bei H&M oder C&A per Web-Cam einen Live-Blick in die Skalven-Fabrik mit angeschlossenem Arbeiter-Slum werfen lässt.

    Nun ja, möglich wäre vieles, aber leider ist unser Gesetzgeber schon zu diesem ersten Schritt nicht fähig.

  2. Ich würde mir viel mehr Fairtrade-Produkte im Supermarkt wünschen. Bei Kaffee und Kakao/Schokolade ist es in unserem Haushalt schon lange eine Selbstverständlicheit.

    Schmerzlich vermisse ich noch Fairtrade bei Gewürzen, Tee, Reis, exotischen Obst und Gemüsesorten.

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  3. Leider müssen die Käufer heute den Arbeitern, die die Waren herstellen, nicht mehr in die Augen sehen und dir Produktionsstätten sind weit weg.

    Dabei wär's so einfach. Wenn die Verkäufer auf die Nahrungsmittelverpackungen nicht mehr Fantasie-Landschaften, -Hühner, -Kühe oder -Früchte und -Bezeichnungen drucken dürften, wäre der erste Vernebelung- und Täuschungsschleier schon gelüftet.

    Als zweiter Schritt könnte z. B. auf die Etiketten von Bangladesh-Shirts ein QR-Code gedruckt werden, der den interessierten Shirtkäufer bei H&M oder C&A per Web-Cam einen Live-Blick in die Skalven-Fabrik mit angeschlossenem Arbeiter-Slum werfen lässt.

    Nun ja, möglich wäre vieles, aber leider ist unser Gesetzgeber schon zu diesem ersten Schritt nicht fähig.

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    Antwort auf "Bei Luxusgütern.."
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    Wer von Hartz 4 oder Niedriglöhnen leben muss (und diese Gruppe stellt nunmal den Großteil unserer Bevölkerung) hat kaum eine andere Wahl als zu billig-Discountern wie H&M zu gehen. Und im Gegensatz zu Luxusgütern wie Kaffee kann man schlecht auf Klamotten verzichten. So schlimm die Situation auch ist, man kann schlecht von jedem Normalbürger erwarten die Welt zu retten.

  4. Wer von Hartz 4 oder Niedriglöhnen leben muss (und diese Gruppe stellt nunmal den Großteil unserer Bevölkerung) hat kaum eine andere Wahl als zu billig-Discountern wie H&M zu gehen. Und im Gegensatz zu Luxusgütern wie Kaffee kann man schlecht auf Klamotten verzichten. So schlimm die Situation auch ist, man kann schlecht von jedem Normalbürger erwarten die Welt zu retten.

    Antwort auf ""unverantwortlich""

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gewinn | Solidarität | Nicaragua | Claude Monet | Kaffee | Kakao
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